Thema IIb: Primäre und sekundäre Prävention in der Frauenheilkunde

Moderator: Frau Prof. Dr. Dr. med. Mechthild Neises, Hannover

Die Vorträge umfassen eine Zusammenstellung der Möglichkeiten des präventiven Handelns in Gynäkologie und Geburtshilfe auf der Basis des aktuellen Wissens dieses Fachgebietes.

Die Bedeutung präventiver Ansätze hat eine lange Geschichte, auch wenn bisher 90% aller Ausgaben für das Gesundheitswesen in die kurative Medizin fließen. Schon in den 80er Jahren wurde von Husslein betont, dass die kurative Medizin nur am Rande etwas mit Gesundheit zu tun habe. Sie sei eine Wiederherstellungsmedizin, aber nicht eine Medizin, die die Gesundheit fördert und bewahrt. Wie er meinte, können weitere Investitionen in das Gesundheitssystem die Gesundheit nicht verbessern. Insofern ist neben der kurativen Medizin die Präventivmedizin und die Krankheitsfrüherkennung zu betonen, da Gesundheit nur um den Preis einer Änderung des Lebensstils zu haben sei. Mit der jetzt vorgestellten Bestandsaufnahme werden unsere heutigen Möglichkeiten der Prävention in Geburtshilfe, Gynäkologie und gynäkologischer Onkologie vorgestellt. Mit Prävention und Früherkennung werden wichtige Impulse gegeben, um die notwendigen Prozesse in Gang zu setzen, deren Effekte sich allerdings oft erst Jahrzehnte später erkennen lassen.

Im rechtzeitigen Erkennen von gesundheitlichen Risiken und auch dem Ergreifen von Maßnahmen, die zur Verhinderung von Erkrankungen führen, liegt die große Bedeutung in der präventiven Medizin. In der Gynäkologie lässt sich die Anwendung hormoneller Therapie unter präventiven Aspekten diskutieren. In der gynäkologischen Onkologie hat die Erkennung von Risikofaktoren von zervikalen Neoplasien eine große Bedeutung, verbunden mit der Frage, welches gesicherte Wissen wir über das Risikoverhalten haben. Ernährung und Krebs ist nicht nur in der Gynäkologie ein wichtiges Thema, das unter ätiologischen Aspekten relevant ist und dem insbesondere Laien auch therapeutische Aspekte zuschreiben. Und schließlich gibt die Übersicht zur Prävention in der Geburtshilfe eine interessante Zusammenstellung zu Aspekten der Konzeption, der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbettes, wobei kritisch hervorgehoben wird, dass Prävention mit dem Anspruch auf gezielte Verringerung von Erkrankungshäufigkeit und -schwere für den Bereich der Geburtshilfe nur noch bedingt anwendbar ist, da Konzeption, Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett als physiologische Prozesse zu sehen sind und das wichtigste Ziel der Geburtshilfe die weitgehende Erhaltung und Unterstützung dieser Physiologie im Sinne einer Gesundheitsförderung ist.

Schließlich bleibt zu fragen, was präventivem Verhalten im Wege steht. Gesundheitsverhalten lässt sich als sinnhaftes, auf die körperlich-seelische Befindlichkeit ausgerichtetes Tun, Lassen oder Dulden verstehen. Damit soll letztlich Wohlbefinden erhalten, gefördert oder wiederhergestellt werden. Dieses Handeln kann einerseits zwanghaftes Verhalten im Sinne von Gesundheitsdisziplin sein und andererseits im Sinne von Gesundheitspräferenz eher mit Befriedigung und Wohlbehagen einhergehen. Es wird deutlich, dass sehr unterschiedliche psychologische Wahrnehmungs- und Verhaltensvarianten damit einhergehen. Die Motivation zum Gesundheitsverhalten lässt sich sicher nicht auf eine durchgängige Persönlichkeitseigenschaft zurückführen, da dieses Verhalten immer auf heterogene Lebensbereiche bezogen ist. Dabei ist immer ein sozialer Kontext mit zu berücksichtigen, was im Einzelfall als gesund gilt. Am Beispiel der Einstellung zur Krebsfrüherkennungsuntersuchung lässt sich deutlich machen, wie schwierig ein übergreifendes psychologisches Konstrukt von Gesundheitsverhalten ist. Die Teilnahme an einer Krebsfrüherkennungsuntersuchung hat zwei Konsequenzen: Zum Einen die subjektive Bestätigung, dass zur zeit kein Karzinom vorliegt, oder zum Anderen die Diagnose eines Karzinoms, und dies möglicherweise in einem früheren Stadium mit besseren Heilungsaussichten.

In dieses Kosten-Nutzen-Kalkül gehen auch weitere Faktoren ein wie Alter, allgemeine Einstellung zur medizinischen Versorgung, aktuelle Gefühle, zum Beispiel durch Krankheitserfahrung im Umfeld und anderes mehr. Darüber hinaus gibt es neben den allgemeinen Aspekten des Lebensstils einige kognitive und emotionale Aspekte, die präventives Verhalten beeinflussen, wie z. B. Zukunftsorientierung und Selbstverantwortlichkeit, Attributionen und Aspekten der Selbstwirksamkeit.

Gerade im Spannungsfeld präventiver und antipräventiver Wertsysteme haben die vielfältigen Grundhaltungen von Menschen in ihrer jeweiligen Gerichtetheit und Ausprägung eine auf den individuellen Lebensstil bezogene Bedeutung. Nicht präventives Verhalten kann aus mangelndem Faktenwissen über Krebserkrankungen resultieren. Unabhängig davon lässt sich im Hinblick auf die Krebserkrankung ein Wertewissen nachweisen, das als höchster Wert angesehen wird, nicht an Krebs zu erkranken bzw. bei Erkrankung davon geheilt zu werden. Diese Kluft zwischen Wertewissen und Faktenwissen schlägt sich auch im Bereich des Normenwissens nieder, in dem es wenig Verhaltensanweisungen gibt in Richtung auf das angestrebte Ziel, "nicht an Krebs zu erkranken". Auch dieser Konflikt beeinträchtigt die Teilnahme an der Krebsfrüherkennungsuntersuchung. Wirklich prophylaktisches Handeln erscheint wegen mangelndem individuellen als auch professionellen Faktenwissen nicht möglich. Es bleibt beschränkt auf diagnostisches und u. U. begrenztes therapeutisches Handeln. Damit bleibt die Krebsprävention in der Laienperspektive dem Kompetenzbereich der Medizin zugeordnet mit der Einschränkung, dass auch dort das Faktenwissen bisher nicht völlig gesichert ist.

Auf Seiten des Arztes/der Ärztin sollten die Mechanismen, die präventivem Verhalten im Wege stehen können, bekannt sein und wahrgenommen werden, erst dann lässt sich die Stärkung der Arztpraxis in der Gesundheitsberatung und Prävention erreichen.