Eine besondere Therapierichtung: Erkenntnisse aus der Akasha-Chronik

Barbara Burkhard, München

Der Gesetzgeber hat im Arzneimittelgesetz und im Sozialgesetzbuch V drei Therapierichtungen als "besonders" gekennzeichnet und zusätzlich privilegiert. Der Kenntnisstand über ihre Grundlagen entspricht jedoch nicht ihrer Popularität. Ein aktuelles Urteil des Bundessozialgerichts und Forderungen, die ein "Bündnis für Komplementärmedizin" vor der letzten Bundestagswahl an die Gesundheitspolitik gestellt hat, sollten Grund genug sein, sich über die theoretischen Grundlagen und die aus ihnen entwickelten Arznei- und Heilmittel am Beispiel einer dieser "besonderen Therapierichtungen", der anthroposophischen Medizin, zu informieren. Der Philologe Rudolf Steiner begründete Anfang des 20. Jahrhunderts die Anthroposophie als eine alle Lebensbereiche durchdringende Weltanschauung. Seinen Angaben zufolge hat er das gesamte Panorama der Welt-, Erd- und Menschheitsentwicklung aus dem Weltenäther, der virtuellen "Akasha-Chronik", "abgelesen", d. h. als seine persönliche Vision erfahren. Auf diesem Weltbild basiert auch die anthroposophische Medizin, die sich als "geisteswissenschaftliche" Erweiterung der naturwissenschaftlichen Medizin versteht. Daher kann sie nicht durch ein rein naturwissenschaftliches Studium erlernt werden. Vielmehr sei ein bewusster und langwieriger Schulungsweg erforderlich - zur Ausbildung höherer Fähigkeiten (übersinnlicher Wahrnehmungsorgane), um Erkenntnisse in der geistigen Welt zu erlangen. Diese Schulung ist ein Kernstück der anthroposophischen "Geisteswissenschaft". Derartige Erkenntnisse sind notwendig, will man z. B. die von Steiner postulierten vier Wesensglieder (physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich-Organisation) erfassen. Eine Störung ihres Gleichgewichtes gilt als eigentliche Ursache von Erkrankungen. Die Wesensglieder-Diagnostik soll die Störungsebene feststellen und einen dann Erfolg versprechenden Einsatz der verschiedenen Therapieformen ermöglichen.

Außerhalb anthroposophischer Kreise sind meist nur zwei Therapieformen bekannt:

  • Die Mistel als "wirklich kausales Heilmittel" gegen Karzinombildung aufgrund ihrer "wesensmäßigen Verwandtschaft" . "Das unbedingt spezifische Mittel" entstehe nur, wenn man Steiners detaillierte Angaben zur Herstellung umsetze.

  • Heileurythmie, eine Bewegungstherapie: Laute (Vokale, Konsonanten) werden mit Bewegungen des ganzen Körpers gestaltet. Von der Krankengymnastik unterscheide sie sich durch die Qualität der Bewegung, die die seelisch-geistige Dimension des Menschen mit integriere. Daher sei es möglich, die Heileurythmie durch gezielte rhythmische Lautbewegungen ähnlich differenziert und krankheitsspezifisch anzuwenden wie eine medikamentöse Behandlung.

Wie problematisch der Sonderstatus dieser "besonderen Therapierichtung" ist, zeigt sich z. B. darin, dass anthroposophische Mistelpräparate größtenteils von nicht anthroposophischen Ärzten verordnet werden, die den Schulungsweg nicht durchlaufen haben und ebenso wenig wie ihre Patienten die "geisteswissenschaftlichen Grundlagen" kennen. Glauben die Protagonisten - im Gegensatz zu früher - an eine unveränderte Wirksamkeit außerhalb eines anthroposophischen Gesamtkonzeptes, das dann ja verzichtbar wäre? Oder nimmt man - aus welchen Gründen auch immer - reduzierte Wirksamkeit in Kauf?