Hannelore Löwel: Die Akutbehandlung des Myokardinfarkts - unter "gender main stream"-Aspekten

Hannelore Löwel, Neuherberg

Lange dominierte die Vorstellung die Medizin, dass bei beiden Geschlechtern auftretende Krankheiten geschlechtsneutral seien. Die epidemiologische Betrachtung zeigt sehr schnell, dass Häufigkeit, Verteilung und Verlauf von Krankheiten generell bei Männern (M) und Frauen (F) verschieden sind und im sekularen Trend Veränderungen erfahren. Das gilt insbesondere für den akuten Herzinfarkt (HI), bei dem sich durch die systematische Erforschung in Bezug auf Entstehung, Diagnostik und Therapie weitreichende präventiv relevante Veränderungen ergeben haben.

Methoden: Das seit 1985 etablierte MONICA/KORA-HI-Register für die 25- bis 74-jährigen Einwohner der Region Augsburg (2003: M 203000, F 204000) bildet die Datenbasis für die geschlechtsspezifische Bewertung des HI-Geschehens unter Einschluss der prähospitalen und frühstationären koronaren Todesfälle aus bevölkerungs-medizinischer Sicht.

Ergebnisse: Die Bewertung der medizinischen Versorgung erfordert einen strikten Zeitbezug, da Daten aus den 80er Jahren nicht mehr die gender-spezifischen Besonderheiten des beginnenden 21. Jahrhunderts reflektieren. Die seit dem Jahre 2000 international verbindliche evidenzbasierte Definition des HI mit einer Beschwerdedauer von bereits 5 Minuten und noch nicht vorhandenen ST-Hebungen im EKG (NSTEMI) führte zu einer Vorverlegung der Diagnosestellung in die Phase frühzeitiger, durch einen Anstieg der Troponinwerte nachweisbare Ischämiezeichen des Herzmuskels mit der Konsequenz schnellstmöglicher interventionell-rekanalisierender Therapie in Verbindung mit der medikamentösen Behandlung mit Thrombozytenaggregationshemmern, Beta-Blockern, ACE-Hemmern und Lipidsenkern (Statinen), die inzwischen mehr als 70  % aller HI-Patienten erhalten. Das frühere Abwarten auf mindestens 20 Min. andauernde Brustschmerzen mit dem Nachweis von HI-typischen EKG-Veränderungen (STEMI) als notwendige Voraussetzung für den Beginn einer thrombusauflösenden medikamentösen Therapie war aus heutiger Sicht die Ursache für die extrem hohe Frühletalität; 1985-2000 verstarben noch 33  % (M) und 37  % (F) vor und weitere 18  % (M) resp. 22  % (F) nach Erreichen eines Krankenhauses. Die moderne Behandlungsstrategie bestehend aus sofortiger Kontaktierung des Notarztes, schnellstmöglicher Hospitalisierung zur labor-medizinischen Diagnostik mit folgender interventioneller Rekanalisierung führte schlagartig - und jetzt ohne Geschlechtsunterschiede - zu einer Reduktion der 24-Stunden-Letalität auf 25  % vor und 12  % nach Erreichen einer Klinik. Die weitere Prognose zeigte die bei beiden Geschlechtern seit mehr als 10 Jahren niedrige 28-Tage-Letalität von etwa 7  %. Nahezu unverändert über die Jahre blieb das Risikoprofil der vom HI/koronaren Herztod Betroffenen: Bluthochdruck (M 75  %, F 82  %) Fettstoffwechselstörungen (M 79  % und F 80  %), Diabetes (M 32  %, F 37  %), aktuelles Zigarettenrauchen (M 29  %, F 27  %).

Schlussfolgerungen: Die aktuellen Behandlungserfolge basieren auf einer zwischen ambulanter und stationärer Versorgung abgestimmten Versorgungsstrategie beim HI, erfordert aber unvermindert primär- und auch sekundärpräventive Aktivitäten durch Patient und Arzt