Klaus-Gerrit Gerdts: Die Akutbehandlung von Apoplex und Myokardinfarkt - aus rettungsmedizinischer Sicht

Klaus-Gerrit Gerdts, Cuxhaven

Nahezu die Hälfte aller Rettungsdiensteinsätze in Deutschland entfallen auf die Einsatzindikationen "akutes Koronarsyndrom" und "Schlaganfall". Beiden Erkrankungen ist gemeinsam, dass für eine wirkungsvolle Therapie nur ein kurzes Zeitfenster zur Verfügung steht. Die rettungsdienstliche Akutbehandlung kann einen entscheidenden Beitrag für Überleben und Überlebensqualität dieser Patienten leisten.

In der im Jahr 2000 ausgerufenen "Ära der Reperfusion" eröffnen sich für beide Patientengruppen neue Therapieoptionen - wenn sie denn das Krankenhaus lebend erreichen, und dazu noch die richtige Klinik. Für beide Kriterien ist der Rettungsdienst verantwortlich.

Beim akuten Koronarsyndrom bietet sich die Möglichkeit der präklinischen Differenzierung durch ein mobiles Zwölfkanal-EKG. ST-Hebungsinfarkte können sicher identifiziert und noch vor Transportbeginn durch präklinische Thrombolyse kausal behandelt werden. Die Forderung, Infarktpatienten innerhalb von 90 Minuten einer invasiven kardiologischen Diagnostik und Therapie zuzuführen, stellt eine erhebliche organisatorische Herausforderung für Rettungsdienst und Klinik dar. Beispiele der jüngsten Zeit aus Hamburg und anderswo zeigen, dass dieses Ziel bei nahtloser Zusammenarbeit von Notarztdienst und Kliniken erreichbar ist.

Anders als beim akuten Brustschmerz wird der Notarzt zur Mehrzahl der akuten Schlaganfälle nicht gerufen. Das zeitkritische Intervall vom Eintritt des Ereignisses bis zur Einleitung einer fibrinolytischen Therapie in einer geeigneten Klinik ist in der Öffentlichkeit praktisch unbekannt. Nur eine Minderheit der Schlaganfallpatienten profitiert derzeit von einer präklinischen Therapie und Triage und dem schnellstmöglichen Transport in eine Behandlungseinrichtung mit CT und Thrombolysebereitschaft. Die Differenzierung zwischen Hirnblutung und Gefäßverschluss ist bei ähnlicher Symptomatik im Rettungsdienst nicht möglich, so dass sich die Behandlung unspezifisch auf die Sicherstellung der Vitalfunktionen, Behebung einer möglichen Dehydratation, Normalisierung des Blutzuckerspiegels und vorsichtige Senkung exzessiv erhöhter Blutdruckwerte beschränken muss. Entscheidend ist die notärztliche Triage zur Identifizierung potentieller Lysekandidaten und deren schnellstmöglicher Transport in eine geeignete aufnahmebereite Klinik.

Ein Blick auf die wenigen publizierten Arbeiten zur Qualität der notärztlichen Versorgung von Schlaganfall- und Infarktpatienten im "besten Rettungsdienst der Welt" gibt Anlass zur Sorge. Es bedarf noch erheblicher Anstrengungen, um im Rahmen der bereits gegebenen Möglichkeiten eine optimale präklinische Notfallbehandlung für dieses gefährdete Patientenkollektiv sicherzustellen.