Georg Maschmeyer: Infektionsprophylaxe bei Tumorpatienten

Georg Maschmeyer, Potsdam

Fazit für die Praxis

Bei Tumorpatienten, die nicht im Rahmen kontrollierter Studien eine vorgegebene Infektionsprophylaxe mit antimikrobiellen Substanzen oder hämatopoetischen Wachstumsfaktoren (Filgrastim, Lenograstim oder Pegfilgrastim) erhalten, ist die individuelle Vorgehensweise unter Berücksichtigung der jeweils vorliegenden Art der Immunsuppression (Neutropenie, Antikörpermangel, T-Zellsuppression, Asplenie oder Kombination davon) mit dem behandelnden Zentrum abzustimmen. Eine Reduktion infektionsassoziierter Morbidität kann in vielen Fällen durch antimikrobielle Substanzen und G-CSF erreicht werden, allerdings ist die Indikation im Hinblick auf die damit verbundenen Kosten, das Risiko der Resistenzentwicklung gegen Antibiotika und die möglichen Nebenwirkungen in jedem Einzelfall kritisch zu prüfen. Prinzipiell gerechtfertigt erscheint der primäre prophylaktische Einsatz von G-CSF nur bei Patienten, bei denen als Folge der geplanten antineoplastischen Therapie Infektionen mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 40 % zu erwarten sind.

Tritt bei Patienten, bei denen zunächst keine primäre Infektionsprophylaxe durchgeführt wurde, wider Erwarten eine ernsthafte infektiöse Komplikation auf, sollte die Indikation für eine solche Prophylaxe im Sinne einer Sekundärprävention individuell entschieden werden.

Auf Überlebensraten und -dauer haben diese Maßnahmen keinen signifikanten Einfluss. Dies gilt auch für Patienten, bei denen durch den Einsatz prophylaktischer Antibiotika oder hämatopoetischer Wachstumsfaktoren die Einhaltung des Chemotherapieprotokolls signifikant verbessert werden konnte (Ottmann et al 1995, Fossa et al 1998, Papaldo et al 2003)

Individuelle Verhaltensregeln oder hygienische Maßnahmen sind in ihrem Effekt auf Fieber- oder Infektionsraten bei Tumorpatienten leider kaum in kontrollierten Studien untersucht. Empfehlungen zur Vermeidung bestimmter Nahrungsmittel oder Tätigkeiten sowie zu Hygienemaßnahmen entsprechen demnach weitgehend Expertenmeinungen oder stellen Schlussfolgerungen aus epidemiologischen Erkenntnissen und Einzelfallbeobachtungen dar. Soweit diese eine normale Lebensführung nicht in unvertretbarer Weise beeinträchtigen, haben sie auch Eingang in Leitlinien zur Infektionsprävention bei Tumorpatienten gefunden.