30. Interdisziplinäres Forum der Bundesärztekammer "Fortschritt und Fortbildung in der Medizin"

G. H. Scholz: Nichtmedikamentöse Adipositastherapie – Praxis und Zukunftsstrategien

Prof. Dr. med. habil. G. H. Scholz, Altenburg

Fehlernährung und Bewegungsmangel sind neben genetischer Prädisposition die Hauptursachen für die steigende Zahl übergewichtiger Menschen. Mit Adipositas ist eine große Zahl von Erkrankungen assoziiert, die die Lebensqualität beeinträchtigen und die Lebenserwartung reduzieren. Deren Behandlungsmöglichkeiten im medikamentösen und interventionellen Bereich stoßen bereits seit längerer Zeit an ökonomische Grenzen und überfordern weltweit zunehmend die Gesundheitssysteme. Die Ätiologie der Adipositas legt nahe, dass durch eine angemessene Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie die Adipositas selbst und ein Teil der mit Adipositas assoziierten Erkrankungen positiv beeinflusst werden können.

Bei der Adipositastherapie ist zu beachten, dass im Unterschied zur Prävention einige Komponenten der mit Adipositas assoziierten Krankheitsprozesse eine eigenständige Dynamik aufweisen und irreversibel sein können. Damit muss bei der Behandlung und der Bewertung von Therapieergebnissen zwischen "gesunden" Adipösen (nach üblichen Behandlungskriterien) und Patienten mit bereits vorhandenen Risikofaktoren und Erkrankungen unterschieden werden.

Berücksichtigt man die Entwicklung, den Verlauf und die Folgen der Adipositas, lassen sich die erreichbaren Resultate einer Adipositastherapie in verschiedene Kategorien gliedern:

  1. Positive Veränderung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens,
  2. Reduktion und nachfolgende Stabilisierung von Gewicht und Körperfett, besonders des visceralen Fettes bei weitgehender Erhaltung der Magermasse in einem Umfang, der zur Verbesserung oder Normalisierung metabolischer und hämodynamischer Risikofaktoren führt,
  3. Vermeidung oder positive Beeinflussung der mit Adipositas assoziierten Krankheiten,
  4. Mortalitätsreduktion.

Als Kriterien für den Erfolg ambulanter Programme in der Adipositastherapie werden derzeit die oben genannten Kategorien 1 und 2 nach Ablauf eines Jahres nach Beginn der Intervention herangezogen.

Seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigen wir uns mit der praktischen Umsetzung verschiedener Empfehlungen zur nichtmedikamentösen Behandlung der Adipositas. Mit dem Konzept „MIRA – Mit Intelligenz Richtig Abnehmen“ konnten wir eine wissenschaftliche Basis für Bewertung und Weiterentwicklung entsprechender Programme schaffen und das Konzept in die Praxis umsetzen.

Am Beispiel eigener 1-Jahres-Daten bei der Evaluierung werden im Vortrag die derzeit unter nahezu optimalen Bedingungen (wissenschaftlich fundierte Programme, hochmotivierte, partiell selbstzahlende Teilnehmer, professionelles Team und optimale Arbeitsbedingungen) erreichbaren Ergebnisse demonstriert.

Zukünftig werden entsprechende Programme aber an Ergebnissen zu bewerten sein, die weit über ein Beobachtungsjahr hinausgehen. In experimentellen Studien, das heißt bei kontrollierter Gewichtsreduktion mit strukturierten Programmen, gelten Ergebnisse nach Ablauf von 2-3 Jahren bereits als Langzeitergebnisse. Auch für diesen Zeitraum werden erste eigene Daten im Vortrag vorgestellt und kritisch bewertet. Nach unseren eigenen langjährigen Erfahrungen hat die nichtmedikamentöse Adipositastherapie bei Erwachsenen jedoch nur dann eine Zukunft, wenn sie neben dem oben genannten komplexen Therapieansatz auch individuelle sozioökonomische, psychosomatische und genetische Faktoren bzw. Erfolgsprädiktoren ausreichend berücksichtigt.