31. Interdisziplinäres Forum der Bundesärztekammer "Fortschritt und Fortbildung in der Medizin"

Annette Schürmann: Die Bedeutung der Genetik bei der Entstehung der Adipositas

Prof. Dr. Annette Schürmann, Potsdam

In den bisher untersuchten Studienpopulationen kann Adipositas nur zu 5-6 % auf monogene Defekte zurückgeführt werden, wobei Varianten des MC4R am häufigsten sind.  Adipositas ist also in erster Linie eine polygene Erkrankung, bei der – individuell unterschiedlich – etwa fünf bis zwanzig Genvarianten zusammen wirken, die darüber hinaus z. T. auch mit exogenen Faktoren (z. B. der Diät) interagieren.  Die Aufklärung der genetischen Prädisposition ist noch nicht abgeschlossen, monatlich werden neue Kandidaten als Adipositasgene in der Literatur beschrieben, für die es gilt, in groß angelegten Kohorten humane Assoziationsstudien durchzuführen.

Umfangreiche Kenntnisse zur Genetik der Adipositas und der Gen-Umwelt-Interaktionen werden es ermöglichen, frühzeitiger als bisher präventive Maßnahmen einzuleiten und damit die Entstehung der Adipositas zu verhindern oder zumindest zu verzögern.  Da bisher jedoch nur wenige Genvarianten bekannt sind, erfassen die bisher auf dem Markt angebotenen Gentests nur geringfügige Risikoveränderungen und sind deshalb zur Ermittlung einer individuellen Ernährungsempfehlung noch nicht geeignet.

Die Einblicke in die Genetik der Adipositas werden außerdem dazu beitragen, neue Ansatzpunkte zur pharmakologischen Therapie der Adipositas zu finden.  Ein Beispiel ist Rimonabant, ein Appetitzügler, der in das körpereigene Cannabinoid-System (Endocannabinoidsystem) eingreift und seine Wirkung über eine Hemmung von Cannabinoid-Rezeptoren des Subtyps CB1 vermittelt.  Ein weiteres Beispiel ist Exendin-4 (Exenatide), ein Peptid aus der Haut der südamerikanischen Echse Heloderma suspectum.  Exendin-4 ist ein Agonist des Glucagon-like-Peptide-1 (GLP1) Rezeptors, verbessert Insulinresistenz und Insulinsekretion und wird derzeit als antidiabetisches Präparat vermarktet.  In präklinischen Studien wurde darüber hinaus in Leptinrezeptor-defizienten sowie in normalen und hoch-Fett-Diät gefütterten Nagern eine Reduzierung des Körpergewichts beobachtet, die auf die über zentrale GLP1-Rezeptoren vermittelte Hemmung der Nahrungsaufnahme zurückgeführt wird [Mack et al. 2006].

Die Erforschung der Pathophysiologie und der Genetik der Adipositas wird uns auch in Zukunft beschäftigen und dazu beitragen, gezielte Präventionsmaßnahmen zu initiieren und effektive Medikamente zu entwickeln, um die Adipositasepidemie einzudämmen.