31. Interdisziplinäres Forum der Bundesärztekammer "Fortschritt und Fortbildung in der Medizin"

Petra A. Thürmann: Arzneimittelrisiken bei hochbetagten Patienten: Ergebnisse deutscher Studien

Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann, Wuppertal

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAWs) betreffen alte Menschen häufiger als junge. Die Multimorbidität mit konsekutiver Multimedikation spielt eine Rolle, andererseits auch die eingeschränkte Fähigkeit des älteren Organismus, Medikamente zu eliminieren bzw. die zum Teil höhere Sensitivität gegenüber Arzneimitteln. Bei der Betrachtung schwerwiegender UAWs, die zu Krankenhauseinweisungen führen, fällt auf, dass Herz/Kreislaufmedikamente und Antidiabetika eine führende Rolle einnehmen. Gerade diejenigen Arzneimittel wie Digitalisglykoside oder Diuretika, deren geringere therapeutische Breite bei alten Menschen bekannt ist, sind im hohen Alter oftmals ursächlich für UAWs. Nichtberücksichtigung grundlegender Aspekte der Pharmakotherapie im Alter, d.h. Beachtung des Körpergewichtes, der Körperzusammensetzung, der Nieren- und Leberfunktion und der Komedikation stellt eine häufige Ursache für UAWs dar. Etwa 30-40 % der UAWs werden als vermeidbar eingeschätzt, dies entspricht auch Zahlen aus internationalen Studien. Bei Heimbewohnern weisen Demenzkranke ein sehr hohes UAW-Risiko auf, Neuroleptika werden bei Heimbewohnern nicht nur häufig verordnet, sondern stellen auch die Substanzgruppe dar, die am häufigsten mit UAWs verbunden sind (in 33 %). Bei der Analyse der UAWs in Altenheimen tritt ebenfalls zutage, dass neben einer inadäquaten Dosierung fehlendes Monitoring von Arzneimitteleffekten häufig zu UAWs führt. Ob und inwieweit elektronische Verordnungshilfen und/oder der Einsatz geriatrischer Care-Teams eine signifikante Abnahme der UAW-bedingten Morbidität und Mortalität alter Menschen bewirken kann, ist in Deutschland noch nicht umfassend nachgewiesen.

 

Summary

Adverse drug reactions (ADRs) occur more frequently in elderly than in younger patients. Multimorbidity with subsequent polypharmacy plays a major role, however, the elimination capacity decreases with increasing age and the sensitivity towards certain drugs may be enhanced. With respect to serious ADRs resulting in hospitalisation, cardiovascular drugs and antidiabetics have a leading role. Especially those drugs such as digitalis glycosides and diuretics, with their well-known narrow therapeutic range in the elderly, still belong to those drugs which cause the majority of ADRs. Neglect of basic clinical pharmacological principles, i. e. accounting for body weight, body composition, renal and liver function and comedication is a frequent cause for ADRs. In accordance with international data, approximately 30-40 % of ADRs in the elderly are considered to be preventable. In nursing homes especially elderlies with dementia are very likely to suffer from an ADR, more over antipsychotic prescriptions are associated with an increased risk for ADRs. Besides inadequate dosing insufficient monitoring of drug effects frequently results in preventable ADRs. The benefits of electronic prescribing aids and/or geriatric care teams have not yet been proven for the situation of the German healthcare system.