Physiologische Besonderheiten des kindlichen Organismus mit Relevanz für die Arzneimitteltherapie

Prof. Dr. med. Hannsjörg W. Seyberth, Marburg

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, eine triftige Feststellung und die beste Begründung für die Existenzberechtigung der Pädiatrie. Bei Nicht-Beachtung dieses Grundsatzes wird nahezu jede pharmakotherapeutische Intervention bei einem Kind zu einem unberechenbaren Risiko. Je nach Entwicklungsstadium unterscheidet sich das Kind in einer für seine Entwicklung spezifischen Weise von dem Erwachsenen. Dies trifft im anatomischen Aufbau, in der Physiologie, dem Krankheitsspektrum und dann natürlich auch zwangsläufig bei der Arzneimitteltherapie zu.

Heute unterscheiden wir in der pädiatrischen Gesamtpopulation mindestens fünf physiologisch relevante Entwicklungsstadien: das Frühgeborene, das Termingeborene, den Säugling bzw. das Kleinkind, das Kindergarten- und Schulkind und den Jugendlichen. In der sehr frühen Phase der Entwicklung weicht sowohl die Pharmakokinetik als auch die Pharmakodynamik eines Arzneimittels auf Grund der ausgeprägten Unreife vieler Organfunktionen am ausgeprägtesten von der Pharmakologie des Erwachsenen ab. Das hat als praktische Konsequenz, dass bei der Pharmakotherapie üblicherweise eine deutlich niedrigere Arzneimitteldosis dem Früh- und Neugeborenen verabreicht werden muss, als man auf Grund des Körpergewichtes hätte annehmen müssen. In den anschließenden Stadien verläuft die Entwicklung keineswegs linear. So verfügt der Säugling und das Kleinkind über eine hohe Ganzkörper-Clearance, die eine erheblich höhere Arzneimitteldosierung notwendig macht, um eine therapeutisch wirksame Konzentration im Körper aufbauen zu können. In der Pubertät bewegt sich dann die gesamte Arzneimitteldisposition auf die Verhältnisse hin, wie sie bei dem Erwachsenen bestehen.

Während bei einer Reihe von essentiellen Arzneimitteln die wichtigsten pharmakokinetischen Eckdaten für eine entwicklungsentsprechende Arzneimitteltherapie in den zurückliegenden Jahren erfasst werden konnten, sind die ontogenetischen Auswirkungen auf die Pharmakodynamik noch weitgehend unerforscht. Gleiches trifft auch für die Langzeittoxikologie zu, da diese erst nach langjähriger Therapieerfahrung mit einem Arzneimittel erfassbar ist.

Nachdem nun die Europäische Verordnung über Medizinprodukte für die pädiatrische Anwendung im vergangen Jahr in Kraft getreten ist, ist zu hoffen, dass die pharmazeutische Forschung und Entwicklung sich der Kinderarzneimittelproblematik wesentlich umfassender annimmt. Es ist medizinisch und ethisch nicht mehr vertretbar, dass Kinder nicht den pharmakotherapeutischen Zugang haben sollen, wie er laut Arzneimittelgesetz ihnen, besonders als sehr vulnerable Patientenpopulation, zugesichert ist. Auf dem Weg zu einer besseren und sichereren Arzneimitteltherapie für Kinder werden alle Beteiligten und Verantwortlichen – die Arzneimitterhersteller, die medizinische Forschung an den Universitäten und nicht zuletzt die nationalen und europäischen Arzneimittelzulassungsbehörden – ein größeres Problembewusstsein und deutlich mehr Kompetenz in der klinischen Pharmakologie der Pädiatrie als bisher erwerben müssen.