Verkehrte Welt: Direktkontrakte

(in: Deutsches Ärzteblatt 101, Heft 18 (30.04.2004), Seite A-12189)

Mit der Gesundheitsreform 2004 sind gerade die Möglichkeiten, anstelle der traditionellen Sachleistung Kostenerstattung für ärztliche Leistungen zu wählen, auf alle gesetzlich Krankenversicherten ausgedehnt worden. Vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung wurde die Regelung in § 13 SGB V mit dem Hinweis auf "mehr Durchblick bei ärztlichen Leistungen" als Fortschritt verkauft. Das Privileg, Kostenerstattung wählen zu können - so die Gesetzesbegründung -, soll allen Mitgliedern der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zugute kommen, um ihnen auch die Möglichkeit zu eröffnen, Leistungserbringer in anderen Mitgliedstaaten der EU in Anspruch nehmen zu können. In der Begründung heißt es weiter, dass damit auch das Prinzip der Eigenverantwortung gestärkt werden soll und die Entscheidung für Kostenerstattung zudem das Kostenbewusstsein der Versicherten verstärken kann. Diese Errungenschaft soll nun für Privatversicherte eingeschränkt werden. Die Kommission für das Versicherungsvertragsrecht beim Bundesministerium der Justiz hat in ihrem Abschlussbericht Vorschläge zur Erweiterung der Steuerungsmöglichkeiten der privaten Krankenversicherung (PKV) unterbreitet. Unter der Überschrift "managed care" soll eine Direktabrechnung zwischen Arzt und Privatversicherung über den Kopf des Privatpatienten hinweg ermöglicht werden. Der Privatpatient wird zum Sachleistungsempfänger. Die dadurch gewonnene Transparenz der Privatassekuranz erweitert zwar deren Möglichkeiten der Rechnungskontrolle durch Kostenträger, sie dient allerdings nicht rein altruistischen Zielen - wie internationale Erfahrungen mit managed care belegen, wird sie nutzbar für unternehmerisch gewinnorientierte Risikoselektion der "zu kranken Patienten" und "zu teuren Versicherten"; damit wird für Verbraucherschützer ein neues Betätigungsfeld eröffnet. Der Privatpatient war bisher "Herr" über seine Rechnung; die Schaffung des "gläsernen Patienten" und des "gläsernen Arztes" über Direktabrechnung und Steuerung der Behandlung stellt das System der privaten Krankenversicherung mit der bewussten Trennung der beiden Rechtsverhältnisse infrage. Die Annäherung der PKV an GKV-Sachleistungsbedingungen ist ein weiterer strategischer Schritt in Richtung Selbstaufgabe.

Renate Hess
(in: Deutsches Ärzteblatt 101, Heft 18 (30.04.2004), Seite A-12189)