GOÄ-Ratgeber

Dauerthema: Steigerungsfaktor

(Deutsches Ärzteblatt 101, Heft 1-2 (05.01.2004), Seite A-61)

Die private Krankenversicherung (PKV) befürchtet für das Jahr 2003 einen erneuten Ausgabenzuwachs bei den ambulanten ärztlichen Leistungen. Selbst nach Jahreabschluss dürfte die Ausgabensteigerung über dem Ergebnis von 2002 liegen (+ 3,7 Prozent). Die Ausgaben für Arznei- und Verbandmittel zeigen eine noch größere Zuwachsrate (+ 9,4 Prozent in 2002). Diese Entwicklung der Leistungsausgaben muss genau analysiert werden, wobei ein größerer Bedarf an ärztlicher Versorgung durch die demographische Entwicklung identifiziert werden dürfte. Die Aktualisierung der Sterbetafeln wird bei den Privatversicherten in den nächsten drei Jahren Prämienerhöhungen zwischen 2,5 und 4 Prozent verursachen. Der PKV-Verband räumt ein, dass die Behandlungskosten mehrheitlich nicht mehr nur drei Jahre vor dem Tod anfallen, sondern durch die Wirksamkeit der Behandlung über viele Jahre zu erbringen sind.

Ein fragwürdiger PKV-Beitrag zur Analyse der Ausgabenentwicklung ist die Misstrauenskampagne gegen die Ärzteschaft. "Ärzte werden schärfer kontrolliert", "Ärzte sollen die ganze Bandbreite der GOÄ-Sätze nutzen" - die private Krankenversicherung moniert zum Beispiel, dass das Spektrum der Steigerungsfaktoren zu wenig ausgeschöpft werde. Bei den Kosten für die ambulante ärztliche Behandlung seien im Jahr 2001 87,48 Prozent des Honorarvolumens auf Abrechnungen nach dem so genannten Regelhöchstsatz, das heißt auf Schwellenwert-Niveau, entfallen. Suggeriert wird, allein schon durch den von der PKV gepflegten Begriff des "Regelhöchstsatzes", dass der Schwellenwert nur selten vorkommen und sich die Abrechnung des Durchschnittsfalles um das Mittel der vom 1- bis 2,3fachen beziehungsweise 1- bis 1,8fachen Regelspanne gruppieren sollte. Ausgeblendet wird dabei, dass nach Kappung des zuvor bis zum Sechsfachen reichenden Gebührenrahmens nach In-Kraft-Treten der GOÄ-Reform 1982 die neuen durchschnittlichen Steigerungssätze bereits seit 1984 auf Schwellenwertniveau liegen, und zwar fast exakt mit derselben Häufigkeitsverteilung wie heute: bei den persönlichen ärztlichen Leistungen zu 83,7 Prozent beim 2,3fachen und bei den medizinisch-technischen Leistungen zu 88,7 Prozent beim 1,8fachen. Die PKV hatte damit die von ihr gewollte Herabsetzung des durchschnittlichen Vergütungsniveaus durchgesetzt.

Diesen Erfolg der Privatassekuranz zwanzig Jahre später als überhöhte Abrechnung des Durchschnittsfalles hinzustellen ist abwegig, fällt aber offensichtlich auf fruchtbaren Boden. So beantragte zum Beispiel die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Zusammenhang mit der geplanten niedersächsischen Beihilfereform, künftig durch "Stichproben zu ermitteln, ob missbräuchlich überhöhte Gebührensätze abgerechnet werden, die im Einzelfall nicht durch die Schwierigkeit oder den Zeitaufwand der ärztlichen Behandlung gedeckt sind" (Niedersächsischer Landtag, 15. Wahlperiode, Drucksache 15/443). Hierbei ist nicht von begründungspflichtigen Steigerungssätzen oberhalb des Schwellenwertes, sondern vielmehr von Abrechnungen innerhalb der Regelspanne die Rede.

Dr. med. Regina Klakow-Franck
(in: Deutsches Ärzteblatt 101, Heft 1-2 (05.01.2004), Seite A-61)