Ausführlicher Bericht über die Sitzung vom März 2017

Herr Dr. Kaplan heißt die Teilnehmer und die Referenten sowie die Gäste aus Ärztekammern, anderen Abteilungen der Bundesärztekammer (BÄK) und des Deutschen Ärzteblatts herzlich willkommen. Er begrüßt den Präsidenten, Herrn Prof. Montgomery und den Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, Herrn Nowoczyn.

Für die Zusammenstellung des interessanten Programms zum Thema "Digitalisierung im Gesundheitswesen" bedankt er sich bei der Planungsgruppe: Frau Stöcker, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), Frau Rädlein, Deutscher Verband für Physiotherapie (ZVK), Frau Müller-Rawlins, Dachverband für Technologen/-innen und Analytiker/-innen in der Medizin Deutschland (DVTA), Frau Schrey-Dern, Deutscher Bundesverband für Logopädie (dbl) sowie Frau Bristrup.

TOP 1:     Bericht zur Lage

  • aus Sicht der Fachberufe

Frau Stöcker, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), thematisiert einführend den Stand zum Pflegeberufegesetz. Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege sollen zu einer generalistischen Pflegeausbildung zusammengeführt werden. Das Bundeskabinett habe das Gesetz vor über einem Jahr beschlossen, es befinde sich aber derzeit „im parlamentarischen Tief“. Signale aus der Politik deuteten jedoch darauf hin, dass das Gesetz noch vor der Sommerpause den Bundestag passieren werde. NRW lehne die Generalistik ab und fordere stattdessen eine fundierte und umfassende Risikofolgenabschätzung sowie eine Aufschlüsselung der Finanzen. Zudem würde die Reform den Pflegenotstand gerade im Bereich der Altenpflege weiter verschärfen. Den Vorschlag des GKV-Spitzenverbandes, parallel zur generalistischen die integrative Ausbildung (zwei plus ein Jahr) zuzulassen, lehne z.B. das Bundesland Saarland ab. Nach Frau Stöcker bestimmen Aspekte des Arbeitsmarktes und des Bildungsmarktes die Argumentation. Mit einer Änderung der Berufsgesetze habe die Bundesregierung bereits im Sommer 2009 die Ausbildung zur Pflegekraft auch für Hauptschulabsolventen geöffnet, um den steigenden Pflegebedarf aufgrund der demografischen Entwicklung auch in Zukunft decken zu können. Gemäß der geänderten Richtlinie 2005/36/EG (EU-BAR 2013/55/EU am 17. Januar 2014 in Kraft getreten) sei neben der zwölfjährigen allgemeinen Schulbildung eine zehnjährige allgemeine Schulbildung für den Zugang zur Ausbildung in der allgemeinen Krankenpflege weiterhin möglich. Die Mitgliedsstaaten seien verpflichtet, die vorgenommenen Änderungen bis Januar 2016 in nationales Recht zu überführen. Dies sei in Deutschland noch nicht geschehen, weshalb ein sogenannter „Blauen Brief“ aus Brüssel zu befürchten sei. Beispielsweise sei es in Bayern möglich, mit einem 9-jährigen Hauptschulabschluss Altenpflege zu erlernen.

Frau Stöcker berichtet vom primärqualifizierenden Bachelor-Studiengang "Evidenzbasierte Pflege" der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Studierende absolvierten einen Bachelor-Studiengang und gleichzeitig eine Ausbildung gemäß KrPflG 2003, erweitert um die Ausbildung in zwei Indikationsbereichen gemäß der G-BA-Richtlinie nach § 63 Abs. 3c SGB V. Sie sollen für die Übernahme heilkundlicher Tätigkeiten bei multimorbiden Patienten (metabolisches Syndrom/Diabetes mellitus Typ 2 und chronische Wunden) qualifiziert werden. Abschließend verweist Frau Stöcker auf die Schlussfolgerungen aus den Beratungen der Expertenkommission „Pflegepersonal im Krankenhaus“,  welche  vom BMG eingesetzt wurde, u.a. zu Personaluntergrenzen.
Herr Dr. Kaplan ergänzt, dass die Mindestpersonalbesetzung in Pflegeheimen bisher nicht hinreichend berücksichtigt  wird,  auch im Bundesland Bayern.  Zum Studiengang in Halle- Wittenberg wolle der Vorstand der Bundesärztekammer die Evaluation abwarten.

Herr Drude, Bundesverband Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS), berichtet zum Stand der Pflegekammern. Rheinland-Pfalz habe die erste Pflegekammer in Deutschland. Die Pflegeberufekammer des Landes Schleswig-Holstein etabliere sich weiter. Im Dezember 2016 habe der niedersächsische Landtag das Gesetz zur Errichtung einer Pflegekammer verabschiedet. Die nordrhein-westfälische Landesregierung wolle zunächst die Erfahrungswerte aus den Bundesländern evaluieren, die bereits eine Pflegekammer eingerichtet haben; es wurde eine Befragung angekündigt. Die vom bayerischen Kabinett im Sommer 2016 beschlossene Einrichtung einer „Vereinigung der bayerischen Pflege“ mit freiwilliger Mitgliedschaft werde abgelehnt. Eine Bundespflegekammer werde angestrebt. Herr Drude dankt ausdrücklich für die spürbare und pragmatische Unterstützung der Landesärztekammern. Aus Sicht der Bayerischen Landesärztekammer bestehen keine Bedenken gegen eine Kammer, wenn dies mit einer Pflichtmitgliedschaft verbunden ist.

Frau Schrey-Dern, Deutscher Bundesverband für Logopädie (dbl), berichtet über das Eckpunktepapier des Arbeitskreises Logopädie, das am 08.11.2016 in einem Symposium mit Mitgliedern des Deutschen Bundestages erörtert wurde. Die zunächst im September 2016 geplante Verlängerung der Modellklausel zur Akademisierung um weitere 10 Jahre sei bei den Logopäden auf Unverständnis gestoßen; die Zustimmung der Bundesärztekammer hierzu sei bedauerlich gewesen. Das Berufsgesetz für Logopäden sei mittlerweile 37 Jahre alt und stelle in der EU aufgrund der fehlenden Hochschulvoraussetzungen einen Sonderfall dar. Faktisch besäßen mittlerweile 35 % der Absolventen einen Hochschulabschluss. Die Vollakademisierung werde gemeinsam mit allen anderen sprachtherapeutischen Berufen angestrebt. Hierfür habe der o.g. Arbeitskreis als Vorlage für ein neues Gesetz in der nächsten Legislaturperiode ein Rahmenstudiengesetz erarbeitet.

Frau Fabisch, Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD), berichtet über die Gründung einer Fortbildungsakademie durch den Verband im Jahr 2016. Insbesondere junge Patienten vom Typ I Diabetes forderten zunehmend digitale Methoden in der Diabetestherapie.

Frau Maschek, Dachverband für Technologen/innen und Analytiker/innen in der Medizin Deutschland (DVTA), ist zufrieden mit dem Stand der Qualitätssicherung bei labormedizinischen Untersuchungen auf Basis der Richtlinien der Bundesärztekammer. Sie wünscht sich aber eine Verbesserung des Bekanntheitsgrades in den Arztpraxen, insbesondere des Teils A der Richtlinien. Wegen des zunehmenden Personalmangels befürchtet sie Qualitätseinbußen und eine Gefährdung der Versorgung; allerdings fehle valides Datenmaterial hierzu, das dringend erstellt werden müsse. Aufgrund der zahlreichen Schulschließungen verschlechterten sich die Perspektiven für den Nachwuchs. Sie hält deshalb eine Erweiterung der Modellklausel zur Akademisierung auch auf die MTA-Berufe für sinnvoll und bittet hierfür um Unterstützung der Bundesärztekammer.

Frau Lemm, Berufsverband der Orthoptistinnen Deutschlands (BDO), spricht sich für eine Modernisierung des Berufsgesetzes aus. Sie gibt die Umbenennung ihres Verbandes in „Berufsverband Orthopthik“ durch die letzte Mitgliederversammlung bekannt.

Frau Bovermann, Deutscher Hebammenverband (DHV), informiert über die in den Jahren 2015/2016 durchgeführte große Befragung zu den Arbeitsbedingungen bei Hebammen. Danach könnten 89 % nur selten oder hin und wieder Ruhepausen einhalten. 40 % übten ständig bis häufig berufsfremde Tätigkeiten aus, 89 % leisteten im erheblichen Umfang Überstunden und 46 % müssten bis zu drei Frauen gleichzeitig betreuen. Es zeichneten sich Nachwuchsprobleme ab; aufgrund unbesetzter Stellen fänden Kreissaalschließungen statt. Zum Beispiel sei in Hannover ein Kreissaal mit jährlich 1.200 Geburten geschlossen worden. Offenbar gebe es kein Konzept für die Schließungen, das auch Wegezeiten berücksichtigt. Problematisch sei die trotzdem stattfindende Neugründung kleiner Hebammenschulen. Das 30 Jahre alte Berufsgesetz sei dringend novellierungsbedürftig. Eine Arbeitsgruppe des Verbandes habe die Ausbildungsziele definiert, die auf dem Niveau 6 des DQR/EQR und damit auf Bachelorniveau angesiedelt seien. Frau Bovermann sieht die Verlängerung der Modellklausel zur Akademisierung kritisch, da die Parallelität von Hochschulbildung und fachschulischer Bildung im Berufsgesetz schwierig sei. – Herr Dr. Kaplan kommentiert, dass die Ausbildungs- und Nachwuchsprobleme bei den Hebammen offenbar zwischenzeitlich in der Politik angekommen seien.

Herr Schnell, Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), befürchtet aus Sicht des Bündnisses Altenpflege bei einer Zusammenführung der drei bisherigen Ausbildungen und Beibehaltung einer dreijährigen Ausbildungszeit einen Kompetenzverlust bei den Pflegeberufen. Das Gesetz werde den Personalmangel in der Altenpflege eher verschärfen. Bei einem übergreifenden Abschluss würden sich Absolventen eher Richtung Krankenhaus orientieren. Nicht alle heute existierenden Pflegeschulen könnten den Weg in die Generalistik mitgehen. Rund 8000 Ausbildungsplätze seien in Gefahr. Gefährdet seien auch die heute möglichen berufsbegleitenden Ausbildungsgänge, was weitere rund 12.000 Ausbildungsplätze kosten würde.

Der bpa lehne Pflegekammern ab, da diese an den Interessen der Pflegenden vorbeigingen und stattdessen immense Kosten mit sich brächten. Würde eine Pflegekammer eingeführt, dann müsste jeder, der beruflich in der Pflege tätig sei, dort kostenpflichtig Mitglied werden.
– Laut Herrn Prof. Montgomery unterstützt die Bundesärztekammer alle Bestrebungen zur Stärkung der Selbstverwaltung, und er sagt deshalb Unterstützung bei Aufbau und Etablierung von Pflegekammern zu. Er weist die Argumentation des bpa zurück. Ein Problem beim Konzept der Generalistik sieht er eher bei der qualifikatorischen und organisatorischen Umsetzung in der Kinderkrankenpflege.

Herr Esser, Deutscher Verband für Physiotherapie - Zentralverband der Physiotherapeuten/ Krankengymnasten (ZVK), informiert über den leider erfolglosen Versuch der Physiotherapieverbände und der Bundesärztekammer, im Rahmen eines Änderungsantrages im Dritten Pflegestärkungsgesetz Ausbildungsinhalte für Physiotherapeuten zur Durchführung von osteopathischer Therapie zu verankern. Diese sei für eine rechtlich abgesicherte Durchführung entsprechender Behandlungen durch Physiotherapeuten dringend erforderlich. Weitere Aktivitäten hierzu müssten erfolgen. Das Heil- und Hilfsmittelversorgungsstärkungsgesetz, das am 01.04.2017 in Kraft tritt, bewertet er als positiv. Zum einen sei es aufgrund der vorgesehenen Modellvorhaben zur Erprobung der so genannten Blankoverordnung mehr Autonomie der Physiotherapeuten in der Patientenversorgung und damit eine Qualitätssteigerung zu erwarten. Auf Basis der ärztlichen Indikation könne der Physiotherapeut Art und Frequenz des Heilmittels zukünftig selbst bestimmen. Darüber hinaus erhoffe man sich von der Aussetzung der Grundlohnsummenanbindung eine Verbesserung der Einkommenssituation der niedergelassenen Physiotherapeuten. Diese verfügten gegenüber angestellten Physiotherapeuten um ein 38-% niedrigeres Einkommen. Herr Esser befürwortet die Einrichtung von Pflegekammern als wichtigen Schritt zur Selbstverwaltung für alle Fachberufe, insbesondere der Heilerbringerberufe. Herr Esser stellt als seinen Nachfolger im Amt des Justiziars des ZVK ab 01.06.2017 Herrn Vogtländer vor und verabschiedet sich von den Mitgliedern der Fachberufekonferenz.

Frau Ohmstede, Dachverband für Technologen/innen und Analytiker/innen in der Medizin Deutschland (DVTA), begrüßt den aktuellen Entwurf eines Strahlenschutzgesetzes im Umfang von über 200 Paragraphen, in dem alle Regelungen zur medizinisch-ionisierenden Strahlung zusammengeführt werden. Mit Blick auf den Fachkräftemangel bei den MTA, insbesondere in der Radiologie, verweist sie auf die dringend notwendige Modernisierung der Ausbildung, die auf der Basis eines Gesetzes aus dem Jahre 1993/ 1994 stattfinde. Sie betont die Notwendigkeit einer zukünftig verbesserten Durchlässigkeit, der Ermöglichung von Teilzeitausbildung und der Anpassung der Zulassungsvoraussetzungen. Sie begrüßt die Verlängerung der Modellklausel zur Akademisierung. Sie bittet die Bundesärztekammer um Unterstützung für eine Novellierung des Berufsgesetzes. – Herr Dr. Kaplan sagt die Unterstützung zu.

  • aus Sicht der Bundesärztekammer

Herr Prof. Montgomery führt aus:

  • Mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl im September 2017 habe die Bundesärztekammer so genannte Wahlprüfsteine erstellt. Von besonderer Bedeutung sei für die Ärzteschaft die Betonung der Freiberuflichkeit von Ärzten, die in der fachlichen Entscheidungskompetenz und der beruflichen Autonomie zum Ausdruck komme. Angestellte Ärzte müssten medizinisch fachlich unabhängig von Weisungen Dritter agieren können. Das Berufsrecht und der Kammergedanke tragen dem Gedanken der Freiberuflichkeit Rechnung.
  • Im stationären Sektor sei nach wie vor eine deutliche Unterfinanzierung der erforderlichen Krankenhausinvestitionsfinanzierung in Höhe von mindestens 6 Mrd. € jährlich durch die Bundesländer zu verzeichnen. Die von verschiedenen Seiten vorgeschlagene Alternative einer Bund-Länder-Kofinanzierung werde seitens der DKG nach wie vor abgelehnt.
  • Eine neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) sei mit rund 5 ½ Tausend Gebührenordnungspositionen durch die Bundesärztekammer nahezu fertiggestellt. Sie soll die immer noch geltende GOÄ aus den 80er Jahren ablösen. Die GOÄ müsse sowohl Patienten vor finanzieller Überforderung als auch den Arzt vor einem ruinösen Unterbietungswettbewerb schützen. Von der SPD sei die so genannte Konvergenz von GOÄ und EBM erneut ins Spiel gebracht worden. Aus Sicht der Bundesärztekammer sei damit die Gefahr des Einstiegs in eine Einheitsversicherung verbunden, die keineswegs Probleme der sozialen Ungerechtigkeit löse, sondern eher noch verschärfe und zu einer „Zweiklassenmedizin“ führe. Da rund 80 % der Bürger mit dem deutschen Gesundheitswesen zufrieden seien, werde das Thema im Wahlkampf voraussichtlich keine große Rolle spielen.
  • Das neue „Dienstleistungspaket“ der Europäischen Kommission von Januar 2017 sei für Gesundheitsberufe besonders relevant wegen des u.a. darin enthaltenen Entwurfs für eine Richtlinie zur Verhältnismäßigkeitsprüfung bei reglementierten Berufen. Der Vorschlag gehe über die auf der Berufsanerkennungsrichtlinie beruhenden Prüfungspflichten hinaus. Die EU überschreite mit der Verhältnismäßigkeitsprüfung ihre Gesetzgebungskompetenz und verstoße gegen das Subsidiaritätsgebot. Gemeinsam mit dem Bundesverband der Freien Berufe werde der Richtlinien-Entwurf abgelehnt.
  • Durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von März 2016 zum Kompetenzrahmen von Kammern gemäß IHK-Gesetz, basierend auf einen Fall im IHK-Bereich aus dem Jahre 2004/2005, werde möglicher Weise auch das politische Mandat von Ärztekammern tangiert. Die Auswirkungen der Entscheidung seien zu prüfen.
  • Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 2. März 2017 darf das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Suizidwilligen auf deren Antrag bei „unerträglichem Leidensdruck“ den Erwerb einer tödlichen Arznei nicht verwehren. Aus Sicht der BÄK negiert die Rechtsprechung des obersten Gerichtshofs die Beschlüsse des Deutschen Bundestages zur Sterbehilfe. Dies sei nicht hinnehmbar.

Mit Blick auf das heutige Sitzungsthema Digitalisierung, das auch auf dem kommenden 120. Deutschen Ärztetag im Mai 2017 in Freiburg behandelt wird, lädt Herr Prof. Montgomery die Verbände zur Teilnahme am Ärztetag ein. Bei aller Offenheit gegenüber der Digitalisierung dürfe aber die Fernbehandlung weiterhin nur unter der Bedingung eines mindestens einmaligen vorherigen Kontaktes zwischen Patient und Arzt erlaubt werden. Dies sei in Deutschland insoweit berufsrechtlich ausreichend geregelt.

Herr Dr. Kaplan thematisiert folgende Aspekte:

  • Hausärztliche Versorgung / Allgemeinmedizin: Für die medizinische Versorgung der Bevölkerung stellt die niedrigschwellige, wohnortnahe hausärztliche Versorgung ein wesentliches Fundament dar. Die hausärztliche Versorgung kann auf Dauer jedoch nur flächendeckend sichergestellt werden, wenn es gelingt, ausreichend hausärztlichen Nachwuchs zu gewinnen. Zur Erhöhung der Attraktivität der Allgemeinmedizin werden zum 1. Juli 2017 die ersten Kompetenzzentren Weiterbildung ihre Arbeit aufnehmen Mitte Januar 2017 konnten sich Gesundheits-, Wissenschafts- und Kultusminister der Länder sowie das Bundesforschungs- und das Bundesgesundheitsministerium auf einen Kompromiss über eine Reform des Medizinstudiums einigen. Neben der flächendeckenden Einrichtung von Lehrstühlen für Allgemeinmedizin an den medizinischen Fakultäten soll das praktische Jahr künftig in Quartale unterteilt werden, von denen die Medizinstudierenden eines verpflichtend in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung leisten müssten. Außerdem soll die Allgemeinmedizin verpflichtendes Prüfungsfach im dritten Staatsexamen werden. Ob es über all diese Maßnahmen gelingt, ausreichend hausärztlichen Nachwuchs zu gewinnen, werde sich zeigen. - Bei der Bundesärztekammer werde daher auch darüber nachgedacht, ob nicht auch eine Veränderung des Professionenmix in der Primärversorgung bei größerer Eigenständigkeit nichtärztlicher Gesundheitsberufe, jedoch mit Anbindung an eine Hausarztpraxis, eine Handlungsoption darstellen könnte.
  • Nichtärztliche Praxisassistentin (NäPA): Die Qualifikation für MFA gibt es seit 2009, ein BÄK-Curriculum von bis zu 270 Stunden (je nach Berufserfahrung) seit 2010. Zunächst ging es um den hausärztlichen Bereich und die Delegation von Aufgaben an MFA i.R. von Hausbesuchen und Patienten in Heimen. Seit Juli 2016 würde die sog. Delegationsvereinbarung auf den fachärztlichen Bereich ausgedehnt, allerdings nur für die Heimversorgung. Hierfür sind entsprechende Qualifizierungen zu erarbeiten.
  • Seit 2014 beschäftigt sich die Bundesärztekammer mit dem Berufskonzept Physician Assistant in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Hochschulverband Physician Assistant (DHVPA). Ziel ist die Vereinheitlichung der existierenden und zukünftigen Studiengänge in Form eines Weiterbildungsstudiums für Gesundheitsfachberufe. Zu denken ist dabei an die MFA, aber auch an Pflege-, Therapie- oder technisch/operationstechnische Berufe. Das Konzept wurde vom Vorstand der BÄK im Januar 2017 beschlossen. (s. FN 1) Es beinhaltet Rahmenvorgaben für die Tätigkeit, einen Beispielkatalog delegierbarer Tätigkeiten sowie einen Gegenstandskatalog für das Studium. Die Hochschulen sollen eng mit den Ärztekammern zusammenarbeiten.
  • Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung: Gemäß dem neuen § 64 d ist in jedem Bundesland zwischen den Krankenkassen- und den Heilmittelerbringerverbänden gemeinsam und einheitlich ein Modellvorhaben zur Heilmittelbehandlung zu vereinbaren. Auf Basis einer vertragsärztlich festgestellten Diagnose und der Indikationsstellung für eine Heilmittelbehandlung soll der Heilmittelerbringer neben der Auswahl des Heilmittels auch Dauer (Menge) der Therapie und Frequenz der Behandlungseinheiten bestimmen (sog. Modell der Blankoverordnung). In den Vereinbarungen sind die zukünftige Mengenentwicklung und die damit verbundene Wirtschaftlichkeitsverantwortung der Heilmittelerbringer sowie Anforderungen an deren Qualifikation zu berücksichtigen. Die Heilmittelerbringer können von den Vorgaben der Heilmittel-Richtlinie abweichen. Die Bundesärztekammer hat im Gesetzgebungsverfahren die Regelung als sachgerecht unterstützt. Ärzte bleiben für Diagnose- und Indikationsstellung zuständig. Der Kompetenz von Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Sprachtherapeuten/Logopäden und Podologen wird Rechnung getragen. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag in der Patientenversorgung, der ein beträchtliches finanzielles Volumen umfasst. Kritische Aspekte wurden nicht berücksichtigt (Ausschlussmöglichkeit von Heilmitteln, Einbeziehung der Ärzte in die Modellvorhaben bzw. Vorgaben hierfür).
  • Osteopathie: Massiv wird derzeit von verschiedenen Akteuren, insbesondere von Osteopathieverbänden die Einführung eines neuen Heilberufs in Deutschland gefordert. Der Vorstand der Bundesärztekammer lehnt dies in Übereinstimmung mit ärztlichen Fachverbänden und Physiotherapieverbänden ab und unterstützt die Einführung einer Zertifikatsposition im Heilmittelkatalog für Physiotherapeuten, nachdem bereits entsprechende Curricula für Qualifizierungen in Manueller Medizin und zu osteopathischen Verfahren für Ärzte durch die Bundesärztekammer erarbeitet wurden. Leider wurde ein Gesetzesvorschlag zur Erweiterung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Physiotherapie um entsprechende Techniken aus dem PSG III wieder herausgenommen. Im Dezember 2016 gab es eine vielbeachtete gemeinsame Pressemitteilung von BÄK, ZVK, IFK und DGMM mit dem Ziel, noch vor der Bundestagswahl eine Regelung herbeizuführen.
  • Fortbildungscurriculum "Case Management in der ambulanten medizinischen Versorgung": Das vom Vorstand der Bundesärztekammer im letzten Jahr verabschiedete; berufsgruppenübergreifende Curriculum basiert auf einen Ansatz erstmals nach DQR-Standard. Der Umfang beträgt 230 Stunden mit einem modularen Aufbau. Der Grundkurs "Fallbegleitung" umfasse 160 Stunden (Zielgruppe MFA und andere Fachberufe), der Aufbaukurs "Versorgungsmanagement" (Zielgruppe im Wesentlichen Ärzte, Leitungspersonal) 70 Stunden. Das Curriculum wird erstmals ab März 2017 in Brandenburg umgesetzt. Leider fehlt bisher eine Vergütungsposition für diese aufwendige Versorgungsleistung
  • Schulgesundheitsfachkräfte: Seit Anfang Februar 2017 sind in Brandenburg und Hessen Schulgesundheitsfachkräfte an öffentlichen Schulen nach dem Vorbild skandinavischer und angloamerikanischer „School (health) nurses“ im Rahmen eines zweijährigen Projektes im Einsatz. Das Curriculum im Umfang von 1650 Stunden soll im Rahmen des hessischen Modellprojekts durch die Charité evaluiert werden. Der Deutsche Ärztetag 2015 hatte die Thematik "Schulgesundheitsschwestern etablieren" beraten; sie wurde im zuständigen Ausschuss der BÄK vertieft. Dieser bewertete das Projekt grundsätzlich positiv. Erforderlich sei eine Anbindung der SGS an die Ärzte, dem Kinder- und Jugendärztlichen Dienst und dem betreuenden Hausarzt der Kinder. Die Ärztekammern möchten in die Ergebnisdiskussion, in die eventuelle Überarbeitung des Curriculums und in die Umsetzung in die Fläche einbezogen werden und regen die Berücksichtigung qualifizierter MFA an.

     

    TOP 2:     Digitalisierung im Gesundheitswesen

    Herr Dr. Kaplan erläutert die Tagesordnung zum Schwerpunktthema sowie die unterschiedlichen Akzentuierungen der Thematik durch die Referenten und aus der Sicht der verschiedenen Berufe.

    2.1   Digitalisierung im Gesundheitswesen – Hype oder disruptive Technologie?

    Herr Norbert Butz, Bundesärztekammer, Leiter des Dezernates Telemedizin und Telematik, referiert foliengestützt (Anlage 2). Einführend erläutert Herr Butz den Begriff „disruptive Technologie“ (von engl. disrupt – unterbrechen, zerreißen). Dies seien Innovationen, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung vollständig verdrängten. Beispiele seien etwa Verbrennungsmotor, Computer, Halbleiter, Digitalfotografie, Internet, Mobiltelefone oder MP3-Player. Disruptive Technologien seien Chance und Herausforderung zugleich: Einerseits böten sie die Möglichkeit, vielfältige neue Geschäftsmodelle zu entwickeln – so wurden Apps als Geschäftsmodell erst durch die große Verbreitung von Smartphones relevant. Andererseits verdrängten sie bestehende Technologien und fordern die Anpassung von Unternehmen, Konsumenten und Politik. Das Tempo und der Umfang technologischer Entwicklungen habe in den letzten Jahrzehnten rasant zugenommen. 2013 wurden weltweit knapp 1,5 Billionen US-Dollar für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Digitalisierung habe auch in anderen, stärker wettbewerblichen Branchen zu Innovationen und neuen Geschäftsfeldern geführt, wie z.B. bei klassischen Printmedien, der Energieversorgung, der Automobilbranche oder der Reisebranche. Digitalisierung würde inzwischen weltweit als das Erfolgskriterium nationaler Gesellschaften/Volkswirtschaften verstanden und umfasse insbesondere eHealth (Anwendungen elektronischer Geräte zur medizinischen Versorgung und Wahrnehmung anderer Aufgaben im Gesundheitswesen) und mHealth (eHealthLösungen auf mobilen Geräten). Seit dem Jahr 2000 wachse die Bedeutung von Gesundheitsportalen, Foren und Communities. Mobile Anwendungen (z. B. Gesundheits-Apps, Fitness-Tools sowie Geräte zur Vitaldatenmessung) hätten sich etabliert. Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) als ihr „Kernstück“ und die Telematikinfrastruktur böten Versicherten und Leistungserbringern verschiedene Anwendungen z.B.: Notfalldaten, Medikationsplan, eArzneimitteltherapiesicherheit, ePatientenakte, ePatientenfach, eFallakte, eArztbrief, eMeldesystem für Infektionskrankheiten, eOrganspende. Bedeutsam sei der prosperierende Bereich der Gesundheits-Apps. Inzwischen gebe es ca. 100.000 Apps von Apple und Google im Bereich Fitness, Wellness und Gesundheit. Jedoch gebe es nur einem geringeren Anteil von Produkten, die dem Geltungsbereich des Medizinproduktegesetzes (MPG) und den entsprechenden Verordnungen unterlägen. Die Entwicklung moderner Sensorik stehe zwar erst am Anfang, doch nehme der "digitale Leibarzt" zunehmend Gestalt an. Der Bereich der Telemedizin umfasse Angebote für Akutpatienten wie auch für chronisch Kranke. Ein telediabetologisches System erfasse z.B. regelmäßig gesundheitsbezogene Parameter wie Blutzucker, Gewicht, Körperfett oder Aktivität, die günstigenfalls zu jeder Zeit und an jedem Ort erhoben werden könne. Bestimmte Apps sollten als Medizinprodukte perspektivisch anerkannt werden.
    Eine weitere Facette sei „Big Data“ mit den sich abzeichnenden Möglichkeiten, riesige Datenmengen zu Forschungszwecken und zur Versorgungssteuerung auszuwerten. Big Data und Künstliche Intelligenz versprächen die Ausrichtung auf eine personalisierte Medizin. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen führe zu einem leichteren Zugang zu medizinischem (Fach-)wissen (Internet, Gesundheitsapps), veränderten Rollen von Arzt/Therapeut, Patient, Krankenkasse, Veränderungen bestehender und Entstehung neuer Prozesse der Leistungserbringung, neuen Geschäftsmodellen und Bezahlformen (Apps, Plattformangebote, Patientensteuerung) sowie neuen Playern wie multinationale Konzerne, Start-ups oder Pharmakonzerne. Unter diesen Rahmenbedingungen verändere sich die Berufsausübung von Ärzten und Therapeuten. Diese seien stärker auch als Berater gefragt und müssten den Patienten Orientierung bzw. Empfehlungen geben können, z. B. zur Nutzung bestimmter Apps. Ansonsten bestehe die Gefahr eines Kompetenzverlustes der Ärzte aus Sicht der Patienten.
    Patienten würden zunehmend zu „Datenlieferanten“, ob mittels der Anwendungen der eGK oder Daten, die über Apps erhoben werden. Krankenkassen würden zunehmend vom „Payer“ zum „Player“. Dies sei an der Entwicklung eigener e-Patientenakten ablesbar. Dies werfe auch wettbewerbliche Fragen auf, ob beispielsweise eine proprietäre Akte ein Wettbewerbsparameter in der GKV werden könne und unter welchen Umständen ein Wechsel zu einer Krankenkasse dann noch möglich sei. 
    Herr Butz verweist abschließend auf den kommenden Deutschen Ärztetag in Freiburg, der sich der Thematik „Digitalisierung des Gesundheitswesens“ im umfassenden Sinne einschließlich der ethischen Aspekte widmen werde. 
    Herr Dr. Kaplan verweist auf die Notwendigkeit, sich den aufgezeigten Herausforderungen konsequent zu stellen und diese aktiv mitzugestalten. Nach seiner Auffassung wird die Digitalisierung im Gesundheitswesen die Arzt-Patienten-Beziehung deutlich verändern. Der tiefgreifende Wandel mache auch vor den bestehenden Profilen und Rollen der Gesundheitsfachberufe nicht Halt und lege eine Weiterentwicklung der Kompetenzen und Organisationsformen nahe. Dabei sei auf interaktive Patientenorientierung und Kooperation von Gesundheitsfachberufen zu setzen und die Synergien von Informationstechnologien und Medizin sinnstiftend zu nutzen.

    2.2   Aktuelle Ansätze zum Einsatz digitaler Technologien für Diagnostik, Therapie und Teilhabeförderung bei logopädischen Störungsbildern

    Herr Prof. Sascha Sommer, Hochschule für Gesundheit, Bochum, referiert foliengestützt (Anlage 3) zu Möglichkeiten des Einsatzes digitaler Technologien im Versorgungsalltag bei der logopädischen Behandlung von Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schluckstörungen. Die Anwendungen reichten von einfachen YouTube-Videos bis zur Visualisierung sprechmotorischer Abläufe bei kindlichen Aussprachestörungen und ausgefeilten, evidenzbasierten Technologien. Es existiere z. B. eine Reihe vielfältiger Therapieformen und -ansätze zur Förderung des flüssigeren Sprechens. So könne die Kasseler Stottertherapie, die logopädische und verhaltenstherapeutische Aspekte verbinde, inzwischen auch als Internetherapie absolviert werden. Fast jeder Stotternde habe Therapieerfahrungen in logopädischen Praxen, meist über mehrere Jahre. Diese Therapien stellten sich allerdings für einen Großteil der Patienten als nicht befriedigend heraus, da ein intensives Üben, der Transfer in den eigenen Alltag und die Nachsorge nicht gewährleistet werden könnten. Herr Prof. Sommer erläutert weitere Beispiele, insbesondere für den Bereich neurogener Störungsbilder:

    • Eine speziell für Aphasiepatienten nach Schlaganfall entwickelte App (Speechcare) könne ergänzend zur Präsenztherapie genutzt werden.
    • Neurogene Beeinträchtigungen der Sprechverständlichkeit stellten ein Risiko für die soziale und gesellschaftliche Teilhabe dar. Eine Sprechtherapie für Menschen mit neurogenbedingter Dysarthrie bedürfe einer ausreichenden Therapiefrequenz, um erfolgversprechend zu sein. Dysarthrien stellten die häufigsten neurogenen Kommunikationsstörungen dar. Hier böten technologiegestützte Systeme die Möglichkeit, über die einzelnen Therapiesitzungen hinaus eigenständig zu trainieren.
    • Bei der Visualisierung von sprechmotorischen Abläufen wird beispielhaft auf das PC-Programm Speech Trainer verwiesen, ein visuelles Modell der Artikulation zur Veranschaulichung artikulatorischer und koartikulatorischer Bewegungsabläufe. Das Programm diene dem Aufbau einer bewussten, räumlich-zeitlichen Vorstellung von Sprechbewegungen. Dabei sollen Patienten insbesondere für schlecht einsehbare hintere Strukturen und Bewegungen sensibilisiert werden. Speech Trainer könne als visuelle Vermittlungstechnik innerhalb von spezifischen, multimodalen Therapiekonzepten zur Behandlung von Sprechstörungen eingesetzt werden.
    • Im internationalen Vergleich sei die Akzeptanz und Integration von technikbasierten Anwendungen in der Logopädie weiter fortgeschritten. Dies zeige z.B. das TeleSwallowing Project der University Blackpool: „Schluck- Assessment über Distanz - Adäquate Darstellung des Schluckprozesses via Televerbindung“. So werde ein schnellerer Patientenkontakt (keine Anreise in Pflegeeinrichtung o.ä.) möglich.
    • Eine weitere exemplarische Anwendung sei die Teletherapie. Sie biete Menschen mit Aphasie eine innovative Möglichkeit, selbstständig und hochfrequent unter Supervision eines Therapeuten an ihren kommunikativen Fähigkeiten zu üben. Auf dieser Basis wurde ein webbasiertes Therapieprogramm entwickelt (DiaTrain), mit dem alltägliche Dialoge anhand von strukturierten Videosequenzen geübt werden können. Für den Patienten bedeute Telemedizin eine bessere Versorgung, Betreuung und Einbeziehung interdisziplinären Know-hows. Der längere Verbleib in häuslicher Umgebung, die Verbesserung der Lebensqualität, insbesondere für ältere Menschen und/oder chronisch Erkrankte - vor allem bei eingeschränkter Mobilität - wären als positive Folgen zu nennen.
    • Mit einem IT-gestützten Angebot im Präventionsprojekt: „Quartier agil – aktiv vor Ort“ soll Teilhabe und Gemeinschaft älterer Menschen im Quartier befördert werden. So sollen ältere Menschen zu körperlichen und geistigen Aktivitäten anregt werden. Mittels eines Durchführungsmanuals soll der Transfer in andere Quartiere, Städte und Regionen münden.

    Die Wirksamkeit der Ansätze bzw. Technologien sei durch wissenschaftliche Evidenz nachweise, um ein effektives und kosteneffizientes therapeutisches Handeln zu befördern. Dabei seien die Auswirkungen des Einsatzes neuer Technologien auf Beziehungsebene und Kommunikation zu beachten. Interdisziplinarität und ein teamorientierter Einsatz innovativer Anwendungen sei erforderlich. Dazu leisteten auch Kooperationsprojekte wie „Interprofessionelles Handeln im Gesundheitswesen“ zwischen der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum und dem Department für Angewandte Gesundheitswissenschaften der Hochschule für Gesundheit Bochum einen Beitrag. Es wurden interprofessionelle Lerneinheiten entwickelt, implementiert und evaluiert mit dem Ziel, langfristige curriculare Ausbildungsstrukturen zwischen den beiden Hochschulen zu etablieren. In vier Lernsequenzen standen die Vermittlung von kommunikativen Kompetenzen, das Wissen und die Wertschätzung gegenüber den Tätigkeitsbereichen der anderen Gesundheitsberufe sowie die Reflexion der eigenen beruflichen Rolle und Verantwortungsbereiche im Vordergrund. Die regelhafte Durchführung von interprofessionellen Lehrformaten und der damit verbundene Kompetenzerwerb bei den Absolventen der Gesundheitsberufe könne mittelfristig zu einer besseren Abstimmung der am Versorgungsprozess beteiligten Professionen führen. Eine Weiterentwicklung der interprofessionellen Lehre beziehe zunehmend auch außerhochschulische Lernorte und bei weiteren Kooperationspartnern sowie die Arbeit mit Patienten im Rahmen einer Hochschulambulanz mit ein. Herr Prof. Sommer plädiert in diesem Zusammenhang für eine schnellere Akademisierung der Studiengänge der Physio- und Ergotherapie, der Logopädie und der Geburtshilfe durch Regelstudiengänge. 
    Herr Dr. Kaplan bedankt sich für den informativen Vortrag und verweist auf die Bedeutung der Interaktion mit den Behandelnden und die Bedeutsamkeit einer direkten Kommunikation. 

    2.3   Digitalisierung in Gesundheit und Pflege – Welche Kompetenzen benötigen die Fachpersonen?

    Herr Prof. Manfred Hülsken-Giesler, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar, referiert foliengestützt. Derzeit seien die Gesundheitsfachberufe nicht ausreichend auf die Herausforderungen der digitalen Technologien und die neuen Möglichkeiten interdisziplinärer Kooperation im Gesundheitswesen vorbereitet. Der Technikeinsatz ziele z. B. auf die Unterstützung von älteren Menschen und Angehörigen, die Kompensation des Fachkräftemangels, die Entlastung von körperlichen und/oder psychischen Anforderungen, die Qualitätsentwicklung oder Rationalisierung. Bei allen personenbezogenen Dienstleistungen sei das „Subjekt Mensch“ gleichzeitig „Objekt“ der Dienstleistungen. Pflegearbeit sei hochgradig situations- und kontextgebundene Beziehungsarbeit, die ihre fachliche Begründung in der komplexen, z. B. auch sinnlich mehrschichtigen Wahrnehmung von Gesamtsituationen finde. Gerade deshalb sei bei personenbezogenen Dienstleistungen mit der komplexen Rolle des „Customers“ die Frage nach Entscheidungskriterien, wo digitalisiert und automatisiert wird, besonders wichtig. Im gegenwärtigen politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs über die Digitalisierung seien die Verbände der Gesundheitsfachberufe jedoch oft noch zu defensiv und zaghaft anstatt zu fragen: „Was wollen wir an Technologie?“. Technikentwicklung müsse die Partizipation der Gesundheitsfachberufe mit beinhalten, daher sollten sie beispielsweise mit Ingenieuren und Technikern reden können. Das erfordere beispielsweise auch die Beherrschung von Technologien und Recherchetechniken. Die Technisierung und Modernisierung der Gesundheitsversorgung erfordere einen Prozess der Anpassung der Gesundheitsfachberufe. Grundsätzlich ließen sich mit Blick auf die digitale Transformation und die allgemeine Technisierung in Gesundheit und Pflege wesentliche Gestaltungsfelder erkennen, die Folgewirkungen für Arbeitsorganisation, Beschäftigte und Beschäftigung, Tätigkeitsinhalte und Qualifikationsanforderungen in sich trügen. Der Fokus liege dabei auf Technologien, die bereits eingesetzt werden, vor dem Einsatz stehen oder im Rahmen von Forschungsvorhaben erprobt wurden bzw. werden. Folgende Beispiele stellt Herr Prof. Hülsken-Giesler an:
    Bei Informations- und Kommunikationstechnologien gehe es um die Implementierung moderner und vernetzter Informations- und Kommunikationstechnologie hinsichtlich der Dokumentation und Information, v.a. Informations und Verwaltungssysteme (z.B. Krankenhausinformationssysteme, elektronische Patientenakten, Telekonsultationen) und der Einsatz von mobilen Endgeräten (z.B. Smartphone, Tablet-PC aber auch Wearables). Bei der Robotik gehe es um den Einsatz von intelligenter und vernetzter Technik in der Pflege und der medizinischen Rehabilitation, wie Service- und Transportrobotik, pflegenaher Robotik oder Rehabilitationsrobotik. Bei vernetzten Hilfs- und Monitoringsystemen gehe es um die Installation vernetzter Hilfs- und Monitoringsysteme in der stationären Kranken- und Altenpflege, in der ambulanten Altenpflege zur Überwachung der Vitalparameter, vor allem Blutdruck und Herzfrequenz (auch Telehealthmonitoring) und zur Ausrüstung von privaten Wohnungen und Haushalten. In Folge der Digitalisierung seien sowohl fachlich-inhaltliche Fähigkeiten und Fertigkeiten wie auch personale und soziale Qualifikationsinhalte in den Curricula sowie den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen anzupassen. Vor dem Hintergrund verschiedener Kompetenzkonzepte, national und international, erläutert Herr Prof. Hülsken-Giesler die Identifikation und Anbahnung von Technikkompetenzen in Gesundheit und Pflege anhand einer sogenannten „Kompetenzpyramide“; Kompetenzen gliedern sich danach in instrumentell-technische, inhaltlich-kognitive, sozial-kommunikative, emotionale und kritisch-reflexiven Kompetenzen. Kritisch seien die uneinheitliche Verwendung des Kompetenzbegriffes sowie eine unklare Zielstellung bei den Technikkompetenzen und hinsichtlich ihrer Orientierungsfunktion. Bei letzteren gehe es um die Abwägung, technikorientierte Kompetenzen bedarfsgerecht zum Einsatz zu bringen. Erste empirisch gestützte Kompetenzkataloge lägen vor; es bestehe allerdings kontinuierlicher Forschungsbedarf. Anpassungsqualifizierungen auf Ebene der Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie eine systematische Verankerung einschließlich einer wissenschaftlichen Weiterentwicklung des Kompetenzkonzeptes seien dringend erforderlich.
    Herr Dr. Kaplan dankt für den informativen Vortrag und stellt nochmals heraus, dass die „Behandler“ neben den fachlich-technischen auch über sozialkommunikative Kompetenzen verfügen müssten.

    2.4   Auswirkungen der Digitalisierung auf die Tätigkeiten und Kompetenzen der MTA- Berufe 

    Herr Andreas Pfeiffer, Klinikum Stuttgart, Bereich Informationstechnik, referiert foliengestützt (Anlage 4). Wie stark digitale Technologien bereits den Alltag vor allem der technischen Gesundheitsberufe dominieren, illustriert Herr Pfeiffer anhand eines Videos aus der Strahlentherapie und der Labormedizin des Klinikums Stuttgart anschaulich. Rund 3,3 Millionen Laboruntersuchungen führten die Laborpraxis und das Zentralinstitut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin pro Jahr durch, von der sehr speziellen Einzeluntersuchung bis zum hochautomatisierten Untersuchungsablauf für Routineuntersuchungen. Das Institut verfüge über eine der bundesweit größten Laborautomationen in einem Krankenhauslabor. Dort folgten viele Abläufe inzwischen den Prinzipien einer computerintegrierten Produktion, wie sie unter dem Schlagwort Industrie 4.0 in anderen Branchen schon länger üblich seien. Die Prozesse beim Planungs-CT oder in der Laborautomation seien hochstandardisiert. Im Rahmen eines geschlossenen Systems werde der Behandlungsablauf, von der Einweisung eines Patienten bis zum abschließenden Arztbrief bei Entlassung, durch integrierte Klinikinformationssysteme mit allen relevanten Daten zum Patienten gesteuert. Die Gesamtarchitektur müsse möglichst homogene Systemblöcke umfassen. Dazu gehörten die Teilbereiche Computer aided design, Computer aided manufacturing, Manufacturing resource planning sowie Computer aided process planning, welche über ein Netzwerk (LAN) zum Datenaustausch miteinander verbunden seien. Die Teilbereiche stünden in unmittelbaren Zusammenhang. Voraussetzung für die Anwendung hochtechnologischer Verfahren durch MTA sei ein ausgeprägtes Prozesswissen sowie Wissen über IT Komponenten. Risiko-, Prozess- und Ausfallmanagement erhielten deshalb einen immer höheren Stellenwert. Zu den notwendigen Fähigkeiten in einer computerunterstützten Fertigung gehörten Abstraktionsvermögen, die Fähigkeit, logische Schlussfolgerungen ziehen zu können, fertigungsorientiertes Denken (procedural reasoning) sowie Methodenkompetenz. Diese neuen Kompetenzen müssten nicht nur in den entsprechenden Ausbildungs- und Prüfungsordnungen, sondern auch in der Fortbildung möglichst kurzfristig stärker berücksichtigt werden. Eine wesentliche Herausforderung sei es zukünftig, Wissen und Können auf dem aktuellen technologischen Stand zu halten. Das Berufsgesetz für die MTA-Berufe sei an diese Herausforderungen und Möglichkeiten anzupassen.
    Herr Dr. Kaplan dankt für den eindrücklichen und facettenreichen Vortrag und verweist auf den rasanten Wandel der Berufsbilder in den letzten 20 Jahren. Es sei offensichtlich, dass der Bedarf an notwendigen Fortbildungen weiter steigen werde.

    TOP 3:     Verschiedenes

    3.1   Pressemitteilung

    Die Pressemitteilung wird auf der Basis des vorbereiteten Entwurfs einvernehmlich abgestimmt (Anlage 5).

    3.2   Termin 2018

    Als Termin der nächsten Fachberufekonferenz wird Mittwoch, der 7. März 2018, 10:30 bis 16:30 Uhr, in Berlin, festgelegt.

    * * * *

    Herr Dr. Kaplan dankt den Teilnehmern für die konstruktive Sitzung und den Referenten für ihre engagierten, interessanten Beiträge und wünscht allen eine gute Heimreise.

    Für die sachliche Richtigkeit:

    Berlin, den 22.03.2017

    Dipl.-Päd. Rosemarie Bristrup                                            Dipl.-Pflegew. Christian Petzold


    Die zum Bericht gehörigen Anlagen können per E-Mail bei dezernat1@baek.de angefordert werden.