Medizinische Fachangestellte: Umstellung in den Arztpraxen

Am 1. August 2006 wurde nach genau 20 Jahren die Ausbildung zur Arzthelferin durch die neue Ausbildungverordnung zur Medizinischen Fachangestellten abgelöst. (in: Deutsches Ärzteblatt 103, Heft 30 (28.07.2006), S. A-2021 - A-2022)

Viele haben auf die Verordnung, die erst am 5. Mai 2006 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht wurde, gewartet, denn sie wirkt sich direkt auf alle neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse aus. Immerhin werden schätzungsweise nahezu 15 000 junge Frauen im nächsten Monat eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten beginnen - zunehmend mehr übrigens auch im stationären Bereich. Dies wird deshalb auch stärker als bisher in der Ausbildung berücksichtigt. Die Medizinische Fachangestellte (MFA) führt die bewährte Konstruktion einer Allround-Fachkraft mit gleichgewichtigen "Standbeinen" in den Bereichen Behandlungsassistenz (bisher: Medizin) und Betriebsorganisation und -verwaltung (bisher: Verwaltung) fort. Insoweit gibt es einen gleitenden Übergang von der Arzthelferin zur MFA. Beide Ausbildungen sind rechtlich gleichwertig. Die Berufsbezeichnung wurde "neutraler" und umfassender gewählt, nach Meinung des Arzthelferinnenverbandes sogar aufgewertet, weil der "Helfer"-Begriff entfallen ist.

Hohe Anforderungen

Die Inhalte der Ausbildung wurden in Umfang und Niveau an die Erfordernisse einer modernen, qualitativ hoch stehenden Patientenversorgung angepasst (siehe DÄ, Heft 44/2005): Kommunikation mit Patienten und im Team, Umgang mit Störungen und Konflikten, Patientenbetreuung, -koordinierung und ­beratung sowie Gesundheitsförderung und Prävention sind neue Schwerpunkte. Die Bereiche Praxismanagement, Informations- und Kommunikationstechnologien unter Berücksichtigung von Datenschutz und Datensicherheit sowie Handeln in Notfällen wurden deutlich ausgeweitet, Qualitätsmanagement, Zeit- und Selbstmanagement sowie Marketing als Inhalte aufgenommen. In der Behandlungsassistenz bleibt die Medizinische Fachangestellte "rechte Hand" des Arztes in bekanntem und bewährtem Umfang. Die Tabelle stellt die Ausbildungsberufsbilder der Arzthelferin und der Medizinischen Fachangestellten gegenüber.

Die berufliche Handlungsfähigkeit als Ziel der Berufsbildung steht im Zentrum der neuen Verordnung, die auf das novellierte Berufsbildungsgesetz vom März 2005 als allgemeiner Rechtsgrundlage Bezug nimmt. Damit ist ein Handeln im betrieblichen Gesamtzusammenhang gemeint, das selbstständiges Planen, Durchführen und Kontrollieren/Bewerten einschließt. Die berufliche Handlungsfähigkeit umfasst nicht nur fachliche Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten, sondern auch "überfachliche" methodische Kompetenzen; sie wird durch soziale, kommunikative und "Selbstkompetenz" ergänzt.

Der neue Ansatz der Verordnung hat zur Folge, dass nur noch Ziele beziehungsweise gewünschte Ergebnisse ("outcome") festgelegt werden und Wissensbestandteile als "mittelbare" Elemente von beruflicher Handlungskompetenz nicht mehr ausgewiesen sind. Alle Ausbildungsziele im Ausbildungsrahmenplan sind deshalb in komplexer, integrierter Form eines zu erreichenden Endverhaltens beschrieben. So heißt es etwa unter der Berufsbildposition "Patientenbetreuung und -beratung": die Patienten und Patientinnen situationsgerecht empfangen und unter Berücksichtigung ihrer Wünsche und Erwartungen vor, während und nach der Behandlung betreuen. Oder unter "Durchführen von Maßnahmen bei Diagnostik und Therapie unter Anleitung und Aufsicht des Arztes oder der Ärztin": Untersuchungen und Behandlungen vorbereiten, insbesondere Patientenbeobachtung durchführen, Vitalwerte bestimmen, Patienten messen und wiegen, Elektrokardiogramm schreiben, Lungenfunktion prüfen, Geräte und Instrumente handhaben, pflegen und warten. - Die hierfür notwendigen medizinischen Grundlagen in Anatomie, Pathologie, Physiologie und die einzelnen Organbereiche sind nicht mehr im Einzelnen aufgeführt.

Neue Abschlussprüfung

Die Regelungen zur Abschlussprüfung sind ebenfalls geändert worden. In der Abschlussprüfung soll festgestellt werden, ob die Ziele der Ausbildung erreicht wurden. Die Prüfungsanforderungen müssen von Inhalt, Struktur und Niveau her die Zielvorgaben valide widerspiegeln. Neben der schriftlichen Prüfung in drei Fächern gibt es deshalb einen "neuen" praktischen Teil, der deutlich aufgewertet wurde: Die Prüflinge haben in circa 60 Minuten einen komplexen Behandlungsfall mit allen Begleitprozessen zu bearbeiten und zu präsentieren; darüber hinaus führen sie ein bis zu 15-minütiges so genanntes Fachgespräch. Der praktische Teil spielt zu 50 Prozent für das Bestehen eine Rolle (bisher lediglich zu einem Sechstel) und muss mindestens mit "ausreichend" bewertet sein. Auch das ist Ausdruck der Aufwertung der beruflichen Handlungsfähigkeit. Der Textkasten "Prüfungsziel Praktischer Teil" verdeutlicht das anspruchsvolle Niveau der praktischen Aufgabe, ihre Komplexität und die verschiedenen Kompetenzen, die abgeprüft werden müssen.

Die Prüfungs- und die Aufgabenerstellungsausschüsse der Kammern haben diese Vorgaben umzusetzen. Der Anfang wurde Ende Mai in einem zweitägigen Workshop bei der Bundesärztekammer gemacht, wie im Übrigen auch die Musterabschlussprüfungsordnung vom Vorstand der Bundesärztekammer bereits im April des Jahres verabschiedet wurde.

Die beschriebenen Ziele beziehungsweise Änderungen werden den Ansprüchen an den Beruf und den Gegebenheiten in den Praxen, Krankenhäusern oder sonstigen Versorgungseinrichtungen besser gerecht, denn die Ausbildung dort findet per se in einer komplexen, mehrdimensionalen Alltagssituation statt. Durch die neue Form der zeitlichen Gliederung (Zeitrahmenmethode) kann darüber hinaus eine stärkere Ausrichtung auf die Gegebenheiten vor Ort und die medizinische Ausrichtung des Betriebes erfolgen. Andererseits können durch die Prüfung und die Neugewichtung des praktischen Teils Mängel in der Ausbildung, die primär in der Verantwortung des Arztes liegen, deutlicher werden als bisher. Die Abschlussprüfung bezieht nämlich nur solche Inhalte des Berufsschulunterrichts ein, die für die Ausbildung "wesentlich" sind. In diesem Zusammenhang könnte zum Problem werden, dass auch der Berufsschulunterricht zeitgleich ab dem 1. August komplett umgestellt werden muss, und zwar auf die Lernfelddidaktik. War die bisherige Berufsschulpädagogik an bekannten Fächern orientiert, so führt das Prinzip der Handlungsorientierung zu fachübergreifenden "Lernfeldern" und situations- und projektorientiertem Unterricht. Ein "klassisches" Curriculum mit verbindlich vorgeschriebenen Fachinhalten, zum Beispiel in den medizinischen Fächern, das die Ausbildung in der Arztpraxis verlässlich begleitet, gibt es nicht mehr. Die Vermittlung der zusätzlichen Inhalte in den Bereichen Patientenbetreuung, Prävention, Handeln im Notfall oder Qualitätsmanagement könnte deshalb im Zweifelsfall zulasten der "kleineren" medizinischen Fächer gehen. In vielen Initiativen auf Schulebene werden die Inhalte derzeit in "Bildungsgangkonferenzen" festgelegt. Die meisten Berufsschulen müssen Strukturen neu aufbauen, sie werden aber von den Erfahrungen der vor fünf Jahren neu geordneten Zahnmedizinischen Fachangestellten profitieren können.

Die Gestaltung des Übergangs in den nächsten Jahren muss von allen Beteiligten intensiv und verantwortlich begleitet werden, bis die neuen Regelungen eingespielt sind. Es besteht kein Zweifel, dass die neue Verordnung einen strukturqualitativen Beitrag dazu leistet, die hohen Ansprüche an eine bedarfs- und patientengerechte medizinische Versorgung zu unterstützen, zu der in Zukunft mehr denn je qualifiziertes und motiviertes Personal gehören muss. Deshalb wurde diese neue Verordnung von den Landesärztekammern angestrebt, von der Bundesärztekammer beantragt und von den Sachverständigen der Landes- und Bundesärztekammer inhaltlich wesentlich mitgestaltet. Die Bundesärztekammer wird zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres eine Broschüre herausgeben, in der im Sinne einer Umsetzungshilfe die Neuerungen der Verordnung erläutert und die offenen Ausbildungszielformulierungen inhaltlich konkretisiert werden. Ausbildende oder ausbildungswillige Praxen sollten darüber hinaus überlegen, ob nicht eine stärkere Nutzung von betrieblichen Verbünden, Kooperationen, Rotationen und außerbetrieblichen Maßnahmen sinnvoll sein könnte, nicht nur, um die höheren Anforderungen besser zu erfüllen, sondern auch, um sich selbst die Ausbildung zu erleichtern und eventuell neue Ausbildungsplätze zu schaffen.

Rosemarie Bristrup
Bundesärztekammer

Vergleich der Berufsbilder
Arzthelferin Medizinische Fachangestellte
1. Kenntnisse über das Gesundheitswesen und die ärztliche Praxis 1. Der Ausbildungsbetrieb
2. Arbeitsschutz, Arbeitshygiene, Umweltschutz und rationelle Energieverwendung
3. Maßnahmen der Praxishygiene
2. Gesundheitsschutz und Hygiene
5. Betreuung von Patienten in der ärztlichen Praxis 3. Kommunikation
4. Patientenbetreuung und -beratung
6. Hilfeleistungen bei Notfällen 10. Handeln bei Not- und Zwischenfällen
4. Anwendung und Pflegen medizinischer Instrumente, Geräte und Apparate
7. Mitwirken bei diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen des Arztes
8. Durchführen von Laborarbeiten einschließlich der Qualitätssicherung oder der Ärztin
8. Durchführen von Maßnahmen bei der Diagnostik und Therapie unter Anleitung und Aufsicht des Arztes
Alte Ausbildungsordnung für AH Neue Ausbildungsordnung für MFA
9. Umgehen mit Arzneimitteln, Sera und Impfstoffen sowie mit Heil- und
Hilfsmitteln
10. Anwenden von medizinischen Fachausdrücken und Grundkenntnissen über Krankheiten
11. Anatomie, Physiologie und Pathologie
12. Prävention, Prophylaxe und Rehabilitation 9. Grundlagen der Prävention und Rehabilitation
13. Organisieren der Praxisabläufe einschließlich Textverarbeitung
14. Durchführen des Abrechnungswesens
15. Durchführen von Verwaltungsarbeiten
16. Umgehen mit Bestimmungen der Sozialgesetzgebung
5. Betriebsorganisation und Qualitätsmanagement
7. Information und Dokumentation
6. Verwaltung und Abrechnung

 

 

Prüfungsziel Praktischer Teil

Der Prüfling soll zeigen, dass er

  • mit den Patienten situationsgerecht und personenorientiert kommunizieren,
  • sie sachgerecht informieren und zur Kooperation motivieren kann.

Er soll nachweisen, dass er

  • Arbeitsabläufe planen,
  • Betriebsabläufe organisieren,
  • Verwaltungsarbeiten durchführen,
  • Mittel der technischen Kommunikation nutzen,
  • Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit und Belange des Umweltschutzes berücksichtigen sowie
  • die für die Prüfungsaufgabe relevanten fachlichen Hintergründe aufzeigen und die Vorgehensweise bei der Durchführung der Prüfungsaufgabe begründen kann.

Darüber hinaus soll er nachweisen, dass er Erste-Hilfe-Maßnahmen am Patienten durchführen kann.