Qualitätsmerkmale eines krankheitsorientierten Zentrums

Qualitätsmerkmale eines krankheitsorientierten Zentrums [PDF]

(aus den Ergebnissen der Arbeitsgruppe „Gute Zentrumszertifizierung“ der Bundesärztekammer)

Das krankheitsorientierte Zentrum kann als Prototyp der modernen Zentrenbildung angesehen werden [Siewert[1] 2005]. Man könnte es definieren als eine an einem Standort gebündelte oder als Netzwerk organisierte medizinische Versorgungsstruktur, welche auf die Diagnostik und Therapie von Patienten mit spezifischen Krankheiten bzw. auf die Erkennung von Trägern mit erhöhten Risiken für diese Krankheiten spezialisiert ist. Wesensmerkmale eines krankheitsorientierten Zentrums sind:

  • Krankheitsorientierte Spezialisierung

Spezialisierung des Zentrums auf bestimmte Erkrankungen. Versorgung durch qualifizierte Ärzte und weitere medizinischer Berufe. Bereitstellung spezialisierter räumlicher und apparativer Ressourcen.

  • Patientenzentrierung[a]

Besondere Berücksichtigung der individuellen Bedarfe und Präferenzen des Patienten und seiner Angehörigen.

  • Evidenzbasierte Versorgung

Diagnostik und Therapie auf der Grundlage evidenzbasierter Leitlinien und Expertenstandards bzw. Anwendung des Expertenkonsensus im Zentrum.

  • Interdisziplinäre[b] und -professionelle Kooperation und Kommunikation

Transsektorale Abbildung der gesamten Versorgungskette für die Patienten. Zentrumsinterne Teambildung. Verständnis von therapeutischen Ansätzen anderer Fachdisziplinen, um moderne multimodale Therapien zu ermöglichen.

  • Enge Kooperation und Kommunikation mit den einweisenden und weiterbetreuenden Ärzten sowie mit allen anderen an der Versorgung des Patienten Beteiligten.
  • Qualitätsmanagement

Ein besonders auf Patientensicherheit ausgerichtetes Qualitätsmanagementsystem. Interne und externe Qualitätsdarlegung und regelmäßige Evaluation.

  • Management von Informationen, Wissen und Kompetenzen

Regelmäßiger fachlicher Austausch mit allen am jeweiligen Krankheitsbild Beteiligten. Systematische Weiterentwicklung von Kompetenzen.

  • Forschung und Lehre

Unterstützung des Wissenstransfers von der Forschung in die klinische Praxis. Klinische Forschung und Versorgungsforschung durch Teilnahme an Studien, Registern. Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses.

Literatur:

[a] Der deutsche Begriff der Patientenzentrierung ist nicht deckungsgleich mit dem Konzept des Patient Centred Care (PCC, Übersicht z. B. bei Pelzang [2010]). Bei letzterem handelt es sich um ein umfangreiches Konzept, das den Patienten als Individuum in den Mittelpunkt der Arzt-Patient Beziehung setzt.

[b] Zur Begriffsunterscheidung: „Interdisziplinarität“ kann man als eine interaktive Kooperationsform verstehen, in der es zu Gemeinsamkeiten  zwischen den (ärztlichen) Fachbereichen auf Basis gemeinsamer Behandlungsziele kommt. „Multidisziplinarität“ ist hingegen eine eher additive Kooperationsform, bei der sich die Fachbereiche zwar ergänzen (z. B. durch Nutzung gemeinsamer Ressourcen), aber doch in Ihren Fachgrenzen bleiben. „Transdisziplinarität“ bedeutet schließlich eine vollständige Aufhebung der Fachbereichsgrenzen [Choi und Pak 2006]. „Interprofessionalität“ schließt auch andere Berufsgruppen (z. B. Pflege) mit ein [Diener et al. 2012]. Erbsen et al. [2010] stellen fest, dass organisationstheoretischen Grundlagen für interdisziplinäre Zusammenarbeit in Zentren in der Literatur nicht berücksichtigt werden und empfehlen weitergehende Healthcare-Team-Forschung zu diesem Aspekt.

Diener et. al.; Wundzentren. Gefässchirurgie 2012 (5) 17:334–340

Erbsen et. al.; Interdisziplinäre Zentren in Krankenhäusern? Ein Literaturüberblick [Interdisciplinary centres in hospitals? A review of the literature] ZEFQ 2010; 104: 39-44

[1] Siewert, J.R.; Des Kaisers Neue Kleider oder: Neue Strukturmodelle für Universitätsklinika. [The Emperor’s New Clothes: New structures for university hospitals] Dtsch Med Wochenschr 2005;130:2524-2527

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