Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern: Früherkennung und Prävention als ärztliche Aufgabe

Vernachlässigung, Kindesmisshandlung und sexueller Missbrauch von Kindern stellen gravierende Formen der Kindeswohlgefährdung dar. Nach Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Jahr 2012 in Deutschland 3.450 Fälle von Kindesmisshandlung (§ 225 StGB) strafrechtlich zur Anzeige gebracht. Dabei ist jedoch von einer hohen Dunkelziffer nicht angezeigter Straftaten auszugehen, da die Taten großteils im häuslichen Umfeld verübt werden und die Opfer meist Säuglinge oder Kleinkinder sind, die noch nicht auf sich aufmerksam machen können. In Deutschland wachsen etwa 5 % aller Kinder in Familien auf, die nach den Kriterien der Mannheimer Risikokinder-Studie [PDF] als „Hochrisikofamilien“ für Vernachlässigung zu bezeichnen sind. Im Jahr 2012 nahmen die Jugendämter laut Angaben des Statistischen Bundesamts 40.227 Kinder und Jugendliche in Obhut, da sich die Minderjährigen in einer für sie akut gefährdenden Situation befanden. Noch vor wenigen Jahren lag die Zahl unter 30.000. Jede Woche sterben in Deutschland drei Kinder durch Gewalt oder Vernachlässigung.

Ärztinnen und Ärzte sind Schlüsselpersonen um Anzeichen für Misshandlungen oder Vernachlässigungen bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen und zu diagnostizieren. Damit haben sie die Chance, den Opfern frühzeitig Schutz, geeignete Interventionen und notwendige Therapien zukommen zu lassen.


Es werden 4 Formen von Kindesmisshandlung unterschieden:

  1. Körperliche Misshandlung
  2. Sexueller Missbrauch
  3. Misshandlung durch Vernachlässigung
  4. Psychische Misshandlung

 

Alle vier Formen finden sich aufgelistet im ICD 10 im Diagnoseschlüssel T74.

Die Diagnose Kindesmisshandlung ist jedoch schwerwiegend und sollte daher mit aller Vorsicht und nur gut belegt getroffen werden.

Folgende anamnestische Informationen können auf eine Kindesmisshandlung hinweisen (Herrmann et al., Kindesmisshandlung, Springer 2010):

  • verspätete Vorstellung des Kindes bei gravierenden Verletzungen
  • häufige Arztbesuche auch bei wechselnden Ärzten/Kliniken
  • Vorstellung des Kindes trotz deutlicher Verletzungsspuren wegen anderer, oft geringfügiger Beschwerden
  • fehlende plausible Erklärung für Verletzungen
  • Verletzungshergang wird durch verschiedene Personen unterschiedlich erklärt
  • inadäquater Unfallmechanismus für das Alter bzw. den individuellen Entwicklungsstand

 

Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin [PDF] sowie die weiter unten aufgeführten Leitfäden der Bundesländer bieten Unterstützung bei der Diagnosestellung und Dokumentation, zeigen mögliche praktische Vorgehensweisen auf und geben Hinweise zur Risikoabschätzung. Für Kliniken wurde der bundesweite Kinderschutzleitfaden der AG Kinderschutz in der Medizin [PDF] von der Kommission Kinderschutz der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin als gemeinsamer Qualitätsstandard im Umgang mit Misshandlungsfällen herausgegeben.

Zur Diagnose und deren Dokumentation kann auf standardisierte Dokumentationsschemata, wie etwa den Dokumentationsbogen des Klinikums Kassel [PDF] *, zurückgegriffen werden. Eine gute Dokumentation ist wichtig für eventuelle Gerichtsverfahren und schützt sowohl den Arzt/die Ärztin als auch die Erziehungsberechtigten vor falschen Verdächtigungen.

Bei einem Verdacht können niedergelassene Kinderärzte bzw. Kliniken sich an ärztliche Kinderschutzambulanzen, die es inzwischen in mehreren Städten Deutschlands gibt, wenden. Zudem steht in Zweifelsfällen bei den Jugendämtern auf der Grundlage von § 4 KKG eine in diesem Themenfeld erfahrene Fachkraft zur Verfügung.


Leitfäden „Gewalt gegen Kinder“ nach Bundesländern **

Einen wertvollen Beitrag für die Abklärung einer möglicherweisen Kindesmisshandlung leisten die Leitfäden „Gewalt gegen Kinder“, die inzwischen für alle Bundesländer vorliegen. Die nachfolgend aufgeführten Leitfäden enthalten:

  • Hinweise zu Anzeichen für eine Kindesmisshandlung oder -vernachlässigung,
  • Unterlagen zur Dokumentation (mit entsprechenden Dokumentationsbögen)
  • Informationen zu den zu beachtenden Rechtsgrundlagen
  • Hinweise zu verfügbaren Hilfesystemen.
Baden-Württemberg [PDF]Mecklenburg-Vorpommern [PDF]Sachsen-Anhalt [PDF]
Bayern [PDF]

Niedersachsen [PDF] Schleswig-Holstein [PDF]
Brandenburg [PDF]Nordrhein [PDF]Thüringen [PDF]
Bremen [PDF]

Rheinland Pfalz [PDF]Westfalen-Lippe [PDF]
Hamburg [PDF]Saarland [PDF]
Hessen [PDF]Sachsen [PDF]

 


Weitere Materialien der Landesärztekammern zum Thema Kinderschutz


Bundeskinderschutzgesetz:

Das am 01.01.2012 in Kraft getretene Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG) hat für Ärzte und andere Berufsgruppen mit Schweigepflicht eine bundeseinheitliche Befugnisnorm zur Einschaltung des Jugendamtes bei Verdacht auf Vernachlässigung oder Misshandlung eines Kindes geschaffen (§ 4 KKG) .

Das Gesetz sieht nach Feststellung gewichtiger Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung ein dreistufiges Verfahren vor:

  1. Gespräch mit dem Kind oder Jugendlichen und dem Personensorgeberechtigten:
    Hinwirkung auf Inanspruchnahme von Hilfen, soweit hierdurch der wirksame Schutz des Kindes oder Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird.
  2. Bei Unsicherheiten bzgl. der Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung:
    Anspruch auf Beratung durch eine Fachkraft des Jugendamtes – Erlaubnis zur pseudonymisierten Datenübermittlung
  3. Kann die Gefahr einer Kindeswohlgefährdung nicht durch ein Gespräch nach 1. abgewendet werden, besteht für den Arzt/die Ärztin die Befugnis zur Einschaltung des Jugendamtes unter Mitteilung der erforderlichen Daten. Hierauf sind die Betroffenen vorab hinzuweisen, es sei denn, dass damit der wirksame Schutz des Kindes oder des Jugendlichen in Frage gestellt würde.

Durch diese Regelungen wird für Ärztinnen und Ärzten eine größere Rechtssicherheit geschaffen, da sie bislang in Verdachtsfällen auf eine Kindeswohlgefährdung zwischen ärztlicher Schweigepflicht nach § 203 StGB einerseits und der Einschaltung Dritter auf der Grundlage eines rechtfertigen Notstandes nach § 34 StGB entscheiden mussten.

Eine Meldepflicht für Ärzte wird durch das Gesetz hingegen nicht begründet.

Bei Vorliegen eines rechtfertigen Notstandes gemäß § 34 StGB, der umgehendes Handeln erfordert, ist der Arzt/die Ärztin auch weiterhin befugt, sich unmittelbar an die zuständigen Behörden zu wenden, ohne damit die ärztliche Schweigepflicht nach § 203 StGB zu verletzen. Auch hierfür ist eine gute Dokumentation dringend erforderlich.

Weitere Informationen zu den gesetzlichen Grundlagen finden Sie hier:


 

Anzeichen für Vernachlässigung oder Misshandlung im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen

Die Früherkennungsuntersuchungen für Kinder bieten eine gute Möglichkeit, Eltern hinsichtlich einer Förderung der Gesundheit ihrer Kinder und begleitender Unterstützungsangebote zu beraten. Durch sie können auch frühzeitige Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung erkannt und auf angemessene Weise angesprochen werden. In den Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen über die Früherkennung von Krankheiten bei Kindern („Kinder-Richtlinien“) heißt es zur U7a (34. bis 36. Lebensmonat): „Bei erkennbaren Zeichen einer Kindesvernachlässigung oder -misshandlung hat der untersuchende Arzt die notwendigen Schritte einzuleiten“.

Um die Früherkennungsmöglichkeiten zu verbessern, haben die Länder in den letzten Jahren Einladungs- und Rückmeldesysteme zur Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder implementiert. Damit sind in den meisten Bundesländern (siehe Tabelle) untersuchende Ärzte dazu verpflichtet, die Teilnahme an einer Früherkennungsuntersuchung an eine dafür ausgewiesene Landesstelle zu melden:

Bundesland Meldestelle für U-Untersuchungen
Baden Württemberg Keine Meldepflicht
Bayern Keine Meldepflicht
Berlin Einladungs- und Rückmeldewesen für Kinder-Früherkennungsuntersuchungen an der Charité - Universitätsmedizin Berlin am Campus Virchow Klinikum
Brandenburg Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz
Bremen Gesundheitsamt
Hamburg Landesfamilienbüro Zentrale Stelle
Hessen Hessisches Kindervorsorgezentrum
Mecklenburg-Vorpommern Landesamt für Gesundheit und Soziales
Niedersachsen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie
Nordrhein-Westfalen Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit
Rheinland Pfalz Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung
Saarland Zentrum für Kindervorsorge Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Saarland
Sachsen Kassenärztliche Vereinigung Sachsen
Sachsen-Anhalt Keine Meldepflicht
Schleswig-Holstein Landesamt für soziale Dienste Schleswig-Holstein (Landesfamilienbüro)
Thüringen Vorsorgezentrum für Kinder – Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz – Abteilung Medizinaluntersuchung


Weitere Hilfen zur Unterstützung belasteter Eltern bieten:

  • Jugendämter
  • Sozialämter
  • Lokale Netzwerke früher Hilfen
  • Familienhebammen
  • Kinderschutzbund
  • Wohlfahrtsverbände/Erziehungsberatungsstellen

Allgemeine Informationen zum Thema

Stellungnahme der BÄK/KBV zum BKiSchG_2011 [PDF]

Entschließungsantrag des 112. Deutschen Ärztetags: Entwurf des Kinderschutzgesetzes – Präzisierung der Ausführungs­bestimmungen

Entschließungsantrag des 110. Deutschen Ärztetags: Frühe Intervention und Hilfe zur Prävention von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung – Verbindlichkeit von Kinderfrüherkennungsuntersuchungen und Einrichtung eines Meldewesens

Nationales Zentrum Frühe Hilfen

Hilfeportal Sexueller Missbrauch
Informationsportal des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung

Was können Ärzte (und Zahnärzte) in Deutschland zur Prävention und Früherkennung von Kindesvernachlässigung und –misshandlung beitragen? [PDF]
Prof. Dr. mult. E. Nagel, Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften, Universität Bayreuth

Arbeitsgemeinschaft „Kinderschutz in der Medizin“


* Copyright Springer Verlag, 2008

** (Hinweis: Die Leitfäden befinden sich derzeit z. T. in Überarbeitung und spiegeln somit nicht immer den aktuellen Gesetzesstand wider.)