Stellungnahme der Bundesärztekammer zum Gesetzentwurf des Bundesrates "Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Betäubungsmittelgesetzes (DS13/205) vom 12. Januar 1995"

Begleitung der wissenschaftlichen Modellversuche über die Heroinvergabe an Opiatabhängige

Die Bundesärztekammer begrüßt wissenschaftliche Modellprojekte mit dem Ziel, zu prüfen, ob das Behandlungsspektrum für die Drogenabhängigkeit durch Originalstoffgabe erweitert werden kann. Dies sollte an bestimmte Voraussetzungen geknüpft sein. Ein umfassender multiprofessioneller Behandlungsansatz ist unabdingbar. In einer Koordinierungsgruppe des Bundesgesundheitsministeriums mit den Städten und Ländern hat inzwischen die Auswahl für ein Forschungsdesign zur wissenschaftlichen Prüfung der heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger stattgefunden. Die Bundesärztekammer begleitet dieses Vorhaben. Es soll eine klinische Prüfung heroinhaltiger Arzneimittel durchgeführt werden (Zulassungsstudie) sowie ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn über bisher nicht bestehende Therapiemöglichkeiten für Opiatabhängige gewonnen werden. Mit Stand vom Januar 2001 beteiligen sich die folgenden Städte: Bonn, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München sowie die Länder Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Die Bundesärztekammer begrüßt die im vorgenannten Entwurf beabsichtigte Änderung des Betäubungsmittelgesetzes, die eine Grundlage dafür schafft, wissenschaftliche Modellprojekte in Deutschland durchführen zu können mit dem Ziel zu prüfen, ob das Behandlungsspektrum für die Drogenabhängigkeit erweitert werden kann.

Drogenabhängigkeit bzw. Sucht ist eine chronische Krankheit, für die es bis heute kein abschließendes Erklärungs- und Entstehungsmuster gibt. Unterschiedliche wissenschaftliche Studien lassen jedoch den Schluß zu, daß es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt, das bei einzelnen Menschen zur Entstehung einer Sucht führt und einen individuellen Verlauf hat. Daraus kann man den Schluß ziehen, daß es zur Behandlung dieser Erkrankung vielfältiger und breit gefächerter Strategien bedarf, die individuell auf den Patienten abzustimmen sind. Wie bei anderen chronischen und/bzw. langdauernden Erkrankungen sind die Behandlungserfolge - wobei hier im Einzelfall zu definieren ist, was als Behandlungserfolg zu werten ist - sehr unterschiedlich. Die gewählten Strategien und vorhandenen Methoden führen bei der Sucht, wie auch bei anderen Erkrankungen, häufig nicht zum gewünschten Erfolg. Es ist jedoch für einen Arzt kaum zu verantworten, die weitere Betreuung und Behandlung des Patienten zu verweigern.

Neben der Heilung von Krankheit ist es ebenfalls Aufgabe der Ärzte, die Folgen einer Erkrankung zu lindern und, wenn die vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten nicht erfolgreich oder ausreichend sind, im Sinne einer Schadensbegrenzung bzw. -minimierung für den Patienten zu handeln. Die Prinzipien von kurativer und palliativer Medizin, wie sie bei anderen Erkrankungen angewandt werden, sind in gleicher Weise auch auf die Sucht anzuwenden.

Aufgrund der langjährigen Erfahrungen in der Behandlung Opiatabhängiger kann die ärztlich kontrollierte Vergabe von Originalstoffen an sog. Schwerstabhängige, bei denen vorhandene Behandlungsmethoden nicht oder noch nicht erfolgreich waren, ein sinnvoller Schritt und eben nicht die Kapitulation vor der Sucht sein.

Primär sollte die Ärzte in diesem Zusammenhang interessieren, welche Auswirkungen eine solche Originalstoffvergabe auf den physischen und psychischen Gesundheitszustand des betroffenen Patienten hat. Bereits Anfang der 90er Jahre haben Untersuchungen in Großbritannien mit Vergabe von Originalsubstanzen an sog. Schwerstabhängige gezeigt, daß es zu eindrucksvollen Verbesserungen des gesundheitlichen Zustandes gekommen ist. Die dort erzielten Ergebnisse wurden durch das Schweizer Forschungsprojekt "Versuche für eine ärztliche Verschreibung von Betäubungsmitteln" bestätigt.

Wesentliche Ziele des Versuches in der Schweiz waren es u. a., die Auswirkungen auf die Gesundheit sowie die Eignung dieser Behandlung für bislang erfolglos behandelte Heroinabhängige zu untersuchen bzw. festzustellen.

Bei aller Diskussion und Kritik, die dieses wissenschaftliche Projekt auslöste, bleibt festzustellen, daß es sich hierbei um eines der umfangreichsten kontrollierten Forschungsprojekte im Bereich Sucht handelt. Der Forschungsplan und das Forschungsprotokoll wurden durch mehrere überregionale und regionale Ethikkommissionen geprüft und genehmigt, u.a. durch die Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Die Datenerhebung und die Auswertung sowie die Erstellung des Forschungsprotokolls wurden einer unabhängigen Forschergruppe übertragen. Außerdem wurde eine gesamtschweizerische Expertengruppe eingesetzt, die die Tätigkeit des Forschungsbeauftragten zu begleiten und zu beurteilen hatte. Darüber hinaus wurden weitere Expertengruppen zu bestimmten Teilbereichen berufen. International wurde das Vorhaben durch eine durch die Weltgesundheitsorganisation eingesetzte Expertengruppe beurteilt.

Die anvisierte Zielgruppe wurde erreicht. Es handelt sich hierbei um Patienten, die langjährig chronifiziert heroinabhängig sind, im Durchschnitt gut 10 Jahre, und mehrere Behandlungsversuche aufweisen, die ohne befriedigenden Erfolg geblieben sind. Dazu gehören auch mehrere gescheiterte Methadonbehandlungen. Die erfolglosen Behandlungsversuche ließen sich auch in den gesundheitlichen und sozialen Defiziten vor Eintritt in den Versuch ablesen. Bei etwa 20% wurde der somatische Zustand bei Eintritt als schlecht oder sehr schlecht eingestuft. Bei mehr als 40% der Patienten wurde der psychische Zustand bei Eintritt als schlecht eingestuft. Damit lag der psychische Behandlungsbedarf noch über dem somatischen. Bei den beiden untersuchten Kohorten lag die Durchseuchungsrate mit Hepatitis B bei 74% und mit Hepatitis C bei 83%.

Insgesamt kann festgestellt werden, daß sich - wie auch in England - bei den im Rahmen des Versuchs behandelten Patienten sowohl der somatische als auch der psychische Gesundheitszustand verbessert und stabilisiert hat.

Der Versuch hat trotz aller Vorbehalte gezeigt, daß durch eine ärztlich kontrollierte Vergabe von Originalstoffen in Kombination mit Behandlungsangeboten anderer Professionen eine Patientengruppe erreicht werden konnte, die bis dahin durch abstinenzorientierte bzw. herkömmliche Substitutionsbehandlungen nicht erreicht bzw. gehalten werden konnte.

Die ärztlich kontrollierte Vergabe von Originalstoffen an sog. Schwerstabhängige kann auch in Deutschland dazu beitragen, das Behandlungsspektrum für Drogenabhängige zu erweitern. Die Ärzteschaft muß hier eine federführende Rolle übernehmen und ist zur Entwicklung entsprechender Konzepte bereit.

Voraussetzungen für die ärztliche kontrollierte Vergabe von Originalstoffen im Rahmen wissenschaftlicher Forschung zu Behandlungszwecken sind:

  • Langjährige chronifizierte Opiatabhängigkeit
  • Abbruch mehrerer Therapieversuche
  • Akute Gefahr gesundheitlicher Schäden oder sozialer Verelendung
  • Begleitende Forschung zur Beurteilung des Therapieverlaufs und des Therapieerfolgs
  • Maßnahmen zur Verhinderung eines Beigebrauchs von Suchtmitteln, wenn durch den Beigebrauch die Therapieziele gefährdet werden.

Weiterhin ist dafür Sorge zu tragen, daß eine entsprechende Behandlung nicht nur reduziert werden kann auf die ärztliche Verschreibung eines Betäubungsmittels, sondern daß hier ein umfassender multiprofessioneller Behandlungsansatz unabdingbar ist, in dem auch eine dem Patienten entsprechende psychosoziale Betreuung und Begleitung garantiert wird. Diese psychosoziale Betreuung und Begleitung sollte sich u. a. auch auf die Wohnsituation, die Arbeitsplatzsuche, die Schuldenregulierung sowie den Aufbau neuer sozialer Kontakte außerhalb der Drogenszene beziehen. Darüber hinaus muß gewährleistet sein, daß, wo erforderlich, neben der rein medizinischen Behandlung auch Psycho- und / oder Sozialtherapie entsprechend vorgehalten wird. Hierzu bietet sich der Behandlungsverbund von Ärzteschaft und Drogenhilfe an. In einem solchen Konzept sind u. a. die Ziele und die Zielgruppe genau zu definieren, die Kooperation der unterschiedlichen beteiligten Berufsgruppen strukturell zu verankern, ein Qualifikationsprofil für die beteiligten Mitarbeiter zu entwickeln und Rahmenbedingungen auch hinsichtlich der Projektstellen (Institutionen) festzulegen. Die Auswahl des in den wissenschaftlichen Versuch einbezogenen Personenkreises sollte nach den Richtlinien und Vorgaben einer bei der Landesärztekammer oder einer Medizinischen Fakultät gebildeten Ethikkommission vorgenommen werden.

Ohne die genannten Vorbedingungen ist eine kontrollierte Originalstoffvergabe an drogenabhängige Patienten verantwortungslos und wird aus ärztlicher Sicht abgelehnt.