Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. Dr. med. h. c. Erwin Kuntz

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Erwin Kuntz einen Arzt, der sich in mehr als 40 Jahren seines Berufslebens durch sein Wirken als Arzt, Wissenschaftler, akademischer Lehrer und als ein unermüdlicher Aktivist und Pionier der ärztlichen Fortbildung um die ärztliche Versorgung der Patienten, um die Wissenschaft, die Forschung und Lehre und durch eine Fülle von ehrenamtlichen Tätigkeiten in akademischen Gremien, in Berufsverbänden, in Fachgesellschaften, in kulturellen, sozial-karitativen und in wissenschaftlichen Institutionen um die Fortbildung, die Selbstverwaltung, das Gesundheitswesen und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht hat.

Erwin Kuntz wurde am 21. Oktober 1922 in Kröffelbach (Kreis Wetzlar), Hessen, als Sohn des Lehrers Heinrich Kuntz und seiner Ehefrau Auguste, geborene Arabin, geboren. Die Volksschule besuchte er bei seinem Vater in seinem Geburtsort. Das Abitur legte er 1940 am Goethe-Gymnasium in Wetzlar ab. Bereits kurz danach wurde er zum Wehrdienst eingezogen und war fünf Jahre im Kriegseinsatz. Als Leutnant der Reserve kehrte Erwin Kuntz nach Kriegsende zurück und nahm im Oktober 1945 an der Philipps-Universität Marburg das Medizinstudium auf. Er legte dort alle Examina wie auch das medizinische Staatsexamen 1951 mit der Note "sehr gut" ab. Die Promotion erfolgte unmittelbar danach mit der Note "summa cum laude" über das Thema "Die physikalisch-physiologischen Grundlagen und die Anwendbarkeit der Lichtbogenprobe" (bei Prof. Dr. med. Horst Schwalm, Universitätsfrauenklinik Marburg).

Im Oktober 1951 begann Erwin Kuntz an der Medizinischen Universitätsklinik in Gießen (bei Prof. Dr. med. Hans Bohn) seine Weiterbildung auf dem Gebiet der Lungen- und Bronchialheilkunde (Facharzt-Anerkennung am 12. August 1958) und auf dem Gesamtgebiet der Inneren Medizin (Facharzt-Anerkennung am 25. Januar 1962). Sein klinischer Schwerpunkt lag auf allen seinerzeit verfügbaren bioptischen und endoskopischen Techniken dieser beiden Fachbereiche; er baute die Endoskopie-Abteilung der Klinik auf. Im Laufe dieser Tätigkeiten wechselte Erwin Kuntz in sein späteres Forschungs- und Lehrgebiet, die Gastroenterologie und insbesondere die Hepatologie. Er habilitierte sich 1964 an der Medizinischen Fakultät der Universität Gießen mit dem Thema "Die klinische Aktivitätsbeurteilung der Lungentuberkulose". Gleichsam als ein Überblick über seine bisherige endoskopische Schwerpunkttätigkeit hielt er seine Antrittsvorlesung zum Thema "Der Stellenwert der Thorakoskopie und Laparoskopie in der Inneren Medizin und Pneumologie". Für seine Habilitationsschrift, die 1964 als Monographie publiziert wurde, erhielt er den "Franz-Redeker-Preis", verliehen durch das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose. Eine Einmaligkeit ist die erneute Verleihung des "Franz-Redeker-Preises" im Jahr 1966 für seine klinische Studie über "Die Pleuraergüsse. Differentialdiagnose, Klinik und Therapie", die 1966 als Monographie verlegt wurde. Bis 1968 war Erwin Kuntz als Oberarzt an der Medizinischen Universitätsklinik (Direktor: Prof. Dr. med. Hans Adolf Kühn) und als Dozent an der Krankenpflegeschule tätig. 1969 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt.

Als er 1968 zum Chefarzt am Diakonie-Krankenhaus in Schwäbisch Hall gewählt wurde, übernahm er nicht nur die Medizinische Klinik mit seinerzeit mehr als 170 Betten, sondern auch die Leitung der Krankenpflegeschule und der Balneologischen Abteilung. Die Medizinische Klinik konnte mit allen technischen Bereichen neu aufgebaut und das gesamte Spektrum der Gastroenterologie und der Inneren Medizin angeboten werden. Eine Besonderheit spiegelt seine fachliche Anerkennung und menschliche Wertschätzung als "Chef" wider, indem er und seine damaligen ärztlichen Mitarbeiter sich nun seit mehr als 30 Jahren jährlich "reihum" zu einem Haller Wochenende treffen. Die so oft kritisierte hierarchische Struktur, initiiert und geprägt von der klinischen Verantwortlichkeit des Chefarztes, kann sich durchaus auch als lebenslange Freundschaft bewähren, wie das Beispiel Erwin Kuntz zeigt.

Bereits 1968 war Erwin Kuntz in das Planungsgremium des Klinikneubaus in seiner Heimatstadt Wetzlar als medizinischer Berater berufen worden. Hier erarbeitete er das Konzept der organisatorischen Strukturen, Versorgungseinheiten und Organisationsabläufe. Seitdem blieb er in den Arbeitsgruppen der Planungskonzeption und in Zusammenarbeit mit den Klinikarchitekten und den medizintechnischen Unternehmen. Das Klinikum Wetzlar mit seinen fast 700 Betten, seinen großzügigen Anlagen und modernsten Einrichtungen galt seinerzeit als Vorzeige-Modell. Erwin Kuntz wurde zum Chefarzt der Medizinischen Klinik II (Gastroenterologie, Innere Medizin) gewählt und war, wie auch als Ärztlicher Direktor, bis 1988 in Wetzlar tätig.

Während seiner 17-jährigen Tätigkeit an der Medizinischen Universitätsklinik Gießen und den nachfolgenden 20 Jahren als Chefarzt konnte sich Erwin Kuntz als Vollblut-Kliniker mit breiten fachärztlichen Weiterbildungen, auch in der Labormedizin und Gastroenterologie, entfalten. Unermüdlich blieb er an allen medizinischen Neuheiten und Entwicklungen interessiert, um sie nach ausreichender Bewährung in seine Klinik einzuführen. Hierbei blieb er getreu einer ihm in der Studienzeit gewidmeten Lebensweisheit "Prüfe aber alles und das Gute behalte". Sein dynamischer Geist, seine große Belastbarkeit, seine optimistische und beharrliche Zielstrebigkeit sowie sein kreativer Weitblick hatten auch eine Basis in einem weiteren Lebensgrundsatz, geprägt von dem Theosophen Angelus Silesius: "Es ward uns nicht gegeben, auf einer Stufe auszuruhen." Hierbei kam ihm seine sportliche Ausbildung in der Jugend und Studienzeit zugute. Seine Beliebtheit bei seinen Patienten war für seine Mitarbeiter ein beispielhaftes Erlebnis.

Erwin Kuntz gilt seit 1954 als Pionier und Aktivist der ärztlichen Fortbildung. Bereits 1957 berief ihn Prof. Dr. med. Albert Schretzenmayr als Referent in die Fortbildungskongresse der Bundesärztekammer in Grado, danach in Meran, Davos, Montecatini und Badgastein. In Grado führte er erstmals 1964 für seine Seminarteilnehmer Multiple-Choice-Fragen ein. Gleichzeitig wurde er vom Berufsverband Deutscher Internisten e. V. als Seminar- und Kursleiter in Bad Kleinkirchheim, Teneriffa, Pörtschach, Mallorca, Meran und Prag eingesetzt, ebenso wie bei den Medica-Kongressen in Düsseldorf, Montreux und Baden-Baden. So wurden mehr als 80 Wochenseminare oder -kurse erreicht sowie mehr als 30 Podiums-Diskussionen und Hauptreferate. Seit 1960 bis 1998 hat er darüber hinaus mehr als 1 350 Fortbildungsvorträge in Deutschland und 230 ärztliche Fortbildungsveranstaltungen im Ausland durchgeführt. Während seiner Tätigkeit in Schwäbisch Hall hat er fünf Fortbildungstagungen, in Wetzlar 15 Fortbildungstagungen sowie bundesweit sechs Wochenendseminare für klinische Oberärzte eingerichtet und geleitet. Als wissenschaftlicher Kongressleiter organisierte er die Deutschen Gesundheitstage in Köln (1983, 1984), zwölfmal den Seminar- und Praktikumskongress in Meran (1991 bis 2002), Lindau (1995, 1996), Bad Hersfeld (2001) und in Kassel (2003).

Seine wissenschaftlichen Tätigkeiten dokumentieren sich in Monographien (1964, 1966) sowie im Lehrbuch über "Erkrankungen der Gallenblase und Gallenwege" (1974). Sein Lehrbuch "Praktische Hepatologie" erschien 1998, dem die erste englische Auflage "Hepatology. Principles and Practice" (2002) und die zweite englische Auflage 2006 (906 Seiten) folgten. Darüber hinaus ist er Herausgeber von vier Broschüren, vier Lehrbuch-Beiträgen, 34 Buchbeiträgen und als Co-Autor von acht Taschenbüchern sowie von mehr als 150 Publikationen. Als wissenschaftlicher Mit-Regisseur eines Leber-Lehrfilms in englischer und japanischer Sprache erhielt dieser Film beim 5. Internationalen Filmfestival für Medizin in Rom 1991 die Goldmedaille.

Eine außerordentliche Ehre wurde Erwin Kuntz zuteil, als er aufgrund seiner klinisch-experimentellen Untersuchungen über die Toxizitätsminderung von Streptomycin 1957 als junger Assistenzarzt zu zwei Vorträgen vor der Akademie der Wissenschaften in Budapest eingeladen wurde. Seitdem besteht eine fast 50-jährige Freundschaft mit ungarischen Institutionen und den Universitäten Debrecen sowie Szeged. Für seine über 25-jährige Tätigkeit als Gastdozent an der Medizinischen Universitätsklinik Debrecen erhielt er 1986 die "Ehrenmedaille pro universitate" und 1989 die Ehrendoktorwürde der Universität Debrecen. Erwin Kuntz ist Ehrenmitglied der Ungarischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Träger der "Geza-Hetenyi-Medaille". Er ist Stifter einer Library Foundation der Medizinischen Fakultät Debrecen und eines Förderpreises ("Alapitvany Kuntz") für junge Gastroenterologen, der seit 1990 verliehen wird.

Als langjähriges Vorstandsmitglied der Deutschen Akademie für Medizinische Fortbildung und Umweltmedizin, Bad Nauheim, stiftete Erwin Kuntz für seine Heimatregion den "Preis für Naturschutz und Landschaftspflege im Lahn-Dill-Kreis". Dieser Preis, bei hohen Anforderungen, wurde zweimal verliehen (1994, 1995).

Erwin Kuntz gründete 1987 das "Medizinisch-Christliche Hilfswerk e. V.", das er bis heute als 1. Vorsitzender leitet. Mit diesem karitativen Hilfswerk konnten seitdem erhebliche Finanzmittel zur Verbesserung der medizinischen und hygienischen Situation in christlichen Hospitälern in Entwicklungsregionen sowie große Anstrengungen für die fachliche Weiterbildung von Pflegepersonal, technischen Mitarbeitern oder Lehrkräften erbracht werden. Seit 1983 ist Erwin Kuntz Mitglied des Akademischen Rates der Humboldt-Gesellschaft. 1996 war er Mitgründer der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft für Medizin und seitdem Vorstandsmitglied sowie Präsident.

Das umfangreiche und vielgestaltige Lebenswerk von Erwin Kuntz wurde vielfach ausgezeichnet. So wurde ihm von acht nationalen und internationalen Fachgesellschaften die Ehrenmitgliedschaft und von drei Gesellschaften die Ehrenpräsidentschaft verliehen. 1974 erhielt er von der Bundesärztekammer die "Ernst-von-Bergmann-Plakette". 1983 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse ausgezeichnet. Seine Heimatstadt Wetzlar würdigte seine Verdienste 1984 mit der Verleihung des "Ehrentellers der Stadt Wetzlar". Darüber hinaus erhielt er unter anderem die "Ehrenplakette der Landesärztekammer Hessen" in Silber (1987), die "Peter-Jeschke-Medaille" (1988) und die "Ehrenmedaille" der Deutschen Akademie für Medizinische Fortbildung. Sein Lebenswerk wurde 1999 mit der Verleihung des "Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland" und 2004 mit der Verleihung des "Großen Verdienstkreuzes der Republik Italien (Commendatore)" gewürdigt.

Erwin Kuntz hat sich durch seine vorbildliche Haltung als Arzt, Kliniker, Wissenschaftler und akademischer Lehrer, als engagierter, unermüdlicher professioneller ärztlicher Fortbilder und Pionier der ärztlichen Fortbildung, als Internist und Hepatologe, als Mitglied von akademischen Gremien und der Selbstverwaltung um die ärztliche Versorgung, die ärztliche Fortbildung, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.