Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. Carl Schirren

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Carl Schirren einen Arzt, der sich in mehr als 40 Jahren seines aktiven Berufslebens durch sein Wirken als Wissenschaftler, akademischer Lehrer und als Pionier der Andrologie in Deutschland um die ärztliche Versorgung der Patienten, um die Wissenschaft, die Forschung und Lehre und auch durch seine engagierte Tätigkeit in akademischen Gremien, in Berufsverbänden, in Fachgesellschaften und als Fortbilder um die Selbstverwaltung, das Gesundheitswesen und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht hat.

Carl Schirren wurde am 24. Juni 1922 als ältester Sohn des Facharztes für Dermatologie, Dr. med. Carl Georg Schirren, und seiner Ehefrau Annelise, geb. Reuter, in Kiel geboren. Die Adresse - Schlossgarten 13 - in Kiel  ist für viele untrennbar mit dem Namen der Familie Schirren verbunden, deren Dermatologentradition bereits vor drei Generationen vom Urgroßvater von Carl Schirren, Carl Schirren senior, 1889 an der Chirurgischen Universitätsklinik in Kiel begründet wurde.

Carl Schirren besuchte nach vier Grundschuljahren die Kieler Gelehrtenschule von 1932 bis 1940 und wurde als Oberprimaner im Alter von 18 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen. Von 1940 bis 1945 war Carl Schirren im Kriegseinsatz; er wurde bei Fronteinsätzen fünfmal, zum Teil schwer, verwundet. Zuletzt war er Oberleutnant der Reserve in einer Aufklärungsabteilung und Chef einer Schwadron.

Bereits während des Zweiten Weltkriegs war er ein Semester lang an der Universität Kiel immatrikuliert. Nach Kriegsende nahm er erneut das Medizinstudium an der Universität Kiel auf; hier legte er im Mai 1951 das medizinische Staatsexamen ab. Unter Prof. Dr. med. Felix von Mikulicz-Radecki wurde er mit einer Dissertation zum Thema "Die Eröffnung des Cervicalkanals bereits am Ende der Schwangerschaft" zum Dr. med. promoviert (ebenfalls Mai 1951).

Einem "Landvierteljahr" in der Praxis von Dr. med. Hans Poth in Burg/Dithmarschen folgten die erste Etappe seiner Weiterbildung an der II. Medizinischen Klinik des Universitätsklinikums Eppendorf zu Hamburg unter Prof. Dr. med. Arthur Jores und ein weiterer Abschnitt der Weiterbildung an der Hautklinik des Universitätsklinikums Eppendorf unter Leitung von Prof. Dr. med. Dr. Joseph Kimmig. 1957 schloss Carl Schirren die Weiterbildung mit der Anerkennung als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Hamburg ab.

Bereits während der ersten Stationen seiner ärztlichen Berufsausübung und zu Beginn seiner Weiterbildung hospitierte Carl Schirren in den Jahren 1952 bis 1956 in der Landarztpraxis Dr. Poth und in einer dermatologischen Facharztpraxis, um Erfahrungen bei der praktischen und allgemeinärztlichen Tätigkeit zu sammeln. Nach abgeschlossener Weiterbildung absolvierte er im Frühjahr 1958 einen mehrwöchigen Studienaufenthalt in Großbritannien. Dort lernte er Untersuchungsmethoden bei Infertilität des Mannes kennen und studierte neuere operative Verfahren, die er später am Universitätsklinikum Eppendorf zu Hamburg eingeführt hat.

Nach fast zehn Jahren wissenschaftlicher und klinischer Tätigkeit habilitierte sich Carl Schirren 1960 an der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg im Fach Haut- und Geschlechtskrankheiten mit der Habilitationsschrift zum Thema "Experimentelle und klinische Untersuchungen zur Diagnostik der Fertilitätsstörungen des Mannes und ihrer Therapie mit Hormonen" und wurde zum Privatdozenten ernannt. Auf Antrag Schirrens wurde die Venia Legendi später erweitert auf "Dermatologie, Venerologie und Andrologie".

Bereits während seines Medizinstudiums wurden die Interessen Carl Schirrens für Fragen der Reproduktionsmedizin dadurch geweckt, dass er bei einem niedergelassenen Gynäkologen in Kiel famulierte und später auch bei gynäkologischen Operationen assistierte. Um Kenntnisse in seinem Interessengebiet zu vertiefen und sich gynäkologisch weiterzubilden, kam er auch zur Erarbeitung seiner Dissertation an das St. Franziskus-Hospital in Flensburg zu Prof. Dr. med. Felix von Mikulicz-Radecki, der ihn für praktische Geburtshilfe interessierte und ihn wissenschaftlich anleitete. Infolge der Berufung von Felix von Mikulicz-Radecki nach Berlin und wegen seiner schweren Kriegsverletzung an der linken Hand wechselte Carl Schirren von der Gynäkologie zur Dermatologie.

Mit der Berufung von Prof. Dr. med. Dr. Joseph Kimmig auf einen Lehrstuhl für Dermatologie an der Universität Hamburg am 1. April 1951 bewarb sich Carl Schirren als Assistenzarzt des neu berufenen "Chefs". Die Begegnung mit Kimmig und dessen Förderung waren maßgeblich, um Carl Schirren noch mehr für Fragen der Fortpflanzungsmedizin zu interessieren. Schirren setzte seine Erkenntnisse und Erfahrungen in die Tat um, indem er ein andrologisches Labor gegründet und aufgebaut hat. Daraus entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit mit der Universitätsfrauenklinik in Hamburg, die sich über Jahrzehnte bewährt hat.

Von 1960 bis 1971 war Schirren Oberarzt an der Universitätshautklinik in Hamburg, wo er für 60 Betten verantwortlich war. Neben dieser leitenden Tätigkeit hat Carl Schirren mehrere Jahre auch in der Allergieabteilung, im Mykologischen Laboratorium und in der Universitäts-Ambulanz gearbeitet.

Carl Schirren wurde am 12. September 1966 durch die Universität Hamburg zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Am 21. Januar 1971 ist er zum Abteilungsvorstand und zum Professor der Universität Hamburg berufen worden. Ein Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn und seines wissenschaftlichen Wirkens war die Gründung des Zentrums für Reproduktionsmedizin im Universitätskrankenhaus Hamburg am 1. März 1983, dessen erster Direktor Carl Schirren wurde. Vier Jahre später folgte ihm Prof. Dr. med. Gerhard Bettendorf, der damalige Direktor der Frauenklinik der Universität Hamburg, in der Leitung des Zentrums. Zusammen mit Bettendorf trieb Carl Schirren die Entwicklung des Zentrums voran und erreichte auch durch seine guten Kontakte zur Bürgerschaft finanzielle Zuwendungen als Starthilfe. Als geschäftsführender Direktor des Zentrums für Reproduktionsmedizin strebte Carl Schirren eine räumliche Zusammenlegung der Abteilungen für Frauenheilkunde und des Zentrums für Reproduktionsmedizin unter dem Dach der Universitätsfrauenklinik an. Schirren hielt einen Verbund vor allem aus organisatorisch-wissenschaftlichen Gründen für notwendig, ein Anliegen, das einer Sisyphusarbeit gleichkam, die schließlich wegen des Widerstandes der akademischen Gremien der Universität und des Bestrebens, die Frauenklinik als eigenständige Klinik zu erhalten, misslang.

Im Rahmen seiner wissenschaftlich-praktischen Tätigkeit hat Carl Schirren stets besonderen Wert auf eine breite Basis seines Spezialgebietes gelegt. Besonderes Augenmerk schenkte er deshalb der Kooperation und der Interdisziplinarität und pflegte dort Kooperationen, wo sich die Interessen seines Faches mit denen der Dermatologie und der Venerologie verbanden. Dies betrifft insbesondere die Beziehungen der Andrologie zur Inneren Medizin und zur Endokrinologie, die gemeinsame Bearbeitung und Erforschung seltener Krankheitsbilder und venerologischer Fragen. Aus dieser Arbeit entstand Carl Schirrens Hauptvorlesung über "Hauterscheinungen bei inneren Erkrankungen" und die auch für Studenten anderer Fakultäten offene Vorlesungsreihe "Sexualpädagogik".

Im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere wandte sich Carl Schirren immer mehr seinem eigentlichen Spezialgebiet, der Andrologie, zu. So hat er für diesen relativ jungen Wissenschaftszweig im Rahmen der Dermatovenerologie Initiativen entwickelt, in deren Mittelpunkt die Einrichtung einer andrologischen Ambulanz in Hamburg stand, aus der dann die Abteilung für Andrologie im Rahmen der Universitätshautklinik hervorging. Dank seines unermüdlichen Einsatzes und seiner guten Verbindungen zu anderer Mitstreitern gelang es Carl Schirren, eine andrologische Arbeitsgruppe innerhalb der Dermatologie in Deutschland aufzubauen, die später die Sektion "Andrologie" der Deutschen Gesellschaft zum Studium der Fertilität und Sterilität e. V. bildete. So wurde es möglich, andrologische Anliegen und wissenschaftliche Schwerpunkte gleichgewichtig mit denen der Gynäkologie in der Fachgesellschaft zu vertreten. Dank seines beharrlichen Einsatzes und seiner Hartnäckigkeit gelang es Carl Schirren, während der Jahrestagungen der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft e. V. spezielle andrologische Symposien zu organisieren und durchzuführen, die zum Teil von ihm selbst geleitet wurden oder an deren Leitung er beteiligt war.

Der große Einsatz und das vorbildliche Engagement für sein Spezialfach hatten dazu geführt, dass die Andrologie im Fachgebiet Dermatologie immer stärker verankert wurde. Inzwischen hatten sich an anderen Universitäten andrologische Arbeitseinheiten und Abteilungen gebildet. Auf Anregung Carl Schirrens ist 1967 die Deutsche Gesellschaft zum Studium der Fertilität und Sterilität e. V. gegründet worden, die ihn zum Vizepräsidenten und 1970 zum Präsidenten wählte. Dieses Amt hatte er bis 1975 inne, von 1975 bis 1979 war er Vizepräsident. Durch die Arbeit in seiner Fachgesellschaft gelang es Carl Schirren, auch im internationalen Raum Gehör zu finden. Er war Initiator und Mentor bei der Gründung von Fachgesellschaften im Ausland, die ihn wiederholt zu Studienreisen, Gastvorlesungen und einer Honorarprofessur (in Japan) einluden und ehrten. So trugen ihm seine Aktivitäten u. a. die Ehrenmitgliedschaft der Ungarischen Urologischen Gesellschaft, der Polnischen Dermatologischen Gesellschaft, der Türkischen Dermatologischen Gesellschaft, der Deutschen Gesellschaft zum Studium der Fertilität und Sterilität e. V. und des Berufsverbandes der Deutschen Urologen e. V. ein. Zugleich ist er mit der Ehrenpräsidentschaft der Deutschen Gesellschaft für Andrologie e. V. geehrt worden.

Das wissenschaftliche Engagement und seine guten Verbindungen zu Verlagen führten 1969 zur Gründung der Zeitschrift "andrologia", deren Alleinherausgeber Carl Schirren bis 1973 war. Von 1974 an ist diese Zeitschrift aufgrund einer internationalen Übereinkunft zum Organ des Internationalen Komitees für Andrologie erklärt worden, dessen Vizepräsident Carl Schirren bis 1974 war. Carl Schirren wurde zum Herausgeber der Zeitschrift gewählt. 1978 ist er zum Leiter des Herausgeberkollegiums dieser Fachzeitschrift berufen worden. Diese überaus wirkungsvolle, aber auch kräftezehrende Arbeit führte Carl Schirren 25 Jahre lang bis zum Jahr 1990 erfolgreich fort.

Stets war Carl Schirren bemüht, seine Interessen- und Arbeitsgebiete mit wissenschaftlichem Tiefgang zu beackern und interdisziplinär zu verbinden. So waren Schwerpunkte seiner Arbeit die Beziehungen zwischen Hauterkrankungen und endokrinen Störungen, Stoffwechselstörungen und deren Auswirkungen auf die Haut, die Andrologie, die Mykologie, die Venerologie und schließlich sein Hobby, aber auch sein akademisches Interessengebiet: die Medizingeschichte.

Neben seiner engeren ärztlichen Tätigkeit, seiner Lehr- und Forschungstätigkeit und als Pionier der Andrologie engagierte er sich auch in Fachgesellschaften und in der ärztlichen Berufspolitik. Diesen Schritt hat er bewusst getan, weil er der Überzeugung war, dass die Andrologie nur durch die Verbindung von Wissenschaft und Praxis nachhaltig gefördert werden könne. Sein besonderes Engagement galt deshalb auch der Organisation und Leitung von Fortbildungsseminaren für Fachärzte, so zum Beispiel im Auftrag und im Namen des Berufsverbandes der Deutschen Urologen e. V., für den er zahlreiche andrologische Fortbildungsveranstaltungen durchführte. Diese Aktivitäten führten dazu, dass sich der Wissensstand der Ärzte generierte und mehrte und die Urologen sich verstärkt dem praktischen Anliegen der Andrologie zuwandten.

Bereits 1967 ist er zum korrespondierenden Mitglied, 1972 zum ordentlichen Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, einem Fachausschuss der Bundesärztekammer, berufen worden (bis 1978).

Carl Schirren ist wiederholt von nationalen und internationalen Gremien, durch Berufsverbände und durch den Bundespräsidenten gewürdigt worden. So zeichnete ihn der Panamerikanische Kongress für Andrologie im März 1978 durch die Stiftung einer "Carl-Schirren-Lecture for Andrologie" aus. Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre an einen Vertreter der Wissenschaft verliehen. Bereits 1961 erhielt er für seine wissenschaftliche Monographie "Fertilitätsstörungen des Mannes" den durch die Paul-Martini-Stiftung verliehenen Martini-Preis. Anlässlich seines 75. Geburtstages erhielt er die Friedrich-Schiller-Medaille der Universität Jena.

In Würdigung seiner langjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit beim Aufbau und Einsatz in der Elternarbeit in Schleswig-Holstein und für seine Tätigkeit als langjähriger Vorsitzender des Elternbeirates und des Landeschulbeirates und für sein bildungspolitisches Engagement in der Arbeit der evangelischen Familienbildungspflege wurde Carl Schirren 1973 mit der Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

Auch nach seiner Pensionierung im September 1987 blieb Carl Schirren aktiv, vor allem auf dem Gebiet der Fortbildung für Internisten, Dermatologen und Andrologen. Außerdem engagierte er sich bei der Organisation und Durchführung von Fortbildungsseminaren in Estland, Lettland und in Litauen (1996 bis 1998).

Vom umfangreichen und fruchtbaren wissenschaftlichen Schaffen und Wirken zeugen etwa 800 Publikationen und Buchbeiträge (so ist sein Buch "Praktische Andrologie" in der 4. Auflage erschienen) und zahlreiche Artikel in in- und ausländischen Fachzeitschriften und die Mitherausgeberschaft der Fachzeitschriften "Fortschritte der Andrologie", "Fortschritte der Fertilitätsforschung", "Große Scripta" und in "Folia Dermatologica".

Auch für die internationale Kooperation hat sich Carl Schirren engagiert. So ist er unter anderem Gründungsmitglied des Niels-Stensen-Symposiums, eines Zusammenschlusses dänischer und norddeutscher Dermatologen, mit dem Anspruch von grenzüberschreitenden wissenschaftlichen Kooperationen, einer Verbindung, die sich jährlich zweimal in Dänemark oder in Deutschland trifft.

Carl Schirren hat sich durch seine vorbildliche Haltung als Arzt, als Wissenschaftler, als akademischer Lehrer, als Pionier der Andrologie in Deutschland, als Mitglied von wissenschaftlichen Gremien, von Fachgesellschaften, von Berufsverbänden und als wissenschaftlicher Berater und Gutachter um die ärztliche Versorgung, die Wissenschaft, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.