Pressemitteilung der Bundesärztekammer

Appell des Ärztetages: Psychisch Kranke nicht diskriminieren

Magdeburg, 25.05.2006 - Für eine Stärkung der ärztlichen Psychotherapie und gegen Stigmatisierung psychisch Kranker hat sich der 109. Deutsche Ärztetag in Magdeburg ausgesprochen. Insbesondere der Prävention, Erkennung, Behandlung und Rehabilitation psychischer und psychosomatischer Behandlungen komme in allen Sektoren ärztlichen Handelns eine herausragende Bedeutung zu.

Arbeitgeber, Versicherungen, Vermieter und Medien wurden zum Abbau von Vorurteilen gegen psychisch Kranke aufgefordert. An die politisch Verantwortlichen richtete der Ärztetag den Appell, die Gleichstellung und Gleichbehandlung psychisch Kranker in allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu gewährleisten. "Trotz einer guten Heilbarkeit von psychischen Krankheiten sind die von ihnen direkt betroffenen Kinder und Erwachsenen, ihre Angehörigen und in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung Beschäftigten subtilen und offensichtlichen Stigmatisierungen und Diskriminierungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen ausgesetzt", kritisierte der Ärztetag. Aus Scham würden viele Patientinnen und Patienten wegen einer psychischen Erkrankung daher zu spät oder gar keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. "Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen wird unterschätzt, da die Behandlung oft im Verborgenen oder überhaupt nicht stattfindet", erklärte Prof. Dr. Norman Sartorius, Wissenschaftlicher Direktor des Weltprogramms gegen Stigma und Diskriminierung der World Psychiatric Association in Genf.

"Psychische und psychosomatische Erkrankungen sind zu einem zentralen Problem des Gesundheitswesens geworden. Weltweit - so auch in Deutschland - ist eine starke Zunahme psychischer und psychosomatischer Erkrankungen zu verzeichnen", konstatierte Dr. Astrid Bühren, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer. Deshalb sei es an der Zeit, die Lebens- und Behandlungs-situation von psychisch Kranken und ihren Familien entscheidend zu verbessern. Psychosoziale Kompetenzen seien schon immer integraler Bestandteil ärztlicher Psychotherapie gewesen. Ziel müsse es sein, abgestuft auf allen Behandlungsebenen, z. B. neben der psychosomatischen Grundversorgung weiterhin die fachgebundene Psychotherapie bedarfsgerecht in allgemein- und fachärztliche Behandlungskonzepte einzubeziehen. Ärztinnen und Ärzte seien Ansprechpartner für alle körperlichen, seelischen und auch psychosozialen Probleme der Patienten, betonte Bühren.

Psychische Störungen sind in Deutschland mittlerweile die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit und für Frühberentungen. Die direkten Kosten für die Behandlung von Depressionen werden auf etwa vier Milliarden Euro jährlich geschätzt. Schon jetzt gehören bei den 14- bis 44-Jährigen psychische Störungen wie Depression, Alkoholsucht und Schizophrenie zu den fünf häufigsten Erkrankungen.

Der Deutsche Ärztetag forderte deshalb die Bundesregierung auf, keine weiteren Spargesetze in der psychotherapeutischen Versorgung vorzunehmen. Den bereits praktizierenden Ärztinnen und Ärzten und auch dem ärztlichen Nachwuchs in Klinik und Praxis müsse durch aktive Unterstützung der Krankenkassen ermöglicht werden, "wieder bewusste Heilkunst für Körper und Seele zu erbringen". Die Versorgung im ambulanten Bereich habe sich nach Einführung der Budgetierung deutlich verschlechtert. Das jetzige Budget gewährleiste nicht ausreichend Zeit pro Patient. "Das Problem ist besonders gravierend im Zusammenhang mit einem massiven Bettenabbau in der stationären Psychiatrie innerhalb der vergangenen Jahre", erklärten die Delegierten. Die privaten Krankenversicherungen forderte der Ärztetag auf, keine "Mindeststandards" zu definieren, indem sie die Anzahl ambulanter psychotherapeutischer Sitzungen in ihren Tarifbestimmungen begrenzen, ohne den tatsächlichen Behandlungsbedarf der Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen. Dies gelte insbesondere auch für Alkoholerkrankungen. "Die Delegierten des 109. Deutschen Ärztetages fordern, dass die Diskriminierung psychisch kranker Menschen durch die privaten Krankenversicherer beendet und statt dessen die Aufnahme in die Versicherung ermöglicht wird", hieß es in dem Beschluss des Ärztetages.