110. Deutscher Ärztetag 2007 in Münster

Paracelsus-Medaille für Dr. med. Ellen Müller-Dethard

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Ellen Müller-Dethard eine Ärztin, die sich in mehr als 25 Jahren ihres Berufslebens als Fachärztin für Allgemeinmedizin, als Fachärztin für Arbeitsmedizin, als Personal- und Studentenärztin der Medizinischen Hochschule Hannover, als aktive Berufs- und Gesundheitspolitikerin und als Pionier der Arbeitsmedizin in Krankenhäusern durch ihre langjährige und erfolgreiche Tätigkeit in berufspolitischen Gremien, ihr sachkundiges ehrenamtliches Mitwirken in ärztlichen Berufsverbänden und Körperschaften auf örtlicher, regionaler, Landes- und Bundesebene um die ärztliche Versorgung der Bevölkerung, die Aus-, Weiter- und Fortbildung, die Allgemein- und Arbeitsmedizin, die Ausbildungsberatung insbesondere von Arzthelferinnen, die Arbeit der Ärztekammer Niedersachsen, die studentische Ausbildung, das Gesundheitswesen und das Gemeinwohl der Bundesrepublik Deutschland besonders verdient gemacht hat.

Ellen Müller-Dethard, geb. Irmisch, wurde am 21. September 1926 in Berlin, Alt-Moabit, als erstes Kind des Hauptmanns im Reichswehrministerium Kurt Irmisch und seiner Ehefrau Hertha geboren. Ab April 1933 besuchte sie die Grundschule in Hannover und von April 1937 bis 31. Oktober 1944 die Elisabeth Granier-Schule in Hannover (Städtische Oberschule für Mädchen). Noch während ihrer Gymnasialzeit war sie ein halbes Jahr lang zum Arbeitsdienst verpflichtet worden; das Abitur bestand sie am 31. März 1945. Im Reifezeugnis war vermerkt worden: „Ellen will Ärztin werden.“ Am 1. Juni 1945 nahm sie ihre Tätigkeit im Pflegedienst des Krankenhauses Vinzenzstift in Hannover auf und absolvierte vom 1. Oktober 1945 bis 30. März 1946 ein „Vorsemester“ – vor Aufnahme des Medizinstudiums. Ihr Medizinstudium begann Ellen Müller-Dethard an der Universität Göttingen, wo sie von 1946 bis 1950 Medizin studierte, dieses aber aus familiären Gründen zunächst nicht beendete, weil sie nach Heirat mit dem Facharzt für Innere Medizin, Dr. med. Hans-Hermann Müller-Dethard, als Assistentin in Hannover eine internistische Praxis mit aufbaute, in der sie 16 Jahre lang aktiv mitarbeitete.

Nach dem frühen Tod des Ehemanns im Jahr 1966 nahm Ellen Müller-Dethard als Mutter von vier kleinen Kindern ihr seinerzeit in Göttingen begonnenes Medizinstudium wieder auf. Trotz widriger existenzieller Umstände – der Dreifachbelastung von Studium, Haushalt und alleinerziehender Mutter – legte sie am 6. Dezember 1967 an der Medizinischen Fakultät der Universität Göttingen ihr Staatsexamen ab. Ihre Medizinalassistentinnenzeit absolvierte sie an mehreren Kliniken in Hannover sowie in einer Facharztpraxis. Bereits knapp ein Jahr nach dem Staatsexamen wurde sie am 8. Januar 1969 an der Frauenklinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zum Dr. med. promoviert. Thema der Dissertation: „Ergebnisse der vorzeitigen Geburtseinleitung bei Rh-Erythroblastose“. Doktorvater: Prof. Dr. med. Adalbert Majewski.

Aufbauend auf ihren praktischen Kenntnissen und Erfahrungen, die sie während ihrer Medizinalassistentinnenzeit an der Frauenklinik der MHH im Krankenhaus Oststadt, am Friederikenstift, an der Unfallklinik Friederikenstift und in der Urologie-Praxis von Dr. Hasche-Klün­der gesammelt hatte, und nachdem sie am 2. Januar 1970 die Approbation als Ärztin erlangt hatte, erhielt sie fast zeitgleich eine Anstellung als Personal- und Studentenärztin an der Medizinischen Hochschule Hannover, wo sie schon bald zur Leitenden Personalärztin ernannt wurde. Sie war damit für die arbeitsmedizinische Versorgung und Arbeitssicherheit der Beschäftigten dieser immer mehr expandierenden Hochschule verantwortlich.

Die wachsende Bedeutung der Arbeitsmedizin auch im Hochschulbetrieb erkannte sie sehr schnell. Ihrem Einsatz und ihrer Zielstrebigkeit ist es zu verdanken, dass die Funktion des Personalarztes ausgebaut und zu einer professionellen Tätigkeit als Arbeitsmediziner erweitert werden musste. Die betriebsmedizinische Versorgung des Personals und die Wahrnehmung der damit verbundenen Aufgaben der Arbeitssicherheit wurden aus dem Nichts durch Ellen Müller-Dethard zu einer vorbildlichen und allseits anerkannten Einrichtung entwickelt. Ellen Müller-Dethard war als Pionierin der Arbeitsmedizin an Krankenhäusern prägend. Hier konnte sie sich mit all ihren Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen; sie war im Laufe der Jahre aufgrund ihres beispielgebenden Einsatzes, ihrer tatkräftigen Anteilnahme und ihrer menschlichen Verständnisbereitschaft zu einer Vertrauensperson „par excellence“ geworden.

Weitere berufliche Qualifikationen waren für sie mehr als nur eine berufliche Verpflichtung: Am 29. Dezember 1972 erhielt sie nach erfolgreicher Weiterbildung die Anerkennung als Ärztin für Allgemeinmedizin und am 13. Januar 1975 die Zusatzbezeichnung „Arbeitsmedizin“. Am 1. April 1980 erhielt sie die Facharztanerkennung als Ärztin für Arbeitsmedizin. Damit verbunden war die Ermächtigung zur Durchführung der Einstellungs- und Überwachungsuntersuchungen nach der Strahlenschutz- und Röntgenschutzverordnung. Ihr Arbeits­feld erweiterte sich vor allem nach Inkrafttreten des sogenannten Arbeitssicherheitsgesetzes (1974). Die Ermächtigung zur Weiterbildung für das Gebiet Allgemeinmedizin erhielt sie 1980. Als Ärztin für Arbeitsmedizin hat sie viele junge Kolleginnen und Kollegen zu Arbeitsmedizinern weitergebildet. In der Prüfungskommission der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) für das Gebiet Arbeitsmedizin war sie als bewährte und objektive Prüferin anerkannt und regelmäßig eingesetzt. 1976 wurde sie aufgrund ihrer Erfahrungen und Kenntnisse zur Betriebsärztin der Hochschule nach dem Gesetz über Betriebsärzte, Sicherheitsingenieure und Fachkräfte für Arbeitssicherheit bestellt. Im März 1975 wurde sie zur Vertrauensärztin für die MHH nach Maßgabe der §§ 9 bis 11 des Niedersächsischen Beamtengesetzes bestellt.

Ellen Müller-Dethard war eine der ersten Fachärztinnen für Arbeitsmedizin, der es gelang, auch die Krankenhäuser für den Arbeitsschutz, die Arbeitssicherheit und die betriebsmedizinischen Notwendigkeiten zu gewinnen und zu verpflichten. Mit viel Engagement hat sie in Wort und Schrift dazu beigetragen, die Arbeitsmedizin im Krankenhaus zu fördern. So initiierte sie auch einen Arbeitskreis „Arbeitsmedizin im Krankenhaus“ und wirkte in diesem bei zahlreichen Fortbildungsveranstaltungen und wissenschaftlichen Kongressen als Referentin mit. Als Leitende Personalärztin der MHH war sie ausgleichend und verstand es, das Spannungsfeld zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen zu überbrücken und Konflikte zu lösen.

Trotz ihrer hohen Arbeitsbelastung mit leitender arbeitsmedizinischer Verantwortung für mehrere Tausend Angestellte und Hochschullehrer an der MHH war es für sie selbstverständlich, sich frühzeitig und erfolgreich den ebenso aufopferungsvollen Anforderungen in der ärztlichen Selbstverwaltung und den Körperschaften zu stellen. Auch in Verbänden wirkte sie aktiv mit; so war sie Zweite Vorsitzende der Gruppe Hannover im Deutschen Ärztinnenbund e. V. Die wichtigsten Stationen ihres berufspolitischen, ehrenamtlichen Engagements: 1981 bis 1994 Vorstandsmitglied der Ärztekammer Niedersachsen (Bezirksstelle Hannover); von 1984 bis 1994 Leitung des Referats Arzthelferinnen-Ausbildung auf Bezirksebene, ab 1984 mit verschiedenen Funktionen auf diesem Gebiet auf Landes- und Bundesebene; Delegierte des Deutschen Ärztetages für die Ärztekammer Niedersachsen von 1987 bis 1993 und Beisitzerin im Vorstand der ÄKN von 1990 bis 1994, der damals vom heutigen Ehrenprä­sidenten Prof. Dr. med. Heyo Eckel geführt wurde.

Die gleichzeitige Tätigkeit als Personal- und Studentenärztin der Hochschule in Hannover und in den Gremien der Ärztekammer brachte es mit sich, dass Ellen Müller-Dethard zur Bot­schafterin der guten und fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen der Hochschule und der Ärztekammer wurde. Sie war damals die erste und einzige Ärztin im Vorstand der Ärztekam­mer Niedersachsen.

Ihr tatkräftiger, unermüdlicher Einsatz, ihre große Verantwortungsbereitschaft und ihr Engagement für die nachrückende Ärztegeneration und ihre Kolleginnen und Kollegen brachten ihr Ehrenämter, Funktionen und Mandate auf regionaler und überregionaler Bühne ein: So war sie Mitglied der Ständigen Konferenz der Bundesärztekammer „Medizinische Fachberufe“ und stellvertretendes Mitglied der Bundesärztekammer-Konferenz „Ärztinnen“. Gefragt waren ihr Einsatz und ihr Rat auch als Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses der Ärztekammer Niedersachsen und als Mitglied des Landesausschusses für Jugendarbeitsschutz beim Niedersächsischen Sozialministerium (Hannover). Außerdem gehörte sie dem Beirat des Präsidiums der Niedersächsischen Akademie für Homöopathie und Naturheilverfahren e. V., Celle, an. Sie war seit 1974 Mitglied des Beirates der Gesellschaft der Freunde der Medizinischen Hochschule Hannover  e. V. und von 1991 bis 1995 stellvertretende Vorsitzende dieser Gesellschaft. Seit 1. Juli 1985 war sie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Jugendarbeitsschutz beim Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Hannover. Seit 1986 war sie Mitglied der Expert Advisory Panel on Occupational Health der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für das Fachgebiet Arbeitsmedizin.

Stets war sie in den Gremien auf Fortschritt und Weiterentwicklung bedacht; sie leistete vor allem in den Berufsbildungsausschüssen der Ärztekammer, insbesondere im Zusammenhang mit dem Referat „Arzthelferinnen-Auszubildende“, Vorbildliches und Bewundernswertes. Ihre hohen fachlichen Qualifikationen führten zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit bei der Lösung der gemeinsamen Probleme der Ärzteschaft und zu einer besseren Verbindung der Ärztekammer mit der Hochschule in Hannover.

Das vielfältige und erfolgreiche Engagement brachte Ellen Müller-Dethard zahlreiche Auszeichnungen ein, darunter das Bundesverdienstkreuz am Bande (1993) und die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Medizinischen Hochschule Hannover (1995). Bereits anlässlich ihres 60. Geburtstags wurde sie in Würdigung ihrer Verdienste um die ärztliche Versorgung und für die Förderung des Ansehens des Arztberufs mit der Verleihung der Ehrenplakette der Ärztekammer Niedersachsen geehrt.

Ellen Müller-Dethard hat sich durch ihren unermüdlichen, zielstrebigen Einsatz als Ärztin für Allgemein- und für Arbeitsmedizin, durch ihre Pionierarbeit beim Aufbau des Betriebsärztlichen Dienstes an der Medizinischen Hochschule Hannover, durch ihren professionellen Einsatz in der Aus-, Weiter- und Fortbildung, durch ihre bleibenden Verdienste bei der Förderung der Arbeitsmedizin im Krankenhaus, als Leiterin des Referates „Arzthelferinnen-Ausbil­dung“ der Ärztekammer Niedersachsen, als Mitglied von Gremien der ärztlichen Körper­schaften um die ärztliche Versorgung, die Förderung der Arbeits- und Betriebsmedizin, den Personal- und Studentenärztlichen Dienst der Medizinischen Hochschule Hannover, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.