110. Deutscher Ärztetag 2007 in Münster

Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Bruno Müller-Oerlinghausen einen Arzt, Wissen­schaftler, Klinischen Psychopharmakologen, Hochschullehrer, engagierten Aus- und Fortbil­der, wissenschaftlichen Politikberater und den langjährigen Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, der sich in seiner fast 35 Jahre währenden Tätigkeit als Facharzt für Klinische Pharmakologie und Pharmakologie sowie Toxikologie, als Professor an der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin um die medizinische Versorgung der Patienten, die Pharmakologie, die Ausbildung der Studenten, die Weiter- und Fortbildung, die Wissenschaftspolitik, um die ärztliche Selbstverwaltung und das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland besonders verdient gemacht hat.

Bruno Müller-Oerlinghausen wurde am 7. März 1936 in Berlin als Sohn des Bildhauers Berthold Müller-Oerlinghausen und seiner Ehefrau Emily, geb. Sturm, geboren. Während des Zweiten Weltkriegs und mit Beginn der schweren Angriffe auf Berlin verzog die Familie von Berlin-Charlot­tenburg nach Kressbronn am Bodensee. Dort besuchte Bruno Müller-Oerlinghausen die Volksschule. 1945 wechselte er zum Humanistischen Gymnasium in Lindau/Bodensee. Einer seiner frühen Mentoren während der Schulzeit war Hellmut Becker, der spätere Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildung und Forschung in Berlin, der sich für einen Wechsel vom Lindauer Gymnasium zum Landeserziehungsheim „Birklehof" in Hinterzarten im Schwarzwald einsetzte. Dort bestand Bruno Müller-Oerlinghausen im Frühjahr 1954 das Abitur. Im gleichen Jahr nahm er an der Universität Göttingen sein Chemiestudium auf, das er jedoch bald zugunsten der Psychologie aufgab. Er interessierte sich während dieser Zeit auch intensiv für philosophische Fragen, einschließlich der modernen Logik. Während seines Studiums an der Universität Göttingen wechselte er an die Medizinische Fakultät, um sein Medizinstudium zu beginnen. Dieses setzte er an den Universitäten München, Frankfurt am Main, Freiburg und an der Freien Universität Berlin fort, wo er am 19. April 1962 das Staats­examen erfolgreich ablegte. An der Universität Freiburg hatte er bei dem Psychiater Prof. Dr. med. Albert Derwort seine Dissertation mit dem Thema „Beitrag zum Problem des Exhibitionismus“ begonnen; die Promotion schloss er am 6. Mai 1965 mit dem akademischen Grad Dr. med. ab. Die Approbation als Arzt erhielt er am 31. Dezember 1964.

Bereits während dieser Zeit interessierte er sich sehr für Fragen der Pharmakologie, die später der Schwerpunkt seines akademischen Wirkens und seiner wissenschaftlichen Forschung wurde. Seine Medizinalassistentenzeit begann er 1962 an verschiedenen Krankenhäusern und Kliniken in Berlin, wo er erste Einblicke in die klinische Praxis, den Forschungs­betrieb und die Krankenversorgung erhielt. Praktische Erfahrungen mit dem „Medizinbetrieb“ ließen für ihn eine klinische Laufbahn zunächst undenkbar erscheinen. Bruno Müller-Oerling­hausen entschloss sich zur Aufnahme einer Weiterbildung in der experimentellen Pharmakologie am Pharmakologischen Institut der Universität Göttingen unter Leitung von Prof. Dr. med. Ludwig Lendle. Als wissenschaftlicher Assistent an diesem Institut erwarb Müller-Oerlinghausen von 1964 bis 1969 breite Kenntnisse experimenteller Methoden und praktischer Verfahren.

In der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. med. Arno Hasselblatt forschte er unter anderem über hepatische Entgiftungsvorgänge und deren Beeinflussung durch Diabetes mellitus. Dieser Interessen- und Forschungsschwerpunkt brachte Bruno Müller-Oerlinghausen in engen Kontakt zu dem Göttinger Diabetologen Prof. Dr. med. Werner Creutzfeldt, der auch Korreferent seiner Habilitationsschrift wurde. Er erhielt 1969 die Venia Legendi im Fach Pharmakologie und Toxikologie. Thema der Habilitationsschrift: „Arzneimittelstoffwechsel bei diabetischen Tieren.“ Seine Weiterbildung schloss er am 29. September 1971 mit der Anerkennung als Facharzt für Pharmakologie ab. Bereits während seiner Tätigkeit an der Universität Göttingen interessierte er sich für die Arbeit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, eines Fachausschusses der Bundesärztekammer, zu deren Vorstandsmitglied damals auch sein „Chef“, Prof. Dr. med. Ludwig Lendle, gehörte.

Nachdem sich seine Bestrebungen, bei der Firma Schering AG, Berlin, eine psychopharmakologische Arbeitsrichtung aufzubauen, zerschlagen hatten, stand der Entschluss von Müller-Oerlinghausen fest, Klinische Pharmakologie auf einem relativ neuen Feld der sich rasch entwickelnden Psychopharmakologie intensiver zu betreiben. Er bewarb sich als wissenschaftlicher Assistent an der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin unter ihrem damaligen Direktor Prof. Dr. med. Hanns Hippius. Seiner Tätigkeit in Berlin ging sein Dienst für die deutsche Entwicklungshilfe voraus. Als Experte war er im Auftrag der Bundesregierung ab 1969 für zwei Jahre in Bangkok (Thailand) wissenschaftlich-praktisch tätig. Er arbeitete an einem staatlichen Forschungsinstitut und baute ein pharmakologisches Labor auf, das sich mit der Untersuchung der traditionell phytotherapeutisch orientierten thailändischen Medizin befasste. Anschließend unterrichtete er und hielt Gastvorlesungen an der Universität von Bangkok.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland (1971) begann er seine berufliche und wissenschaftliche Karriere als Assistent an der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin unter dem neu berufenen Direktor der Klinik, Prof. Dr. med. Hanfried Helmchen. Mit diesem Wissenschaftler publizierte Bruno Müller-Oerlinghausen vor allem über Probleme der Medizinethik. Während seiner praktisch-psychiatrischen Weiterbildung hatte Müller-Oerlinghau­sen immer wieder versucht, pharmakologische Ansätze in die ärztlichen Abläufe der Klinik zu integrieren und eine Synthese von pharmakologischem und klinisch-psychiatrischem Denken und Handeln vorzuexerzieren.

1975 wurde er auf eine C-3-Professur für Klinische Psychopharmakologie an der FU Berlin berufen. Damit war der Schwerpunkt seiner weiteren wissenschaftlichen Tätigkeit in der Behandlung affektiver Erkrankungen, insbesondere von Depressionen, vorgeprägt. Die Berliner Professur war die erste für Klinische Psychopharmakologie in Deutschland. Die von ihm gegründete Forschergruppe hat über ein Vierteljahrhundert weltweit anerkannte und bahnbrechende Entwicklungen vorangetrieben. Die leitende Zielvorstellung von Müller-Oerlinghau­sen entsprach einem von der Weltgesundheitsorganisation für die Realisierung von klini­scher Pharmakologie vorgeschlagenen Modell, wonach der Klinische Pharmakologe in der Lage sein sollte, auch spezialisiert klinisch tätig zu werden, also klinisch-pharmakologische Forschung und Weiterbildung an einer klinischen Institution zu betreiben.

Bruno Müller-Oerlinghausen baute Laborbereiche auf und übernahm schon bald eine Spezialambulanz für die Langzeitbehandlung depressiver Patienten (Berliner Lithium-Katamnese). Seine jahrzehntelange intensive und erfolgreiche Forschertätigkeit spiegelt sich in mehr als 600 Publikationen, Fachartikeln, Buchbeiträgen und Büchern sowie in von ihm herausgegebenen Sammelwerken wider. Während dieser Zeit hat er sich im nationalen und internationalen Rahmen für moderne Methoden von Studien zur Wirkung von Psychopharmaka am Men­schen eingesetzt, Weiter- und Fortbildung praktiziert und zahlreiche klinische Studien und akademische Arbeiten selbst betreut. Bei der forschenden pharmazeutischen Industrie, bei Spitzenorganisationen der Ärzteschaft und deren Körperschaften waren und sind sein Rat und seine praktische Kooperationsbereitschaft hoch geschätzt. Sein wissenschaftlicher Impetus, seine Kreativität und seine außerordentliche Produktivität trugen dazu bei, dass seine Forschungsergebnisse in die Praxis umgesetzt und in die ärztliche Aus-, Weiter- und Fortbildung transferiert wurden.

International bekannt wurde Bruno Müller-Oerlinghausen insbesondere durch seine jahrzehntelange Beschäftigung mit fast sämtlichen Aspekten von Lithium, jenem leichtesten Alkalimetall, dessen biologisch-medizinische Eigenschaften ihn als Pharmakologen und Psychiater stets fasziniert haben. Er beschäftigte sich intensiv mit der klinischen Wirksamkeit, den potenziellen Wirkmechanismen, den Langzeiteffekten und der sicheren Handhabung dieses Elements. Seit 1973 hat er sich in mehr als 170 Fachaufsätzen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Buchkapiteln diesem Spezialthema gewidmet. Er hat zusammen mit anderen Wissenschaftlern sowohl das erste deutsche Standard­werk zur Lithiumtherapie in zwei Auflagen herausgegeben als auch kürzlich ein englischspra­chiges Werk, das eine seit Jahrzehnten nicht existierende aktuelle Darstellung aller Aspekte der Lithiumtherapie beinhaltet.

Bruno Müller-Oerlinghausen war Mitgründer einer internationalen Forschergruppe „International Group for the Study of Lithium Treated Patients (IGSLI)“, deren Vorsitzender er lange Zeit war. Sein unermüdlicher Einsatz für die Berücksichtigung der von ihm wissenschaftlich untersuchten und inzwischen durch viele andere Autoren bestätigten suizidverhütenden Wirkung einer Lithium-Langzeittherapie wurde durch die American Foundation for Suicide Prevention mit der Verleihung des Research Award 2004 in New York gewürdigt. Während dieser Zeit entstand bereits vor der Wiedervereinigung eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Kooperation mit der neurobiologischen Forschergruppe an der Psychiatrischen Klinik der Charité zu Berlin unter deren damaligem Direktor, Prof. Dr. med. Ralf Uebelhack.

Die Teilgebietsbezeichnung „Klinische Pharmakologie“ wurde ihm 1980, die neu eingeführte Anerkennung als „Facharzt für Klinische Pharmakologie“ 1991 erteilt.

Die große anerkannte wissenschaftliche Reputation Bruno Müller-Oerlinghausens brachte ihm unter anderem die Präsidentschaft der Arbeitsgemeinschaft für Neuropsychopharmakologie und Pharmakopsychiatrie der deutschsprachigen Länder (1983 bis 1987) ein; ebenso war er Mitglied internationaler wissenschaftlicher Gremien und Berater der Bundesregierung sowie Vorstandsmitglied des Kompetenznetzes Depression und des von ihm mitgegründeten „Verbundes Klinische Pharmakologie Berlin/Brandenburg“. Er war von 1975 bis 2002 Chefredakteur der Zeitschrift „Pharmacopsychiatry“ und ist seit Jahren Autor des vom Bundesforschungsministerium unterstützten „Arzneiverordnungsreport“.

Neben seinen hauptberuflichen Aufgaben als akademischer Lehrer und Forscher (er wurde im März 2001 pensioniert) hat er sein Wissen und seine Erfahrung auch in Beratungsgremi­en eingebracht und diese geleitet. So war er von 1985 bis 1995 Vorsitzender der Aufbereitungskommission für den Alt-Arzneimittelmarkt B 3 am seinerzeitigen Bundesgesundheitsamt. Zuständig war die Kommission für die Fachgebiete Neurologie, Psychiatrie und Anäs­thesiologie. Bereits 1983 ist er zum Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft der Bundesärztekammer berufen worden, dessen Vorsitz er von 1994 bis Ende 2006 ununterbrochen, durch drei Wiederwahlen bestätigt, innehatte. Die lange Periode der fundierten und engagierten Arbeit in der Arzneimittelkommission trägt deutlich die Handschrift Müller-Oerlinghausens. In seine Zeit als Vorsitzender der Kommission (ab 1994) fallen die Neuorganisation und Neuausrichtung dieses wissenschaftlichen Beratungsgremiums der Bundesärztekammer. Er sorgte für hart erkämpfte Neuerungen, wie etwa die Herausgabe der inzwischen vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin, Berlin, zertifizierten Leitlinien und darauf basierenden Patientenbroschüren, aber auch fruchtbringende ärztliche Fortbildungsveranstaltungen.

Besondere Verdienste erwarb sich Bruno Müller-Oerlinghausen auch um das Werk „Arzneiverordnungen“ und das Bulletin „Arzneiverordnung in der Praxis“. Auf seine Initiative gehen viel beachtete, oftmals kritische Memoranden zurück, insbesondere auch zu den sogenannten besonderen Therapierichtungen. Auch bei der Beratung der Novellen zum Arzneimittelgesetz und bei Hearings der Bundesregierung hat sich Müller-Oerlinghausen aktiv und sachkundig eingeschaltet. Für seine besonderen Verdienste um die ärztliche Fortbildung zeichnete ihn die Bundesärztekammer anlässlich seines 70. Geburtstages am 9. März 2006 mit der Ernst-von-Bergmann-Plakette aus.

Bruno Müller-Oerlinghausen hat sich nach fast 35-jähriger, höchst erfolgreicher beruflicher Tätigkeit an der Psychiatrischen Klinik und Poliklinik der Freien Universität Berlin als Wissen­schaftler und Hochschullehrer, als professioneller Aus-, Weiter- und Fortbilder, als ein Pionier der Klinischen Psychopharmakologie, als Gründer und Leiter von interdisziplinären For­schergruppen, als Experte und wissenschaftlicher Berater sowie als Politikberater und als langjähriger Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft um die ärztliche Versorgung, die pharmakologische Forschung, die akademische Aus- und Weiterbildung, die Wissenschaft, die Politikberatung, die Gesundheitspolitik und die Selbstverwaltung in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.