110. Deutscher Ärztetag 2007 in Münster

Paracelsus-Medaille für Dr. med. Hans-Jürgen Thomas

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Hans-Jürgen Thomas einen Arzt, der sich in fast 36 Jahren seiner aktiven beruflichen Tätigkeit zunächst als praktischer Arzt, später als Facharzt für Allgemeinmedizin, als Berufs- und Gesundheitspolitiker, als engagierter Vertreter sowohl der Interessen der Allgemein- als auch der Fachärzte durch sein langjähriges Engagement in Verbänden der Ärzteschaft und in ärztlichen Körperschaften und Organisationen auf örtlicher, regionaler, Landes- und Bundesebene sowie im europäischen Raum um die ärztliche Versorgung, die Stärkung der Allgemeinmedizin und die hausärztliche Versorgung und insbesondere um den Hartmannbund und das freiheitliche Gesundheitswesen und das Gemeinwohl der Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht hat.

Hans-Jürgen Thomas wurde am 10. Oktober 1939 als zweites Kind des Rektors Gerhard Thomas und seiner Ehefrau Veronika, geb. Speer, in Brieg/Schlesien geboren. Während der Vater in der Kriegsgefangenschaft war, floh die Familie nach Naumburg/Saale. Nach Rückkehr des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft siedelte die Familie 1947 nach Dülmen/West­falen über, wo der Vater eine Anstellung als Lehrer gefunden hatte. In Dülmen besuchte Hans-Jürgen Thomas die Volksschule und ab 1951 zunächst das dortige Neusprachliche Gymnasium. Nach erneutem Umzug nach Dorsten/Westfalen wechselte Hans-Jürgen Tho­mas zum altsprachlichen Gymnasium Petrinum in Dorsten. Dort bestand er im Frühjahr 1961 die Reifeprüfung (Abitur). Danach leistete Hans-Jürgen Thomas in den Jahren 1961 und 1962 den Wehrdienst ab und schied nach Wehrdienst und Wehrübungen als Oberleutnant der Reserve aus der Bundeswehr aus.

Ab Wintersemester 1962/63 studierte Hans-Jürgen Thomas an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster Medizin, wo er im Sommersemester 1963 die naturwissenschaftliche Vorprüfung und nach dem Sommersemester 1965 die ärztliche Vorprüfung ablegte. Ab Sommersemester 1966 studierte er an der Universität Wien und danach erneut an der Universität Münster Medizin. Am 3. Februar 1969 absolvierte Hans-Jürgen Thomas in Münster erfolgreich das Staatsexamen. Zum Dr. med. wurde Hans-Jürgen Thomas an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster am 10. Februar 1969 promoviert. Titel seiner Dissertation: „EKG-Speicheruntersuchungen bei Ergometerarbeit und 800- bzw. 400-Meter-Läu­fen zur Feststellung der maximal erreichten Herzfrequenzen“. Doktorvater war Prof. Dr. med. Emil Josef Klaus, der Direktor des Instituts für Sportmedizin der Westfälischen Wilhelms-Uni­versität Münster. Die Dissertation von Hans-Jürgen Thomas fußte auf der Auswertung von experimentellen Studien mit Leistungssportlern, was damals in wissenschaftlichen Untersuchungen, insbesondere im Verlauf von Dissertationen, noch nicht üblich war und einen relativ hohen Arbeitseinsatz und Zeitaufwand erforderte.

Seine ersten Einblicke in die berufliche Betätigung von Ärztinnen und Ärzten und in den „Me­dizinbetrieb“ gewann Hans-Jürgen Thomas im Krankenhaus in Dorsten, wo er bereits in jungen Jahren Kontakt mit kranken Menschen bekam und von den dort tätigen Klinikärzten bei seiner späteren Berufswahl stark beeinflusst wurde.

Seine klinische Weiterbildung absolvierte er nach Erlangung der Approbation als Arzt (1970) an Krankenhäusern in Münster und Beckum.

Als Praktischer Arzt/Facharzt für Allgemeinmedizin war er seit 1971 bis Ende März 2006 tätig. Seine ärztliche Tätigkeit übte er zuletzt zusammen mit einer Kollegin aus. 1977 gründete er an seinem Praxisort mit Kollegen eine ärztliche Laborgemeinschaft, deren ärztlicher Leiter er von Anfang an war. Daneben war er von seinem Praxissitz aus für mehrere Unternehmen als Betriebsarzt tätig und war verantwortlich für die arbeitsmedizinische und betriebsärztliche Versorgung großer Belegschaften dieser Unternehmen.

Die aus seiner täglichen Berufsausübung gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen und sein ehrenamtliches Engagement in gemeinnützigen Organisationen, so beispielsweise als Bereitschaftsarzt und Vorsitzender im Deutschen Roten Kreuz, Erwitte, hat er unter starker persönlicher und zeitlicher Belastung mit Engagement und Durchsetzungsvermögen in die ärztliche Berufspolitik, in Verbände und Körperschaften eingebracht. Bereits im Jahr seines Staatsexamens und der Promotion 1969 trat Hans-Jürgen Thomas dem Hartmannbund (Verband der Ärzte Deutschlands e. V.) als Mitglied bei, ein Engagement, das seitdem mehr als 37 Jahre währt. Schon bald danach, im Jahr 1973, ist Hans-Jürgen Thomas zum Vorsitzenden des Hartmannbund-Kreisvereins Soest gewählt worden, ein Amt, das er bis Ende 2005 innehatte. Bereits wenig später wurde er zum Vorsitzenden des Landesverbandes Westfalen-Lippe des Hartmannbundes gewählt, ein Mandat, das er von 1981 bis Ende 2005 mit großem Engagement ausfüllte. Heute ist Hans-Jürgen Thomas Ehrenvorsitzender dieses Landesverbandes.

Hans-Jürgen Thomas wurde erstmals 1985 zum Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes vom Bundesverband des Hartmannbundes gewählt. Bereits vier Jahre nach seinem erfolgreichen Mitwirken in den Führungsgremien des größten freien Ärzteverbandes mit fachgebietsübergreifender Mitgliedschaft wurde Hans-Jürgen Thomas erstmals 1989 zum Bun­desvorsitzenden des Hartmannbundes gewählt (als Nachfolger von Prof. Dr. med. Horst Bourmer †, Köln), ein Amt, das er, durch mehrfache Wiederwahl bestätigt, bis Oktober 2005 ununterbrochen innehatte.

Im Rahmen seiner beruflichen und vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten in Verbänden und Spitzengremien der Ärzteschaft hat sich Hans-Jürgen Thomas stets als überzeugter Allgemeinarzt und als konsequenter Verfechter der Freiberuflichkeit der Ärzte und deren beruflichen Unabhängigkeit erwiesen. Zahlreiche berufspolitische Initiativen, Programmentwürfe und gutachtliche Stellungnahmen sowie Fachartikel zur Reformpolitik auf Bundes- und Landesebene gehen auf seine Initiative und Autorenschaft zurück. Ihm ging es nicht nur um eine wirksame Interessenvertretung der gesamten Ärzteschaft und der „Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen“ im Sinne des Hartmannbund-Gründer Hermann Hartmann, sondern viel­mehr auch und in erster Linie um die Erhaltung einer vertrauensvollen, individuellen Arzt- Patienten-Beziehung und eines leistungsstarken und qualitätsgesicherten Gesundheitswesens.

Ein zentrales Anliegen von Hans-Jürgen Thomas während seines berufspolitischen Engagements war stets die Erhaltung eines hochstehenden medizinischen Versorgungssystems sowie die Stärkung der Allgemeinmedizin und insbesondere der hausärztlichen Versorgung losgelöst von den immer stärker werdenden Fesseln der Sozial- und Gesundheitspolitik (die bereits der erste Nachkriegsvorsitzende des Hartmannbundes, Dr. med. Friedrich Thieding, geißelte). Sein besonderes Engagement und sein tatkräftiger Einsatz galten der Qualifizierung von Ärztinnen und Ärzten im Bereich der palliativmedizinischen Versorgung und Betreuung schwer kranker Patientinnen und Patienten. Die Einführung eines Fortbildungszertifikat „Palliativmedizinische Grundversorgung“ im Bereich der Ärztekammer Westfalen-Lippe geht auf die Initiative von Hans-Jürgen Thomas zurück.

Sein aktives Mitwirken in den Gremien des Hartmannbundes auf örtlicher, regionaler, Landes- und Bundesebene führte zu zahlreichen weiteren berufs- und gesellschaftspolitischen Funktionen in Körperschaften und Verbänden der freien Berufe. So gehörte Hans-Jürgen Thomas von 1985 bis 2005 der Kammerversammlung der Ärztekammer Westfalen-Lippe (Münster) an. 1993 wurde er erstmals zum Vizepräsidenten der Ärztekammer Westfalen-Lip­pe gewählt. In diesem Amt wurde er von der Kammerversammlung, dem höchsten beschlussfassenden Organ der Kammer, in den Jahren 1997 und 2001 bestätigt. Im Kammervorstand war Hans-Jürgen Thomas viele Jahre lang Referent für das Finanzwesen; die Kammerarbeit profitierte von seinem Arbeitseinsatz und seinem unbestrittenen Sachverstand.

Auf Bundesebene vertrat Hans-Jürgen Thomas die Ärztekammer Westfalen-Lippe in der Finanzkommission der Bundesärztekammer. Von 1994 bis 2001 wirkte er als betreuendes Vor­standsmitglied im Ausschuss „Allgemeinmedizin“ der Ärztekammer Westfalen-Lippe mit – von 1998 bis 2001 als stellvertretendes Mitglied. Seit 1974 vertrat er seine „Heimat“-Kammer in Fragen der Allgemeinmedizin in der Deutschen Akademie für Allgemeinmedizin der Bundesärztekammer. Von 2002 bis 2005 war er federführend im Ausschuss „Integrierte Versorgung“ der Ärztekammer Westfalen-Lippe.

Auch als Vertreter und fairer „Anwalt“ der Kassenärzteschaft wirkte Hans-Jürgen Thomas in zahlreichen Gremien und Ausschüssen mit. So war er von 1985 bis 2001 Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe und mehrerer Fachausschüsse. Der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gehörte er als ordentliches Mitglied von 1989 bis 1997 an. Vorstandsmitglied des Ärztevereins Lippstadt war er von 1973 bis 1979. In der kommunalen Gesundheitskonferenz des Kreises Soest vertrat er die Westfälisch-Lippische Ärztekammer seit 1998 und engagierte sich auch dort für ein freiheitlich organisiertes Gesundheitswesen. Ebenfalls seit 1998 gehörte er dem Lenkungsausschuss für die externe vergleichende Qualitätssicherung an, der zunächst für den Landesteil Westfalen-Lippe und seit 2002 für ganz Nordrhein-Westfalen besteht. Seine Erfahrungen und sein tatkräftiger Einsatz in zahlreichen Gremien der „verfassten“ Ärzteschaft brachten ihm 1993 ein Mandat im Vorstand des Verbandes Freier Berufe im Land Nordrhein-Westfalen e.V. (Düsseldorf) ein.

Besonders stark hat sich Hans-Jürgen Thomas für eine ganzheitliche Begleitung von Sterbenden eingesetzt. Seine Erfahrung und Mitarbeit brachte er in das Modellprojekt „Limits“ in Münster ein, das auf die Weiterentwicklung bereits bestehender Angebote und die strukturelle Absicherung einer „humanen Sterbekultur“ in Seniorenheimen ebenso wie im häuslichen Umfeld abzielt, ein Projekt, an dem die Ärztekammer Westfalen-Lippe partnerschaftlich beteiligt ist. Auf seine Initiative hin wird der von der Selbsthilfeorganisation entwickelte Notfallbogen auch über das Internetangebot der Ärztekammer in Münster allen Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung gestellt.

Seine ethischen Ziele und sein Anspruch an die Fürsorge für Not leidende Ärzte kommen dadurch zum Ausdruck, dass Hans-Jürgen Thomas 1994 den Vorsitz der Hartmannbund-Stiftung „Ärzte helfen Ärzten“ übernahm. Außerdem war Hans-Jürgen Thomas von 1989 bis 2006 Vorsitzender des Kuratoriums der Friedrich-Thieding-Stiftung des Hartmannbundes. Die Hartmannbund-Hauptversammlung im Oktober 2005 wählte ihn zum Ehrenvorsitzenden dieses Ärzteverbandes. Auf supra- und internationaler Ebene war Hans-Jürgen Thomas in der Europä­ischen Vereinigung für Allgemeinmedizin (UEMO), von 1987 bis 1990 als Mitglied des Vorstandes. Außerdem war er seit 1992 Mitglied und Delegierter des Weltärztebundes (World Medical Association), ebenso gehörte er dem Comité Permanent des Médecins Européens (CPME) an. Die 1996 von Hans-Jürgen Thomas initiierte Aktion „Europa gegen Euthanasie“ setzte sich für eine fürsorgliche Sterbebegleitung und einen respektvollen Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden ein. Thomas nahm eine klare ablehnende Haltung gegen jegliche Freigabe der aktiven Sterbehilfe ein (wie etwa in den Niederlanden).

Der unermüdliche Einsatz und der ungebrochene Kampf für eine demokratisch verfasste Gesellschaft und einer hoch stehenden Medizin brachten Hans-Jürgen Thomas vielfältige und höchste Ehrungen ein: Bereits 1962 erhielt er die Gedenkmedaille des Landes Niedersachsen für seinen Einsatz bei der Sturmflut. 2000 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland geehrt; seit 2005 ist er Träger der Verdienstmedaille des Landesverbandes des Deutschen Roten Kreuzes Westfalen-Lippe. Der Hartmannbund, Landesverband Westfalen-Lippe, ehrte ihn 2005 mit der Verleihung der Wilhelm-Berg­hoff-Medaille des Hartmannbund-Landesverbandes. Der Bundespräsident verlieh ihm 2006 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Der Hartmannbund (Bundesverband) zeichnete ihn im Oktober 2006 mit der Hartmann-Thieding-Medaille für sein besonderes Engagement für den Verband, für die freien Berufe und den ärztlichen Berufsstand aus.

Hans-Jürgen Thomas hat sich durch seinen unermüdlichen Einsatz als Facharzt für Allgemeinmedizin und durch seine vorbildliche Haltung als aktiver Berufs- und Gesundheitspolitiker, als engagierter Streiter für die Interessen der Haus- und Fachärzte, als Vorsitzender des Hartmannbundes auf Orts-, Kreis- und Landes- sowie Bundesebene, als Mitglied von Gremien der Ärzteschaft auf Landes- und Bundesebene, in Verbänden der freien Berufe und in den Körperschaften der Ärzteschaft um die ärztliche Versorgung der Patienten, die Erhaltung des freien Berufs und eines freiheitlichen Gesundheitswesens, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.