Ärztetag: Kindergesundheit ist eine gesellschaftliche Aufgabe

Münster, 17.05.2007

Der 110. Deutsche Ärztetag hat verbindliche ärztliche Vorsorgeuntersuchungen für Kinder gefordert. Jugendhilfe und öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD) sollen in einem gesetzlich verankerten Meldewesen Eltern, die ihr Kind nicht zu den Früherkennungsuntersuchungen bringen, über ein Erinnerungsverfahren zur Teilnahme auffordern. Familien mit Risiken für eine ungünstige gesundheitliche Entwicklung von Kindern sollten zu einem möglichst frühen Zeitpunkt identifiziert werden, um ihnen begleitende Hilfen rechtzeitig zur Verfügung stellen zu können, heißt es in dem Beschluss des Ärzte-parlaments. Die Ärzteschaft lehnt aber Regelungen ab, die die betreuenden Ärzte zu einer Meldung durchgeführter Vorsorgen verpflichten. Der Nachweis einer durchgeführten Vorsorge sei Aufgabe der Eltern, erklärten die Delegierten.

Auf der Basis der aktuellen Ergebnisse des Kinder- und Jugendsurveys (KIGGS) des Robert-Koch-Instituts diskutierte der Ärztetag die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Dabei zeigte sich, dass viele Kinder und Jugendliche nicht nur unter psychischen Störungen, sondern auch an chronischen Erkrankungen leiden. So sind 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, mehr als sechs Prozent gelten als adipös. Erkrankungen wie Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis nehmen bei Kindern und Jugendlichen jedes Jahr zu. Insgesamt leiden ca. 22 Prozent unter Ess-Störungen.

Der Ärztetag zeigte sich außerordentlich besorgt über die häufigen Fälle von Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern. Schätzungsweise fünf Prozent aller Kinder in Deutschland wachsen in Familien auf, bei denen aufgrund ihrer psychosozialen Lebensbedingungen ein hohes Risiko für gravierende Vernachlässigung besteht. „Oft handelt es sich um Familien, denen es schwer fällt, den hohen Anforderungen am Arbeitsplatz und zu Hause gerecht zu werden, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind oder um Alleinerziehende, die mit Geld- oder Zeitressourcen an ihre Grenzen stoßen“, sagte Rudolf Henke, Mitglied des Vorstands der Bundesärztekammer. Kindesmiss-handlung und -vernachlässigung seien mit Problemen von Sucht oder psychischer Erkrankung der Eltern, Gewalt in der Familie, hochgradiger sozialer Isolation und Armut verbunden.

Die Gesundheitsversorgung von Kindern aus unterprivilegierten und gefährdeten Gruppen, die auch seltener Vorsorge-untersuchungen in Anspruch nehmen, sollte durch Netzwerke von Ärzten, Gesundheitsämtern, Einrichtungen der Jugendhilfe, sozialen Diensten, Familienhebammen, Kindergärten und Schulen weiter ausgebaut werden. „Kinder- und Jugendgesundheit ist eine interdisziplinäre, aber auch eine interprofessionelle Aufgabe“, sagte Dr. Cornelia Goesmann, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer. Wichtig sei die enge Kooperation der Hausärzte mit den Kinder- und Jugendärzten, den Ärzten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Sozialarbeitern, Hebammen, Physiotherapeuten, Logopäden und anderen Berufsgruppen. Goesmann plädierte für ein Konzept der aufsuchenden Gesundheitsfürsorge als primärärztliche und familienmedizinisch ausgerichtete Patientenbetreuung.

Die Ärzteschaft unterstützt zudem konkrete Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge und fordert beispielsweise mehr Sport-unterricht an den Schulen. Mindestens vier Wochenstunden sollten für den Sportunterricht verwendet werden.

Der Ärztetag hat Bund und Länder darüber hinaus aufgefordert, durch gesetzliche Maßnahmen Kinder und Jugendliche vor den Gefahren des Alkoholkonsums zu schützen. Werbung für Alkohol müsse ähnlich wie beim Tabak begrenzt werden. Getränke- und Tabakindustrie aber auch Veranstalter von Diskoveranstaltungen sollten zum Schutz der Kinder und Jugendlichen einen gemeinsamen Verhaltenskodex beschließen.