111. Deutscher Ärztetag in Ulm vom 20. bis 23.05.2008

Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter: Dankrede aus Anlass der Verleihung der Paracelsus-Medaille

(20.05.2008)

Dankrede aus Anlass der Verleihung der Paracelsus-Medaille [PDF]

Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

zugleich im Namen der drei ausgezeichneten Herren Prof. Fritz Beske, Prof. Heyo Eckel und Dr. Siegmund Kalinski spreche ich hiermit unseren gemeinsamen herzlichen Dank für die uns zuteil gewordene hohe Ehrung aus, die wir auch immer noch als Ansporn auffassen. Denn alle vier sehen wir uns trotz unseres fortgeschrittenen Alters noch imstand, etwas davon weiterzugeben, was uns in unserem schönen Beruf an Einsichten zu Teil geworden ist. In der mir von den drei Kollegen übertragenen kleinen Dankrede kann ich nun allerdings nur für mich selbst sprechen, dennoch in der Hoffnung, Sie mit Gedanken zu erreichen, die sich aus unserer derzeitigen beruflichen und gesellschaftlichen Lage aufdrängen.

Vor fast 60 Jahren habe ich von meinem Lehrer Viktor von Weizsäcker den Satz gelesen: "Medizin ist eine Weise des Umganges des Menschen mit dem Menschen." Scheinbar eine banale Aussage. Doch aus ihr sprach die Sorge, dass der menschliche Umgang gefährdet werde durch Ökonomisierung, Bürokratisierung und totale Technisierung, also durch Einschränkung der Freiheiten der Arzt-Patient-Beziehung auf Kosten persönlicher Nähe im Umgang miteinander. Diese Nähe ist Voraussetzung für das Entstehen von Vertrauen und das Spüren von Verantwortung, denn diese wird uns immer erst im Gegenüber von Angesicht zu Angesicht bewusst. Im Würgegriff einer überhand nehmenden Fremdbestimmung der ärztlichen Tätigkeit schrumpft die Chance für geduldige Zuwendung, für Einfühlung und persönliche Anteilnahme.

Das muss und darf nicht die korrekte naturwissenschaftlich technische Versorgung der Kranken beeinträchtigen. Aber die Medizin ist ein gesellschaftlicher Raum, in dem uns auf besondere Weise unser wechselseitiges Aufeinander-angewiesen-sein fühlbar wird. Der eine begibt sich in die Hand des anderen, der in der Situation als der Mächtigere in Erscheinung tritt, sich dennoch dem Wohl des Kranken dienend unterordnet. Der Austausch zwischen Hilfesuche und Fürsorglichkeit, Leiden und Ermutigung, Angst und Beschützung, Ohnmacht und Stärkung bringt uns unsere existentielle Vernetzung in der Welt so eindringlich wie nirgendwo sonst zum Bewusstsein. Das gewagte und das belohnte Vertrauen stiften ein Grundmuster von Humanität. Diese in der Medizin zu erfahren und zu stärken, ist Richtschnur für die moralische Bewährung einer zivilisierten Gesellschaft. Es gibt keine humane Gesellschaft ohne eine humane Medizin.

Diese Feststellung verlangt allerdings auch, die Erinnerung an schwerwiegende Verletzungen unserer Standesethik unvermindert wach zu halten, die in dunkler Zeit geschehen sind. Drei IPPNW-Kongresse zum Thema "Medizin und Gewissen" in Erlangen und Nürnberg wurden von mehreren Tausend überwiegend jungen Medizinerinnen und Medizinern und Angehörigen anderer Gesundheitsberufe besucht, die sich im Erinnern vor allem der Widerstandskraft zum Verhüten versichern wollten.

Es gibt keine Grenze der Mitverantwortlichkeit, wo überall es um Bewahrung oder Stärkung des ethischen Geistes geht, zu dem uns unser Arzttum verpflichtet. Albert Schweitzer, Empfänger der ersten Paracelsus-Medaille 1952, hat uns mit seiner "Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" einen bis heute und weiterhin gültigen Weg gewiesen. Das fängt bei der Gerechtigkeit des Gesundheitssystems an und setzt sich in der Sozialpolitik fort.

Aber Albert Schweitzer musste erleben, dass sich in der geistigen Situation seiner Zeit ein unheimlicher Wandel vollzog, der mit einer Errungenschaft der wissenschaftlich technischen Revolution einherging. Die Erfindung und der Einsatz der Atombombe offenbarten dem Anschein nach einen Triumph menschlichen Eroberergeistes, allerdings mit der zunächst übersehenen Kehrseite der möglichen Selbstversklavung an eine verheerende technische Vernichtungsenergie. Die Unterdrückung dieses Aspekts bedeutete, wie Schweitzer sogleich erkannte, eine radikale Missachtung der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben.

Als er 1952, also im gleichen Jahr wie die Paracelsusmedaille, den Friedensnobelpreis in Empfang nahm, stellte er fest: "Was uns eigentlich ins Bewusstsein kommen sollte und schon lange hätte kommen sollen, ist dies, dass wir als Übermenschen zu Unmenschen geworden sind. Die Erkenntnis, die uns heute not tut, ist dies, dass wir miteinander der Unmenschlichkeit schuldig sind." Nicht der Arzt Albert Schweitzer, sondern der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker war es dann, der in der Schuld eine Krankheit erkannte, die er die "seelische Krankheit Friedlosigkeit" nannte. Ist es nicht in der Tat ein Zeichen von Krankheit, wenn in den USA die Bombardierung von Hiroshima - mit mehr als 200.000 Opfern - nach wie vor als nationale Ruhmestat gilt?

Indessen hat der Glaube an die Heilbarkeit dieser Krankheit bekanntlich eine weltweite ärztliche Friedensbewegung entstehen lassen. Deren einer Ansatz sind präventive Aufklärung und aufrüttelnde Demonstrationen. Ein anderer ist internationale Hilfe für Opfer von Krieg, auch von nuklearen Katastrophen wie Tschernobyl. Vornean in dieser Bewegung steht jedoch der urärztliche Ansatz des Versöhnens. Denn für ärztliche Friedensarbeit muss immer ein Pro und nicht ein Anti vorneanstehen. Wenn einer der Ausgezeichneten, beinahe selbst, wie seine Angehörigen, Opfer von Vernichtung, sich in diesem Land außer um das Gesundheitswesen darüber hinaus um die Versöhnung zwischen Juden und Deutschen sowie Polen und Deutschen besonders verdient gemacht hat, so zeugt allein dies davon, dass gerade Ärzte eine Chance haben, etwas zur Überwindung der Krankheit Friedlosigkeit zu tun.

Der Arzt Albert Schweitzer hat sich in alter Sprache auf das Herz berufen, das von uns zu tun verlange, was den tiefsten Regungen unseres geistigen Wesens entspreche. Die Humanität gebiete, auf das Herz zu hören. "Das Herz", sagte Paracelsus in der Philosophia sagax, "ist die Seele im Menschen." "So nun die Lieb in Gott im ganzen Herzen gehen soll, so muss da weichen von der Seel alle Widerwärtigkeit Gottes", also alles, was Gott zu wider ist.

Herz und Liebe im Sinne von Paracelsus und Schweitzer, und fast auch schon das Wort Humanität kommen uns nicht mehr leicht über die Lippen, wohl weil wir uns selbst nicht mehr so recht trauen, ob wir noch einlösen können, was in diesen Begriffen an Anspruch steckt.

"Das Gute missfällt uns, wenn wir ihm nicht gewachsen sind", sagte Nietzsche.

Doch an den Arztberuf knüpft sich nun einmal seit alter Zeit die Erwartung, dass er dem Guten diene. Das kommt nicht nur aus der Gesellschaft, sondern steckt auch offenbar ursprünglich als Wunsch in denen, die diesen schönen Beruf anstreben. Denn in einer von mir selbst zusammen mit Mitarbeitern durchgeführten älteren Studie haben wir ermittelt, dass Abiturientinnen und Abiturienten, die sich fürs Medizinstudium entscheiden, sich mehr fürsorgliche Gedanken um andere Menschen machen als andere Studienanwärter. Was an äußerer Unfreiheit, Verflachung des Zeitgeistes oder individueller Ernüchterung zu einem späteren Einstellungswandel beitragen kann, muss hier unerörtert bleiben. Zu wiederholen ist nur, dass wir uns als Ärztinnen und Ärzte unserer hohen Verantwortung nicht nur für das physische Wohl, sondern ganz besonders auch für die Menschlichkeit unserer Gesellschaft bewusst bleiben müssen. Dass von dieser Sensibilität bei unserem professionellen Nachwuchs mehr vorhanden ist, als es mitunter nach außen scheint, ist mein psychologischer Eindruck. Das mag wieder nach Gutmenschen-Optimismus klingen. Aber ich hoffe, zugleich im Namen der anderen drei Ausgezeichneten zu sprechen, wenn ich sage, dass ein praktischer Optimismus im ärztlichen Engagement ein geeignetes Mittel ist, einem heute weit verbreiteten theoretischen Pessimismus zu widersprechen.