Paracelsusmedaille für Dr. med. Siegmund Kalinski

Dr. med. Siegmund Kalinski

 

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Siegmund Kalinski einen Arzt, der sich in mehr als 40 Jahren seiner ärztlichen Tätigkeit und mit seinem langjährigen berufspolitischen Engagement herausragende Verdienste um das Gesundheitswesen und die Ärzteschaft erworben hat. Als Allgemeinmediziner mit Weiterbildungsermächtigung und Lehrbeauftragter an der Universität Frankfurt am Main hat er sich für die Fçrderung des hausärztlichen Nachwuchses stark gemacht. Er hat sich viele Jahre in den Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung engagiert und als Journalist zu gesundheitspolitischen Fragen kompetent und kritisch Stellung bezogen. Vorbildlich ist sein Einsatz für die deutsch-polnischen Beziehungen und die Aufarbeitung des Holocaust. Siegmund Kalinski hat sich um die ärztliche Versorgung der Bevölkerung, das deutsche Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.

Kalinski wurde am 21. März 1927 in Krakau, Polen, als jüngstes von drei Kindern des Kaufmannes Leopold Klausner und seiner Ehefrau Nina geboren. Sein Vater stammte aus Berlin, seine Mutter aus Wien. Beide waren Juden und wurden während des Zweiten Weltkrieges von den Nazis verschleppt. Sein Vater wurde 1942 im Vernichtungslager Belzec ermordet, seine Mutter ein Jahr später in Treblinka. Er selbst kam 1942, im Alter von 15 Jahren, ins Konzentrationslager Szebnie in Südpolen, 1943 nach Auschwitz. Mit dem Näherrücken der russischen Truppen trieben die Nazis im Januar 1945 die völlig geschwächten Lagerinsassen in das 70 Kilometer entfernte KZ Gleiwitz bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius. Tausende starben. Kalinski überlebte diesen Weg, der als Todesmarsch in die Geschichte eingegangen ist, und kam über weitere Stationen ins KZ Flossenbürg in der Oberpfalz. Im April 1945, kurz vor Kriegsende, gelang ihm die Flucht in einer leeren Munitionskiste. Er schaffte es bis in von den Alliierten kontrolliertes Gebiet. "47 Kilo bei einer Grçße von 1,84" dokumentierte der französische Stabsarzt, der ihn damals untersuchte. Mit 18 Jahren kehrte er in seine Heimat zurück. Von seinen Angehörigen hatte fast niemand überlebt. Der Familienname Klausner wurde 1947 "polonisiert" und in Kalinski umgewandelt. Trotz all dem unermesslichen Grauen und Leid, das Kalinski erlebt hatte, blickte er nach vorn: 1947 legte er die Abiturprüfung in Krakau ab und nahm dort das Studium der Humanmedizin auf. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Conferencier und freier Journalist, manchmal auch als Witze- Erzähler in einem Nachtclub. Nach dem Examen 1954 arbeitete er als Krankenhaus- und Werksarzt in Kattowitz, später unter anderem als Schiffsarzt auf einem polnischen Handelsschiff. Da Kalinski mit dem kommunistischen System in Polen immer wieder in Konflikt geriet, floh er 1963 in den Westen, zunächst nach Wien. 1965 kam er nach Deutschland. Als Assistenzarzt arbeitete er in Rheydt, Nordrhein-Westfalen, dann im Krankenhaus in Höchst, Frankfurt am Main.

1968 wurde er zum Dr. med. promoviert. Seine Dissertation mit dem Titel "Das Stein-Leventhal-Syndrom dargestellt an den Fällen der Offenbacher Frauenklinik in den Jahren 1954/1966" entstand an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main unter Prof. Dr. med. Herbert Lewin. Im gleichen Jahr wurde er eingebürgert, ließ sich als praktischer Arzt in Frankfurt nieder und fand hier dauerhaft eine neue Heimat.

Kalinski hat sich in besonderer Weise um die Allgemeinmedizin verdient gemacht: Nachdem er 1970 die Facharztanerkennung und 1977 die Weiterbildungsermächtigung für dieses Gebiet erhalten hatte, bildete er mehr als 50 junge Ärzte aus und wurde 1984 Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Universität in Frankfurt am Main. 1992 habilitierte er sich mit der Arbeit "Allgemeinmedizin als Basis der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung" an der Jagellonen-Universität Krakau, seiner ehemaligen Alma Mater. 28 Jahre lang war Kalinski in seiner Hausarztpraxis in vorbildlicher Weise für seine Patienten da. Dabei sah er immer den Menschen als Ganzes und kümmerte sich sowohl um die medizinischen als auch die psychischen und sozialen Belange der Kranken, 1978 erwarb er die Zusatzbezeichnung Psychotherapie. Im März 1996, mit fast 69 Jahren, gab er die Praxis an eine Nachfolgerin ab.

Kalinskis Einsatz beschränkte sich aber nicht auf sein Fachgebiet. Auch aus der ärztlichen Berufs- und Standespolitik ist er nicht wegzudenken. Seit 1980 ist er Mitglied der Delegiertenversammlung der Landesärztekammer (LÄK) Hessen, außerdem war er viele Jahre im Finanzausschuss sowie in anderen Ausschüssen aktiv. Kalinski betätigte sich darüber hinaus als Prüfer für das Gebiet Allgemeinmedizin im Weiterbildungswesen der LÄK Hessen. 1996 wurde er Mitglied des Präsidiums dieser Kammer und ist es bis heute. Die Liste seiner Aktivitäten ist lang: Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen war er von 1981 bis 1996 Mitglied des Geschäftsausschusses in Frankfurt am Main. Auf Bundesebene repräsentierte er viele Jahre lang die KV Hessen bei der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Seine berufspolitische Heimat ist der Berufsverband der praktischen Ärzte, der heutige Hausärzteverband. Zudem ist er Mitglied im NAV-Virchow-Bund. In den ersten 20 Jahren seines berufspolitischen Engagements in Hessen hatte Kalinski so gut wie niemandem etwas von seinem Schicksal während der Nazi-Herrschaft erzählt. Doch bei einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Abtreibung, als ein Gynäkologe die Meinung vertrat, Abtreibung sei genauso Mord wie Auschwitz, brach er sein Schweigen. Zutiefst verletzt und empört stand er auf und sagte: "So geht das nicht. Das können Sie nicht vergleichen. Ich war in Auschwitz".

Vermutlich hat gerade sein eigenes Schicksal Kalinski zu einem so engagierten, politischen und äußerst kritischen Menschen werden lassen, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Er selbst beschreibt sich als ironisch und sarkastisch. Seit nunmehr 20 Jahren bringt er unter dem Pseudonym "Ironius" mit der Kolumne "Und so seh ich es" die Leser der Ärztezeitung zum Schmunzeln und Nachdenken. Mit spitzer Feder und viel Humor wird er nicht müde, die Schwachpunkte des Gesundheitswesens, der Gesundheitspolitik, aber auch der ärztlichen Selbstverwaltung und der Ärzte selbst beim Namen zu nennen. Mit seiner Kritik an der zunehmenden Ökonomisierung der Patientenversorgung, der überbordenden Bürokratie, aber auch der oftmals negativen Darstellung von Ärztinnen und Ärzten in den Medien dürfte er vielen Kollegen aus der Seele sprechen. Knapp 1500 Glossen hat er mittlerweile als Ironius verfasst. Darüber hinaus thematisiert er in Kommentaren wichtige gesundheitspolitische Themen, wie beispielsweise den ärztlichen Nachwuchsmangel. Der Allgemeinmediziner ist ebenfalls als Autor für das Hessische Ärzteblatt und andere Fachzeitschriften tätig. Kalinskis Interesse und Engagement geht weit über gesundheitspolitische Themen hinaus. Viele Jahre war er ehrenamtlicher Richter beim Hessischen Finanzgericht in Kassel. Besondere Verdienste hat er sich außerdem um die deutsch-polnische Verständigung erworben. So initiierte er beispielsweise Anfang der Neunzigerjahre Sammelaktionen für Polen, für die Arzneimittel im Wert von rund 60 Millionen Mark gespendet wurden. Darüber hinaus hat er sich in besonderer Weise für die Versöhnung von Juden und Deutschen eingesetzt. Er ist Mitglied im Rat der Überlebenden des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main, einem Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust.

Für sein vielfältiges, unermüdliches und erfolgreiches Engagement erhielt Kalinski zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1987 das Bundesverdienstkreuz am Bande und 1997 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, außerdem die Ehrenplakette in Silber und die Dr.-Richard-Hammer-Medaille der Landesärztekammer Hessen, die Johanna-Kirchner-Medaille der Stadt Frankfurt am Main sowie die Goldene Ehrennadel des Hausärzteverbandes. Auch mit mittlerweile 81 Jahren ist er voller Tatendrang. Ein Rückzug aus seiner Vielzahl an Aktivitäten ist in absehbarer Zeit nicht geplant. Siegmund Kalinski hat sich als Arzt und Hochschullehrer besondere Verdienste um die Allgemeinmedizin erworben. Mit viel Energie und Schaffenskraft ist er bis heute in ehrenamtlichen Funktionen und als Journalist aktiv. Vorbildlich ist sein Einsatz für die deutsch-polnischen Beziehungen und die Aufarbeitung des Holocaust. Sein Engagement für die deutsche Gesellschaft ist nicht zuletzt angesichts seiner eigenen Lebensgeschichte mehr als bemerkenswert. Kalinski hat sich um die Gesundheitsversorgung der Bevçlkerung, die deutsche Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in herausragender Weise verdient gemacht.

111. Deutscher Ärztetag in Ulm, 20. Mai 2008
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident