Paracelsusmedaille für Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter

Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter

 

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Horst-Eberhard Richter einen Arzt, der sich in seiner langjährigen ärztlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit seinem politischen und sozialen Engagement herausragende Verdienste um das deutsche Gesundheitswesen und die Ärzteschaft erworben hat. Er zählt zu den Pionieren der modernen Psychoanalyse und einer ganzheitlichen Medizin. Fast 30 Jahre war er Inhaber eines der ersten Lehrstühle für Psychosomatik an der Universität Gießen. Mit seinen politischen, psychologischen und philosophischen Verçffentlichungen fand er nicht nur in Fachkreisen Beachtung, sondern hat als Autor ein breites Publikum erreicht. Vorbildlich ist sein unermüdlicher Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. Horst-Eberhard Richter hat sich um die ärztliche Versorgung der Bevölkerung, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.

Richter wurde am 28. April 1923 in Berlin als einziges Kind des Ingenieurs Otto Richter und seiner Ehefrau Charlotte geboren. Als 18-Jähriger wurde er zum Militär eingezogen und diente an der Front in Russland. Nach dem Krieg geriet er in Kriegsgefangenschaft. Erst bei seiner Rückkehr nach Deutschland erfuhr er, dass seine Eltern zwei Monate nach Kriegsende bei einem Spaziergang von zwei betrunkenen Russen erstochen worden waren. Auf sich allein gestellt studierte Richter in Berlin Humanmedizin, Psychologie und Philosophie. Nachdem er 1949 das Studium abgeschlossen hatte und zum Dr. phil. promoviert worden war, absolvierte er von 1950 bis 1954 am Berliner Psychoanalytischen Institut eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. Zugleich war er seit 1952 leitender Arzt an der Beratungs- und Forschungsstelle für seelische Störungen im Kindesalter am Kinderkrankenhaus im Berliner Arbeiterviertel Wedding. Dort sammelte er wichtige Erfahrungen, die ihn und seinen therapeutischen Ansatz nachhaltig prägten. Der junge Arzt erkannte, dass psychische Auffälligkeiten von Kindern oftmals als die Symptome kranker Eltern zu verstehen waren. Mit dieser Erkenntnis stand Richter für eine Betrachtungsweise, die in der Psychoanalyse bis dahin eher unüblich war, denn diese konzentrierte sich in erster Linie auf das Individuum und dessen innere Konflikte. Nach Beendigung der psychoanalytischen Ausbildung arbeitete er ab 1955 an der Neurologischen und Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin zunächst als Assistenzarzt, dann als Oberarzt. Mit der Dissertationsarbeit "Akustischer Funktionswandel bei Sprachtaubheit" wurde Richter 1957 zum Dr. med. promoviert. Von 1959 bis 1962 leitete er das Berliner Psychoanalytische Institut.

Richter ist Wegbereiter der psychoanalytischen Familientherapie. Das von ihm entwickelte Konzept von unbewussten Konflikten zwischen Eltern und Kind als Hintergrund kindlicher Störung gilt als wesentliche Ergänzung zu Freuds Theorie. Mit dem Standardwerk "Eltern, Kind und Neurose" hat er bleibenden Einfluss ausgeübt. 1962 wurde er auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychosomatik und Psychotherapie der Justus-Liebig-Universität Gießen berufen und mit dem Aufbau einer psychosomatischen Klinik betraut. Unter seiner Federführung entstand ein interdisziplinäres Zentrum mit Abteilungen für Klinische Psychosomatik, Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, das Modellcharakter hatte. Richters Initiative führte 1970 zur Aufnahme dieser drei Fächer in den Pflichtkatalog des Medizinstudiums. Bis zu seiner Emeritierung 1991 war er Direktor der Gießener Einrichtung, in dem auch die Selbsthilfebewegung ein koordinierendes Zentrum fand. Von 1992 bis 2002 leitete er das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut.

Richters psychosomatische Forschungsarbeit fand große Beachtung. Er leitete von 1964 bis 1968 mit Prof. Beckmann das Forschungsprojekt "Herzneurose". Gemeinsam entwickelten sie auch den international anerkannten Gießen-Test, einen Fragebogen zur Individualund Gruppendiagnose. Engagiert beteiligte sich Richter darüber hinaus an der Reform der deutschen Psychiatrie, unter anderem in der Enquete-Kommission über die Lage der Psychiatrie. Er setzte sich besonders für die wohnortnahe Versorgung in ländlichen Gebieten ein. Richter ist einer der Pioniere der Psychosomatik. Als er den Gießener Lehrstuhl übernahm, waren die Gedanken einer ganzheitlichen Medizin keine Selbstverständlichkeit. Seine Abteilung wurde ein Anziehungspunkt für qualifizierte Wissenschaftler aus dem In- und Ausland, eine beliebte Weiterbildungsstätte und Ausgangsort für zahlreiche Fortbildungen. Stets verlangte Richter auch außerhalb des Faches Psychosomatik eine neue Sichtweise des Patienten. Krankheit ist für ihn mehr als ein messbarer Zustand. Deshalb forderte er, der Arzt müsse auch die psychischen Belange der Patienten im Blick haben. Richter plädierte für eine neue Arzt-Patienten-Beziehung, die ebenfalls ein neues Arztbild implizierte: Der Arzt solle nicht der idealisierte, unfehlbare Superexperte sein, denn mit diesem Anspruch bediene er lediglich eine irrationale Technik- und Forschrittsgläubigkeit und leugne die Grenzen der Medizin. Der Arzt überfordere sich außerdem mit diesem nicht erfüllbaren Auftrag. Richter forderte, dass der Arzt nicht als Held, sondern empathischer Heiler auftreten solle.

Kaum ein Psychoanalytiker hat sich so weit in die Sozialpsychologie und die Politik gewagt wie er. Sein kulturpsychologisch-psychoanalytisches Hauptwerk ist "Der Gotteskomplex" aus dem Jahr 1979. In dieser Abhandlung stellt er die These auf, dass der moderne Mensch seinen Glauben an Gott durch den an den naturwissenschaftlichtechnischen Fortschritt ersetzt hat. Die Angst vor Tod und Endlichkeit wird verdrängt. Richter analysierte auch später immer wieder die gesellschaftlichen Dimensionen in Verhaltensmustern des Einzelnen. Aber auch mit der Psychoanalyse selbst ging der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Psychosomatische Medizin kritisch ins Gericht. Sie dürfe kein Reparaturbetrieb zur Aufrechterhaltung eines gesellschaftlichen Verleugnungssystems sein.

Vielmehr sei die Psychoanalyse in einem gesellschaftlichen Kontext zu sehen. Für Richter steht fest, dass gerade der Therapeut einen besonderen Auftrag hat, denn er erfahre von den Belastungfaktoren einer modernen Gesellschaft. Folgerichtig engagierte Richter sich in Zeiten des Kalten Krieges und der atomaren Bedrohung in der Friedensbewegung. Mit "Alle redeten vom Frieden" wurde er 1981 sogar eine Leitfigur dieser Bewegung. Er nahm an den Anti-Pershing-Demonstrationen in Mutlangen teil und trat als charismatischer Redner bei Protestkundgebungen auf. Ebenfalls zählte er zu den Gründern der deutschen Sektion der Initiative "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW), die 1985 den Friedensnobelpreis erhielt. In der Frankfurter Erklärung verweigerten die Unterzeichner jede Form der kriegsmedizinischen Fortbildung. Sie sahen es als ihre Pflicht an, die Bevölkerung darüber aufzuklären, dass die Folgen einer nuklearen Katastrophe medizinisch nicht zu beherrschen seien. Dieses Engagement wurde in der Ärzteschaft kontrovers diskutiert. Für seinen unermüdlichen Einsatz erhielt Richter zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Theodor-Heuss-Preis, die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt und die Ehrenplakette der Landesärztekammer Hessen. Er ist Ehrenbürger der Stadt Gießen. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Forschungspreis der Schweizer Gesellschaft für Psychosomatik ausgezeichnet. Der Schriftsteller und Sozialphilosoph ist seit 1973 Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland.

Auch mit nunmehr 85 Jahren tritt Richter für seine Überzeugungen ein. Nach wie vor ist er im Vorstand des IPPNW. Darüber hinaus engagiert er sich in der Anti-Globalisierungskampagne "attac". Als Schriftsteller und Autor zahlreicher Essays ist er ebenfalls aktiv. 2006 publizierte er das Buch "Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft".

Seit 1947 steht seine Ehefrau Bergrun an Richters Seite. Er hat drei Kinder und sechs Enkel.

Horst-Eberhard Richter hat sich besondere Verdienste um die Psychoanalyse, die Psychosomatik und die Psychiatrie erworben. Für die Ärzteschaft war und ist er ein unbequemer Impulsgeber, der das ärztliche Selbstverständnis kritisch hinterfragt. Sein politisches und gesellschaftliches Engagement ist vorbildlich, besonders sein mutiger Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit. Richter hat sich um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung, die deutsche Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in herausragender Weise verdient gemacht.

111. Deutscher Ärztetag in Ulm, 20. Mai 2008
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident