Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Theodor Hellbrügge

Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Theodor Hellbrügge [PDF]

Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Theodor Hellbrügge

[Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult.
Theodor Hellbrügge]

 

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Theodor Hellbrügge einen Arzt, der sich in seiner langjährigen ärztlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit seinem ehrenamtlichen Engagement herausragende Verdienste um das deutsche Gesundheitswesen und die Ärzteschaft erworben hat. Er zählt zu den Pionieren der Sozialpädiatrie und war Inhaber des ersten Lehrstuhls für dieses Fachgebiet in Deutschland. Das von ihm gegründete Kinderzentrum München ist Vorbild für mehr als 200 sozialpädiatrische Zentren im In- und Ausland. Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten zur kindlichen Entwicklung sowie seinem außerordentlichen Einsatz für die Frühdiagnostik und interdisziplinäre Frühförderung erlangte er weltweit großes Ansehen. Hellbrügge hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.

Hellbrügge wurde am 23. Oktober 1919 in Dortmund als Sohn des praktischen Arztes Theodor Hellbrügge und seiner Ehefrau Johanna geboren. Er wuchs mit sechs Geschwistern auf. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zunächst als Kanonier in einem Artillerieregiment eingesetzt. Da er in seinem Abiturzeugnis vermerkt hatte, dass er Medizin studieren wollte, versetzte man ihn in die Sanitätsabteilung nach Münster. An der dortigen Universität schrieb er sich 1940 für das Fach Humanmedizin ein. Nach dem Physikum wurde er als Feldunterarzt nach München versetzt. 1944 legte er das Staatsexamen ab und wurde er zum Dr. med. promoviert. Seine Dissertationsarbeit „Experimentelle Untersuchungen am Braun Pears-Tumor“, erstellte er am Pathologischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. 1945 trat er seine erste Stelle an der Universitäts-Kinderklinik in München an. Als unbezahlter Volontärarzt musste der Familienvater die Zeit außerhalb des Dienstes nutzen, um Geld zu verdienen. Unter anderem war er für das Münchner Gesundheitsamt tätig und hielt Mutterberatungen ab. Im Winter 1945/46 machte er eine Beobachtung, die seine weitere Laufbahn prägen sollte: In der Mütterberatung Thalkirchen traf er auf mehrere Kinder im Alter von etwa zwei Jahren. Diese fielen ihm zunächst durch ihre hübsche Physiognomie auf. Doch beim näheren Hinsehen sah der junge Arzt: Die Kinder waren alles andere als normal. Sie sprachen noch kein Wort, zeigten eine retardierte Motorik und waren nicht imstande, selbstständig mit dem Löffel zu essen. Außerdem waren die Kinder sehr ängstlich und schrien, wenn Hellbrügge sich ihnen näherte. Das Krankheitsbild fand er in keinem pädiatrischen Lehrbuch, er nannte es „Deprivationssyndrom“. Später erfuhr er, dass die Kinder kurz nach ihrer Geburt in Heimen untergebracht worden waren. Der Mangel an Zuwendung – so schien es – war ein wesentlicher Grund für die Fehlentwicklung. Das Schicksal dieser Kinder ließ den Pädiater nicht mehr los. Der Grundstein für sein Interesse an Frühdiagnostik und -förderung von Säuglingen und Kindern war gelegt.

1951 legte er seine Facharztprüfung ab. Seine Habilitationsschrift mit dem Thema „Konnatale Toxoplasmose“ verfasste er 1954 als Oberarzt an der Universitätskinderpoliklinik München unter Leitung von Professor Weber. 1960 wurde er zum außerplanmäßigen Professor der LMU ernannt. Er gründete die Forschungsstelle für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin, aus der später das Institut für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin entstand und das er viele Jahre leitete. Im Jahr 1976 erhielt er den Ruf auf den ersten Lehrstuhl für Sozial-Pädiatrie in Deutschland an der LMU. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern entwickelte er ein Verfahren zur Erkennung von Entwicklungsstörungen, die „Münchener Funktionelle Entwicklungs-Diagnostik“ – ein Instrument, das in 36 Sprachen übertragen worden ist. Mit seinem Konzept der „Entwicklungs-Rehabilitation“ fand er international Beachtung. Dem Konzept zugrunde liegt die Erkenntnis, dass das kindliche Gehirn mit seiner enormen Plastizität eine große Fähigkeit zur Anpassung hat. Entwicklungsrückstände können so durch frühzeitige Intervention ausgeglichen werden. Hellbrügge propagiert deshalb eine Frühdiagnostik, interdisziplinäre Frühtherapie über die Eltern sowie die soziale Integration in die Familie und später in den Kindergarten. Sein Einsatz für die Frühdiagnostik hat zur Einführung der heute üblichen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder maßgeblich beigetragen.

Das Ziel, Behinderung zu verhindern oder abzumildern verfolgt auch das Kinderzentrum München, das 1974 auf Initiative Hellbrügges entstand. Krönung seines Lebenswerkes war der Neubau des Zentrums in der Nähe des Klinikums Großhadern, den er beharrlich gegen viele Widerstände durchsetzte. Bis dahin war die Institution provisorisch an verschiedenen Stellen untergebracht. Das Kinderzentrum war die erste interdisziplinäre Einrichtung mit pädiatrischem, psychologischem und heilpädagogischem Angebot unter einem Dach.

Beeinflusst von Maria Montessori gab er auch der Heilpädagogik neue Impulse, legte dabei sein Augenmerk auf die Frühförderung von Säuglingen sowie die gemeinsame Erziehung von Behinderten und Nichtbehinderten in Kindergärten und Schulen. Im Rahmen des Kinderzentrums entstand der erste integrative Montessori-Kindergarten in Deutschland.

Als Kliniker und Forscher fand Hellbrügge große Beachtung. Sein wissenschaftliches Werk umfasst mehr als 1000 Publikationen, darunter 26 in Buchform. Zuletzt erschien die Buchreihe über „Bindung“, zu der auch der Titel „Der Säugling – Bindung, Neurobiologie und Gene“ gehört. Auch seine chronobiologischen Untersuchungen bei Kindern sind international anerkannt. Darüber hinaus war er viele Jahre unter anderem Schriftleiter der Zeitschriften „Fortschritte in der Medizin“ und „Der Kinderarzt“. Von 19 ausländischen Universitäten hat er die Ehrendoktorwürde erhalten und ist unter anderem Honorarprofessor der russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau.

Hellbrügge fühlte sich aber nicht nur der Tätigkeit als Arzt und Forscher verpflichtet, sondern setzte sich stets dafür ein, dass die Erkenntnisse aus seiner Arbeit auch in die Praxis umgesetzt werden konnten. Er prägte durch seinen Einsatz auch die Rahmenbedingungen für die Förderung von Kindern. Schon 1968 gründete er die „Aktion Sonnenschein – Hilfe für das mehrfach behinderte Kind“. Damit beschritt er einen neuen Weg in der Behindertenhilfe, denn nicht die spezifische Schädigung stand dabei im Vordergrund, sondern das Kind selbst. Kernstück der Aktion Sonnenschein sind die pädagogischen Einrichtungen, in denen behinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder gefördert werden. Ein wichtiges Anliegen ist dabei auch die Integration von Kindern mit und ohne Behinderung.

1991 gründete er die Theodor- Hellbrügge-Stiftung zur Förderung der Sozialpädiatrie in Wissenschaft, Forschung und Lehre, die – nachdem die LMU den Lehrstuhl für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin abgeschafft hat – nun den Stiftungslehrstuhl an der Technischen Universität finanziert. Darüber hinaus unterstützt die Stiftung die Entwicklungs-Rehabilitation in Deutschland sowie im Ausland und fördert den Aufbau von Einrichtungen nach dem Vorbild des Kinderzentrums München. Ein Ziel der Arbeit ist die Aus-, Weiter- und Fortbildung von Fachkräften – unter anderem aus der Medizin, der Pädagogik und der Psychologie.

Für seinen unermüdlichen Einsatz erhielt er mehr als 40 Ehrungen, darunter den Moro- Wissenschaftspreis, den Theodor-Heuss-Preis, den Pestalozzipreis als höchste pädagogische Auszeichnung, das Große Bundesverdienstkreuz, den Bayerischen Verdienstorden und die Ernst-von- Bergmann-Plakette der Bundesärztekammer. Er ist unter anderem Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und wurde mit dem Otto-Heubner-Preis der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin geehrt.

Auch mit 89 Jahren ist er den von ihm gegründeten Einrichtungen mit Vitalität und großem Engagement verbunden. Besonders für die Theodor- Hellbrügge-Stiftung und die Internationale Akademie für Entwicklungs-Rehabilitation ist er aktiv. Seit nunmehr 66 Jahren steht ihm seine Ehefrau Jutta zur Seite. Er hat sechs Kinder, 15 Enkel und zehn Urenkel.

Theodor Hellbrügge hat sich außerordentliche Verdienste um die Pädiatrie erworben. Die wachsende Bedeutung der Sozialpädiatrie hat er früh erkannt. Sein Einsatz für die Frühdiagnostik und die interdisziplinäre Frühförderung von behinderten sowie von Behinderung bedrohten Kindern sind mehr als vorbildlich. Ihm ist es zu verdanken, dass unzählige Kinder vor lebenslangen Einschränkungen bewahrt wurden oder das Ausmaß von Behinderung abgemildert wurde. Hellbrügge hat sich um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung, die deutsche Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in herausragender Weise verdient gemacht.

112. Deutscher Ärztetag in Mainz, 19. Mai 2009
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident