Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. Fritz Kümmerle

Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Fritz Kümmerle [PDF]

Prof. Dr. med. Fritz Kümmerle

[Prof. Dr. med. Fritz Kümmerle]

 

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Fritz Kümmerle einen Arzt, der sich in seiner langjährigen klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit herausragende Verdienste um das deutsche Gesundheitswesen und die Ärzteschaft erworben hat. 22 Jahre war er Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik und Poliklinik in Mainz. Besonders an der Weiterentwicklung der Viszeralchirurgie und endokrinologischen Chirurgie hatte er großen Anteil. Außerdem begründete er die moderne Herzchirurgie in Mainz und setzte schon sehr früh die Technik der Herz-Lungen-Maschine ein. Als Kliniker und Forscher fand er große Anerkennung, aber auch die Förderung des chirurgischen Nachwuchses sowie die Weiter- und Fortbildung war ihm stets ein wichtiges Anliegen. Kümmerle hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.

Kümmerle wurde am 14. Februar 1917 in Göppingen als jüngstes von sieben Kindern des Metzgermeisters Friedrich Kümmerle und seiner Ehefrau Martha geboren. Im Jahr 1936 legte er seine Abiturprüfung ab, wurde dann zum Reichsarbeitsdienst, später zum Wehrdienst eingezogen. An der Universität Tübingen begann er 1938 das Studium der Humanmedizin, das er in Königsberg, Wien und München fortsetzte. Dazwischen war er an der russischen Front eingesetzt. Das Staatsexamen legte er 1942 in Tübingen ab. Dort wurde er auch zum Dr. med. promoviert. Seine Dissertationsarbeit mit dem Titel „Die Wirkung des Histamins auf die Blutzusammensetzung“ entstand am Pharmakologischen Institut der Universität Tübingen unter Leitung von Professor Hafner. In der Folge wurde er als Regimentsarzt unter anderem in Italien eingesetzt. Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft begann er 1945 seine chirurgische Weiterbildung. Zunächst war er als Assistenzarzt in der Chirurgie des Kreiskrankenhauses Göppingen unter Dr. Pfeiffer tätig. 1948 wurde Professor Krauss Leiter der Abteilung. Dieser hatte ebenfalls seine Karriere in Göppingen unter Pfeiffer begonnen, war dann aber unter anderem als Oberarzt bei Professor Sauerbruch in der Berliner Charite tätig gewesen. Die Begegnung mit Krauss war für Kümmerle sicherlich prägend. Innerhalb kurzer Zeit wurde er zu seinem Meisterschüler, legte 1951 seine Facharztprüfung ab und wurde Oberarzt. Er ging mit seinem Lehrer nach Freiburg, als dieser 1952 einen Ruf auf den dortigen Lehrstuhl für Chirurgie erhielt.

Kümmerle hatte nicht nur Interesse an der praktischen Chirurgie, sondern auch am wissenschaftlichen Arbeiten. Die Venia legendi für das Fach Chirurgie erhielt er 1954. Seine Habilitationsschrift war ein experimenteller Beitrag mit dem Thema „Die Chirurgie des plastischen Ersatzes der thorakalen Speiseröhre“. 1955 wurde er Oberarzt und drei Jahre später erster Oberarzt der Chirurgischen Klinik. Die Medizinische Fakult_t der Universität Freiburg ernannte ihn im Jahr 1959 zum außerplanmäßigen Professor. Noch in seiner Freiburger Zeit entstand die Publikation „Chirurgie des Dünndarms“ – ein bis heute richtungsweisendes Standardwerk. Kümmerle genoss mittlerweile weit über Freiburg hinaus großes Ansehen und erhielt einen Ruf auf den Lehrstuhl für Chirurgie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Von 1963 bis 1985 war er Direktor der dortigen Chirurgischen Universitätsklinik und Poliklinik. Sein Hauptarbeitsgebiet war die allgemeine Chirurgie mit Schwerpunkt auf dem Gebiet der Bauchchirurgie und der endokrinologischen Chirurgie. Insbesondere interessierte er sich für die Chirurgie der Bauchspeicheldrüse, der Gallenwege und des Dünndarms. Er gehörte zu den ersten Chirurgen in Deutschland, die eine partielle und totale Pankreatektomie wagten. Seine Erfolge verschafften ihm national und international in Fachkreisen großes Ansehen. Auch in der Herzchirurgie setzte er Maßstäbe und ist einer der Vorreiter dieses Faches. Früh erkannte er das Potenzial der Herz-Lungen-Maschine. Zu seinem Amtseinstritt führte er die seinerzeit noch abenteuerlich anmutende Technik der extrakorporalen Zirkulation in der Mainzer Chirurgie ein und verschaffte der Einrichtung so einen Platz in dem Kreis der Pionierkliniken der modernen Herzchirurgie in Deutschland.

Als Kümmerle seine Tätigkeit in Mainz begann, war die Chirurgie eine große Einheit. Er beherrschte sie noch in allen Sparten. Doch die Tatsache, dass er die verschiedenen Teilgebiete – wie Unfallchirurgie, Urologie, Kinderchirurgie und schließlich auch die kardiovaskuläre Chirurgie – während seiner Amtszeit in die Selbstständigkeit überführte, zeugt von seiner Weitsicht. Andererseits widmete er sich auch gerade den übergreifenden Problemen der Chirurgie. So ist er einer der Nestoren der Intensivmedizin im Bereich der Chirurgie. Unter seiner Leitung entstand beispielsweise am Mainzer Universitätsklinikum eine der ersten chirurgischen Intensivstationen in Deutschland. Die Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Intensivmedizin der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie ist maßgeblich seiner Initiative zu verdanken. Die Aus-, Weiter- und Fortbildung war ihm ebenfalls immer ein wichtiges Anliegen. Aus der Mainzer Schule gingen zu seiner Zeit allein 40 Ordinarien und Chefärzte hervor. Seine Mahnung, genügend finanzielle Mittel in die Weiterbildung und Förderung von Chirurgen zu investieren, ist heute aktueller denn je.

Neben seiner umfangreichen klinischen Tätigkeit hat er sich intensiv mit Fragen der Ethik in der Medizin befasst und engagierte sich unter anderem in der Ethik-Kommission der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz. Sein besonderes Interesse galt der Ethik in der chirurgischen Entscheidungsfindung und der Intensivmedizin. Außerdem beschäftigte er sich mit dem Gesundheitswesen im Spannungsfeld zwischen Ökonomisierung und Humanität. Bei seiner Abschiedsvorlesung 1985 sagte er: „Zwischen Wissen und Gewissen, zwischen Technik und Humanität muss hinzukommen die Zuwendung des Samariters, der Zeit hat für die Hilfesuchenden am Wegesrand – eine Einstellung, die ebenso zeitlos ist, wie Gesundheit und Krankheit.“ Zum Thema Ethik und wissenschaftlicher Fortschritt hielt er zuletzt 2007 einen viel beachteten Vortrag am Mainzer Universitätsklinikum.

Kümmerle kann auf ein beachtliches Lebenswerk zurückblicken, was seine Tätigkeit als Kliniker und akademischer Lehrer angeht, hat aber auch als Forscher große Anerkennung erlangt. Er hat eine Vielzahl von wissenschaftlichen Publikationen verfasst und ist Herausgeber zahlreicher Bücher. Zudem war er unter anderem viele Jahre Mitherausgeber und engagierter Schriftleiter der Deutschen Medizinischen Wochenschrift.

Neben seinen vielfältigen hauptamtlichen Tätigkeiten, denen er während seiner Laufbahn nachgegangen ist, engagierte er sich ebenfalls in vorbildlicher Weise in ehrenamtlichen Funktionen. So war er beispielsweise in der Gutachter- und Schlichtungsstelle für ärztliche Behandlungsfehler der Landesärztekammer Rheinland- Pfalz. Auch in der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie engagierte er sich vorbildlich. 1973 wurde er zum Präsidenten der Fachgesellschaft gewählt.

Für sein vielfältiges, unermüdliches und erfolgreiches Engagement erhielt Kümmerle zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Ernst-von-Bergmann-Plakette der Bundesärztekammer für seine Verdienste um die ärztliche Fortbildung. Darüber hinaus ist er Senator auf Lebenszeit der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und damit Präsidiumsmitglied dieser Fachgesellschaft. Zahlreiche Verbände und Vereinigungen haben ihn zum Ehrenmitglied ernannt, unter anderem die Deutsche sowie die österreichische Gesellschaft für Chirurgie und die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Er ist Mitglied der renommierten Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, Halle an der Saale, sowie der Academie de Chirurgie in Paris.

Kümmerles Vitalität und Tatkraft ist auch mit 92 Jahren ungebrochen. Er ist politisch und kulturell sehr interessiert, verfolgt außerdem die Entwicklungen der medizinischen Forschung. Seine Ehefrau Helga, die ebenfalls Ärztin war, starb 1993 bei einem Unfall. Seine Tochter Annette ist promovierte ZahnÄrztin. Kümmerle hat zwei Enkelkinder.

Fritz Kümmerle hat sich während seiner aktiven Laufbahn als Kliniker, Lehrer und Wissenschaftler große Verdienste um das Fach Chirurgie erworben. Besonders an der Weiterentwicklung der Viszeralchirurgie und endokrinologischen Chirurgie hat er großen Anteil, er begründete außerdem die Herzchirurgie in Mainz. Dabei verstand er sich stets als Anwalt seiner Patienten. Kümmerle hat sich um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung, die deutsche Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in herausragender Weise verdient gemacht.

112. Deutscher Ärztetag in Mainz, 19. Mai 2009
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident