Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. Ernst Rebentisch

Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Ernst Rebentisch [PDF]

Prof. Dr. med. Ernst Rebentisch

[Prof. Dr. med. Ernst Rebentisch]

 

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Ernst Rebentisch einen Arzt, der sich in seiner langjährigen aktiven Tätigkeit herausragende Verdienste um das deutsche Gesundheitswesen und die Ärzteschaft erworben hat. Als Generaloberstabsarzt und Inspekteur des Sanitäts- und Gesundheitswesens hat er die Bundeswehr nachhaltig geprägt. Ein besonderes Anliegen war ihm die Zusammenarbeit militärischer und ziviler Einrichtungen, um die Versorgung der Bevölkerung im Katastrophenfall sicherzustellen. So war er auch Mitbegründer und erster Präsident der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin. Darüber hinaus leitete er viele Jahre den Ausschuss Katastrophenmedizin“ der Bundesärztekammer und war Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates. Rebentisch hat sich um die medizinische Versorgung, das Gesundheitswesen, die Ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.

Rebentisch wurde am 31. Januar 1920 in Offenbach am Main als jüngstes von sechs Kindern des Medizinalrates Erich Rebentisch und seiner Frau Magdalene geboren. Sein Vater, Direktor des Stadtkrankenhauses in Offenbach, starb, als Rebentisch acht Jahre alt war. Die Familie zog nach Darmstadt um, wo er 1937 seine Abiturprüfung ablegte. Anschließend wurde er zum Reichsarbeitsdienst einberufen. Während des Zweiten Weltkrieges war er im Truppen- und Stabsdienst eingesetzt – unter anderem ab 1944 als Major und Kommandeur einer Panzerabteilung sowie als Kampfgruppen- und zeitweise Regimentsführer in Rumänien, Polen und Ungarn. Nach Verwundung und längerer Lazarettbehandlung war er im Oberkommando des Heeres in Berchtesgaden tätig. Es folgte die Internierung durch die Amerikaner.

Nach dem Krieg schrieb er sich in München für das Fach Humanmedizin ein. Als ehemaliger Stabsoffizier wurde er allerdings vorübergehend von der Universität verwiesen. Ende 1950 schloss er das Studium jedoch mit der Note „sehr gut“ ab. Seine Assistentenzeit begann er im Stadtkrankenhaus Offenbach, in dem auch schon sein Vater gewirkt hatte. Zwei Jahre später wurde er von der Universität Mainz zum Dr. med. promoviert. Seine Dissertationsarbeit mit dem Titel „Über die Wirkung des embryonalen Herzextraktes in der Therapie schwerer Herzkrankheiten“ entstand unter Leitung von Professor Cremer. Nachdem er Ende 1958 seine chirurgische Facharztprüfung abgelegt hatte, bot man Rebentisch bereits Anfang 1959 eine Stelle als Oberarzt in der chirurgischen Abteilung des Kreiskrankenhauses Gelnhausen an. Wenige Monate später trat er in den Dienst der Bundeswehr ein, wo er eine beispiellose Karriere begann.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung attestierte ihm einmal „ungewöhnliche Talente“. Diese erkannte man auch bei der Bundeswehr schon früh. Kaum begann er im Herbst 1959 seinen Dienst als Oberstabsarzt, wurde er bereits Anfang 1960 zum leitenden Sanitätsoffizier beim deutschen Bevollmächtigten im nördlichen NATO-Bereich berufen. In diesem Amt arbeitete Rebentisch sehr erfolgreich mit den Sanitätsdiensten Dänemarks, Norwegens und Großbritanniens zusammen. 1964 holte ihn das Bundesministerium der Verteidigung als Referent nach Bonn. Drei Jahre sammelte er hier Erfahrungen in der Politik und war für Planungs- und Führungsaufgaben des Sanitätsdienstes, die zivil-militärische Zusammenarbeit in Katastrophenfällen und die wehrmedizinische Koordination im Bündnis zuständig. Nach seiner Beförderung zum Oberstarzt wurde er Divisionsarzt der 12. Panzerdivision. Dort setzte er seine Kriegserfahrungen als Panzeroffizier mit dem Wirken im damals weitgehend selbstständigen Sanitätsdienst erfolgreich um.

Weiter bestimmten die Ausbildung des Sanitätspersonals, der zum Kurzwehrdienst einberufenen Ärzte und der ersten von der Bundeswehr geförderten Medizinstudenten sowie die Weiterbildung von Sanitätsoffizieren seine Tätigkeit. 1969 wurde er Generalarzt und Kommandeur der Akademie des Sanitäts- und Gesundheitswesens der Bundeswehr in München. Als solcher verantwortete er die Ausbildung von mehr als 4000 grundwehrdienstleistenden Sanitätsoffizieren. In seinen Aufgabenbereich fielen die wehrmedizinische Forschung sowie die Zusammenarbeit mit den Hochschulen und anderen wissenschaftlichen Instituten bezüglich der Aus- und Fortbildung der Sanitätsoffiziere. Internationale Anerkennung erlangte er während der Olympischen Spiele 1972 in München, als er in vorbildlicher Weise den Sanitätseinsatz leitete.

Die Bundeswehr hatte mit Rebentisch einen außergewöhnlich engagierten Arzt für sich gewinnen können. 1973 wurde er Generalstabsarzt und Stellvertreter des Inspekteurs des Sanitäts- und Gesundheitswesens, 1976 schließlich Generaloberstabsarzt und Inspekteur des Sanitäts- und Gesundheitswesens der Bundeswehr. In dieser Funktion scheute er sich nicht, auch auf Mängel hinzuweisen und Missstände zu thematisieren. Besondere Verdienste erwarb er sich mit der Konzeption einer neuen Struktur für das Sanitätswesen. Wichtig war ihm eine gute Zusammenarbeit des militärischen Sanitätswesens und der zivilen Einrichtungen. Auch der Wissenschaft fühlte er sich verpflichtet. Die Technische Universität München ernannte ihn 1975 zum Honorarprofessor für Wehr- und Katastrophenmedizin. Aus seiner Feder stammen rund 100 Publikationen zu wehr- und katastrophenmedizinischen Themen. Hinzu kommen zahlreichen Arbeiten, die der Geheimhaltung unterliegen.

1980 schied er aus dem aktiven Dienst bei der Bundeswehr aus. Doch für die Sicherheit der Bevölkerung setzte er sich auch danach aktiv ein. So war er Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin und wurde deren erster Präsident. Ebenfalls 1980 wählte man ihn auch zum Leiter des Ausschusses „Katastrophenmedizin“ der Bundesärztekammer, ein Amt, das er bis 1991 innehatte. In dieser Zeit engagierte er sich auch als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer. Seine umfassenden Kenntnisse waren außerdem in der Politik gefragt: Seit 1982 war er ständiger Gast der Schutzkommission des Bundesministers des Innern.

Mit seinen Auffassungen stieß Rebentisch zur damaligen Zeit auf Widerstand, wovon er sich allerdings nicht beirren ließ. Die um 1980 gegründete deutsche Sektion der Initiative „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW) warf den um den medizinischen Katastrophenschutz bemühten Ärzten Kriegstreiberei vor und verweigerte in der sogenannten Frankfurter Erklärung jede Form „kriegsmedizinischer“ Fortbildung. Die Folgen einer nuklearen Katastrophe seien medizinisch nicht zu beherrschen. Rebentisch stellte dagegen fest, dass kein Arzt den Atomkrieg wolle, es aber dennoch in einer ausschließlich von der Politik zu verantwortenden nuklearen Auseinandersetzung hilfsbedürftige Überlebende geben werde. Jeder approbierte Arzt habe dann die Pflicht, diesen Mitmenschen zu helfen, so lange er dazu in der Lage sei. Katastrophenmedizin sei kein Mittel, um einen Krieg führbar zu machen. Im Falle einer Katastrophe – ob nun ziviler oder militärischer Natur – komme es darauf, planvoll medizinische Hilfe zu leisten, um die Bevölkerung so gut wie möglich zu versorgen. Ethische Bedenken der IPPNW und anderer Ärzte gegen den Vorschlag, bei gleichzeitigem Anfallen einer großen Zahl an Schadensopfern die Ärztliche Hilfe nach Sichtung und Dringlichkeit zu leisten, wies Rebentisch zurück. Das heute geltende Prinzip des Einsatzes leitender Notärzte und der Sichtung bei verlustreichen Unfällen und Katastrophen bestätigen seine damaligen Forderungen.

Rebentisch ist auch mit heute 89 Jahren noch aktiv. Er geht viel spazieren, reist gern und betreibt unter anderem Familienforschung. Seit 55 Jahren ist er verheiratet. Er hat einen Sohn und zwei Enkelkinder.Ernst Rebentisch hat sich während seiner aktiven Laufbahn besondere Verdienste um das Sanitäts- und Gesundheitswesen der Bundeswehr erworben und dort Maßstäbe gesetzt. Sein Engagement ging aber weit darüber hinaus. Ein besonderes Anliegen war ihm stets die Katastrophenmedizin und somit auch die Sicherheit der gesamten Bevölkerung. Rebentisch hat sich um die Gesundheitsversorgung in Deutschland, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in herausragender Weise verdient gemacht.

112. Deutscher Ärztetag in Mainz, 19. Mai 2009
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident