Pressemitteilung der Bundesärztekammer

Ärztetag mahnt bedarfsgerechte medizinische Versorgung von behinderten Menschen an

Mainz, 21.05.2009

In Deutschland lebt rund eine halbe Million Menschen mit geistiger oder mehrfach körperlicher Behinderung, die einen spezifischen und aufgrund von Begleiterkrankungen erhöhten Bedarf an gesundheitlicher Versorgung haben. Das deutsche Gesundheitswesen aber ist strukturell und organisatorisch nicht auf die Versorgung dieser Menschen eingerichtet, kritisierten die Delegierten des 112. Deutschen Ärztetages in Mainz. Die Ursachen für diese Defizite seien vielfältig: Die Gesellschaft nehme Menschen mit Behinderung häufig nicht als gleichberechtigte Bürger wahr, der behinderungsbedingte Versorgungsmehrbedarf sei finanziell nicht ausreichend gedeckt und die alltägliche Behandlungspraxis werde den legitimen Anforderungen dieser Menschen nicht.

Jeder Mensch in Deutschland - ob mit oder ohne Behinderung - habe Anspruch auf eine bedarfsgerechte gesundheitliche Versorgung. Deshalb müssten Menschen mit Behinderung die Versorgung erhalten, die sie aufgrund ihrer Behinderung zusätzlich benötigen, heißt es in dem Beschluss des Ärztetages. Der Gesetzgeber habe sich zwar Ende 2008 zu diesem Anspruch bekannt, doch die Defizite seien geblieben.

Der ärztliche Leiter des Kinderneurologischen Zentrum Mainz, Dr. Helmut Peters, mahnte insbesondere Hilfe für Familien mit behinderten Kindern an: „Am Anfang des Lebens sind die Unterschiede von behinderten Kindern zu gleich alten Säuglingen ohne Behinderung noch nicht erkennbar. Diese stellen sich erst später ein. Deswegen benötigen diese Familien – insbesondere die Mütter – unsere Begleitung, damit die Kinder bei erkennbaren Problemen rechtzeitig gefördert und gezielt behandelt werden.“

Der Ärztetag wies vor allem auf die weg brechende Versorgung behinderter Menschen hin, wenn sie das Erwachsenalter erreichen. Dann gebe es nur noch wenige spezialisierte Gesundheitsdienste in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Auch fehle es an ausreichend finanziellen Mitteln, die Kosten für die überdurchschnittlich aufwändigen Leistungen zu decken. Zudem befänden sich Menschen mit Behinderungen oftmals - beispielsweise als Empfänger von Sozialhilfeleistungen - in einer prekären wirtschaftlichen Lage. Diese erlaube es ihnen nicht, sich in einem größeren Umfang auf eigene Kosten notwendige gesundheitliche Leistungen zu beschaffen.

„Wenn Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung krank werden, finden sie nur schwer ausreichende Hilfe. Es fehlen gut vorbereitete Krankenhäuser, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Angehörige der Gesundheitsfachberufe. Die betroffenen Patientinnen und Patienten sowie ihre Familien fühlen sich damit oft allein gelassen“, bekräftigte Prof. Dr. Michael Seidel, Leitender Arzt und Geschäftsführer des Stiftungsbereichs Behindertenhilfe v. Bodelschwinghsche Anstalten Bethel, beim Ärztetag. Hinzu komme, dass Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung oft verminderte Fähigkeiten besäßen, Gesundheitsrisiken zu erkennen und zu minimieren und beginnenden Krankheiten zu begegnen. Die Gründe dafür seien beispielsweise geringe Kenntnisse, fehlende Organisationsfähigkeit sowie ein eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsleistungen.

Um die Defizite in der medizinischen Versorgung von Menschen mit Behinderung zu überwinden, fordert der Ärztetag deshalb, gesetzliche Grundlagen für Medizinische Zentren für Erwachsene mit geistiger und mehrfacher Behinderung zu schaffen. Darüber hinaus sollten sektorübergreifende regionale Netzwerke von ambulanten und stationären Leistungserbringern etabliert sowie die Aus-, Weiter- und Fortbildung in behinderungsspezifischen Belangen gefördert werden, um Ärztinnen und Ärzte fachlich auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Doch nicht nur zielgruppenspezifische Fachkenntnisse und eine ausreichende Finanzierung seien nötig: Elementare Voraussetzung für eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung von Menschen mit Behinderung ist ihre respektvolle ärztliche Behandlung und Betreuung sowie ihre gesellschaftliche Anerkennung und Integration, so das Ärzteparlament.