Rede von Prof. Dr. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer

zur Eröffnung des 113. Deutschen Ärztetages 2010 in Dresden am 11. Mai 2010

Prof. Dr. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, während der Eröffnung des 113. Deutschen Ärztetages in Dresden

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

würden wir in die Geschichte der Stadt Dresden oder Sachsens blicken und würde ich jetzt versuchen, sie Ihnen auch nur annähernd beschreiben zu wollen, wir hätten Stoff für eine Woche und keine Zeit für den Deutschen Ärztetag.

Dennoch möchte Ich Ihnen in aller Kürze verdeutlichen, an welch bedeutendem politischen, historischen und auch medizinischem Ort der diesjährige Deutsche Ärztetag stattfindet.

Meine sehr geehrten Gäste, was haben Georgius Agricola,
Johann Friedrich Böttger, Melitta Bentz und Manfred Baron von Ardenne gemeinsam? Sie alle wirkten in Sachsen. Und während sich der eine der Mineralogie widmete, der andere das erste europäische Hartporzellan herstellte, entwickelte Frau Bentz den allseits bekannten Melitta Kaffeefilter und der Baron von Ardenne das Fernsehen.

Noch eine Frage: Was sagen Ihnen die Namen Samuel Hahnemann, Georg Bartisch, Georg Schmorl, Karl Friedrich Nietze und Gerhard Leopold? Auch sie wirkten in Sachsen und es sind national wie international bekannte Ärzte und Forscherpersönlichkeiten.

Hahnemann gilt als Begründer der Homöopathie, von Bartisch stammt der „Augendienst“, das erste Lehrbuch der Augenheilkunde in deutscher Sprache, nach Schmorl, dem Pathologen und Wirbelsäulenforscher, sind die „Schmorl‘schen Knorpelknötchen der Bandscheiben benannt. Der Urologe Nietze demonstrierte 1877 in Dresden zum ersten mal eine Blasenspiegelung an einer Leiche mit dem von ihm entwickelten Zystoskop. Und Leopold entwickelte die nach ihm benannten Leopoldschen Handgriffe zur äußeren Untersuchung der Schwangeren. – Eine Fortsetzung dieser bedeutenden Ärzte und erfolgreichen Forscher bis in die Gegenwart ist unschwer möglich. Wir Sachsen sind eben „helle, heeflich und gemietlich“ – soll heißen: pfiffig, höflich und Sympathisch. Mit diesen Eigenschaften, aber einem ungeliebten Dialekt, haben es die Sachsen schon immer weit gebracht. Sie sind gewandt und weltoffen.

Ein altes Sprichwort sagt: „Was in Chemnitz erarbeitet wird, wird in Leipzig gehandelt und in Dresden verprasst“. Das lässt  sich nicht ganz leugnen, denn die Zeugnisse der Prunksucht der sächsischen Regenten (Anwesende ausgenommen) können Sie in Dresden bewundern. Zu nennen wären das Schloss, der Zwinger, alte und neue Gemäldegalerie, Grünes Gewölbe sowie die im März eröffnete Türckische Cammer, die umfangreichste Sammlung osmanischer Kunst in Deutschland.

Die Wettiner beriefen für ihre Bauten und Sammlungen die damaligen Spitzenkönner der europäischen Architektur-, Kunst- und Kulturszene nach Dresden oder schickten Agenten zu gezielten Ankäufen ins Ausland. Der Freistaat Sachsen hat dieses bedeutende kulturhistorische Erbe mit großem materiellen und ideellen Engagement angetreten und sorgsam weiterentwickelt.

Sachsen hat aber auch zwei hochmodernde medizinische Hochschulen, darunter die 400jährige Alma mater Lipsensis, und rund 80 sanierte, modern ausgestattete Krankenhäuser und zahlreiche Forschungsinstitute, nicht nur der Biomedizin. Das Universitätsklinikum Dresden trägt den Namen „Carl-Gustav-Carus“ (1789 – 1869). Carus war Arzt, Naturphilosoph, Literat, Maler und Zeichner und gilt als Persönlichkeit von universalem Zuschnitt. Er lebte und arbeitete über 50 Jahre in Dresden. Dem Universalgelehrten Carus war 2009 eine große Ausstellung im Dresdner Schloss und in der Sempergalerie gewidmet. Carus könnte heute in seiner Universalität helfen, den Inhalt ärztlichen Tuns gegen zunehmende Technisierung und Ökonomisierung zu schützen.

Aber, meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie befinden sich auch an den Wurzeln der ärztlichen Selbstverwaltung. Ich  möchte an zwei wichtige sächsische Reformpersönlichkeiten erinnern, die zu Recht als die Ahnherren deutscher Berufs- und Standespolitik gelten. Es sind Professor Hermann Eberhard Friedrich Richter (1808-1876), Lehrstuhlinhaber an der ehemaligen Chirurgisch-medizinischen Akademie in Dresden sowie Dr. Herrmann Hartmann (1863-1923) aus Leipzig. Beide haben sich um die Gründung des Deutschen Ärztevereinsbundes und des späteren Hartmannbundes herausragende Verdienste erworben.

Die ärztliche Selbstverwaltung, deren hochrangige Vertreter wir heute hier versammelt haben, ist eine der bedeutendsten politischen Errungenschaften der ärztlichen Profession. Nur durch eine funktionierende ärztliche Selbstverwaltung können die Gesamtinteressen aller Ärzte in Deutschland wirkungsvoll zur Geltung gebracht werden. Eine ärztliche Standesvertretung ist unabdingbarer Bestandteil der Demokratie und Hüterin ärztlicher Freiberuflichkeit. Das sage ich mit meinen langjährigen persönlichen Erfahrungen in einem zwangskollektivistischen zentralistischen System mit Einheitspartei. Von Sachsen ging 1989 auch der Impuls zur friedlichen und deshalb in der Geschichte einmaligen Revolution aus.

Dem zivilen Ungehorsam mit dem Slogan „Wir sind das Volk“ konnte die damalige Staatsmacht auf Dauer nicht standhalten. In den letzten 20 Jahren waren wir Sachsen Protagonisten einer politischen und gesellschaftlichen Veränderung, auf die wir Stolz sein können. Denn sie zeugt, wie schon 1945, vom Aufbau- und Veränderungswillen der Menschen. Ohne diesen Willen wären finanzielle Transfers wahrscheinlich ins Leere gelaufen.

Wir haben bereits Probleme bewältigt oder in Angriff genommen, von denen andere Bundesländer erst im Ansatz betroffen sind. Zu nennen wäre der Wegfall ganzer Industriezweige, der demografische Wandel und der Ärztemangel. Den Ärztemangel spüren und thematisieren wir seit 1999. Den demografischen Wandel erleben wir seit einigen Jahren vor allem in ländlichen Regionen. Nur durch eine kreative und kooperative Zusammenarbeit der Sächsischen Landesärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen als ärztliche Selbstverwaltungen, sowie von Sozialministerium, Krankenhausgesellschaft und Krankenkassen, ist es gelungen, frühzeitig wichtige Maßnahmen gegen den Ärztemangel in Sachsen auf den Weg zu bringen.

Dadurch konnten wir den Ärztemangel abschwächen, aber nicht beseitigen. In Sachsen existiert auch das letzte Bündnis Gesundheit 2000. Vor elf Jahren gegründet, kooperieren in diesem Bündnis über 30 Partner, um die gesundheitspolitischen Entwicklungen kritisch zu begleiten, zu kommentieren und notfalls auch zu Demonstrationen aufzurufen. Eine solche übergreifende kooperative Zusammenarbeit sucht ihresgleichen in Deutschland. Vielen Dank an dieser Stelle an alle Beteiligten.

1993 brachten die Delegierten von Dresden aus die strukturierte Qualitätssicherung auf den Weg. Heute beschäftigen wir uns mit der Neuorganisation dieses Bereiches. Zudem sind Themen dazu gekommen, auf die wir in der Vergangenheit ganz pragmatische Antworten finden mussten: Rationierung und Priorisierung.

Vor 1989 haben die ostdeutschen Ärzte eine Rationierung von medizinischen Leistungen auf Grund von Mangel an Material und Technik vornehmen müssen. Heute beschäftigt sich die Ärzteschaft mit Priorisierung auf Grund der sich zuspitzenden Probleme in der Finanzierung infolge Demografie und medizinischem Fortschritt. Wir Ärzte sind nicht mehr bereit, die versteckte politisch-ökonomisch verursachte Rationierung in Gegenwart und Zukunft an die Patienten weiter zu geben.

Wir fordern eine breite gesellschaftliche Diskussion zur Priorisierung medizinischer Leistungen. Herr Gesundheitsminister Dr. Rösler, wir sind der Meinung dass es ethisch nicht mehr vertretbar ist, diese Diskussion nicht zu führen. Die Ärzteschaft ist bereit, eine notwendige fachlich-inhaltliche, gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung konstruktiv zu begleiten.

Was wir nicht brauchen, sind Reformen, mit Wortungetümen als Namen, die bloße Kostendämpfungsmaßnahmen sind. Ich wünsche mir deshalb, dass der 113. Deutsche Ärztetag in Dresden wichtige berufspolitische Signale in Bezug auf eine menschliche medizinische Versorgung und gesicherte ärztliche Rahmenbedingungen aussendet. Und dass der Zusammenhalt der deutschen Ärzteschaft gestärkt wird. Das Programm der Arbeitstagung enthält die brennenden berufs- und gesundheitspolitischen Fragen unserer Zeit.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

meine kurzen Ausführungen zu Dresden und Sachsen mögen auch dazu beitragen, dass Sie, die Gäste des 113. Deutschen Ärztetages, wiederkommen, um die Schönheit und Eleganz von „Elbflorenz“ und von Sachsen näher kennen zu lernen.

Erich Kästner schreibt in seinem Buch:
„Wenn es zutreffen sollte, dass ich nicht nur weiß, was schlimm und hässlich, sondern auch, was schön und liebenswert ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück, in Dresden aufgewachsen zu sein.“

Und Umberto Eco stellt fest:
„Die Dresdner fragen einen gar nicht, ob einem die Stadt gefällt. Sie sagen es einem.“

Für die kommenden vier Tage gilt erst einmal:

- Seien Sie unsere Gäste.
- Genießen Sie diese Stadt.
- Genießen Sie die sächsische Gastfreundschaft.
- Herzlich willkommen im Florenz des Nordens zum 113. Deutschen Ärztetag