Paracelsus-Medaille für Dr. med. Herbert Britz, Facharzt für Allgemeinmedizin, Arbeitsmedizin und Chirurgie

Für den zwischenzeitlich verstorbenen Dr. med. Herbert Britz nahm dessen Enkelin die Ehrung entgegen.

[Für den zwischenzeitlich verstorbenen Dr. med.
Herbert Britz nahm dessen Enkelin die Ehrung
entgegen.]

 

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Herbert Britz einen Arzt, der sich in seiner ärztlichen Tätigkeit und mit seinem berufspolitischen Engagement herausragende Verdienste erworben hat. Er ist eine zentrale Figur der Berufs- und Standespolitik der Nachkriegszeit. Maßgeblich war er an der Gründung des Marburger Bundes beteiligt und wurde 1948 zum ersten Vorsitzender der Ärztegewerkschaft gewählt. Die Anliegen junger Krankenhausärzte, die damals unter unzumutbaren Bedingungen arbeiteten, hat er mit Nachdruck vertreten. Damit hat er die Weichen für eine eigenständige und tariffähige Interessenvertretung gestellt. Darüber hinaus engagierte er sich in Gremien der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Auch in der Kommunalpolitik war er viele Jahre  als Mitglied des Kölner Stadtrates aktiv. Herbert Britz hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Herbert Britz wurde am 17. Dezember 1917 in Köln als einziger Sohn des Bankdirektors Wilhelm Britz und seiner Ehefrau Sanna, einer Postbeamtin, geboren. Seine Abiturprüfung legte er am Blücher-Gymnasium in Köln-Nippes ab. 1937 schrieb er sich für das Studium der Humanmedizin in Köln ein, wo er zwei Jahre später das Physikum absolvierte. Im August 1939 wurde er zur Luftwaffe einberufen, dann aber für das Weiterstudium in Köln und München beurlaubt. 1942 legte er das Staatsexamen ab und wurde an der Universität zu Köln zum Dr. med. promoviert. Seine Dissertationsarbeit hatte den Titel „Das Hebammenwesen der Stadt Köln“ und entstand unter der Leitung von Professor Coerper. Seine ärztliche Tätigkeit begann Britz in der chirurgischen Abteilung der Städtischen Klinik in Köln-Mühlheim. 1944 erfolgte die Einberufung zur Organisation Todt. Im Rahmen dieses Einsatzes war er als chirurgischer Chef eines Verbandsplatzes in Wassenberg nahe der niederländischen Grenze tätig.

Nach dem Krieg kehrte er nach Köln zurück. Im November 1945 trat er eine Stelle in der chirurgischen Abteilung des St.-Franziskus-Hospitals an. Dort war er zunächst als Assistenzarzt tätig, später als Oberarzt. Weitere berufliche Stationen waren die Tuberkulose-Klinik II an den Städtischen Krankenanstalten in Köln-Merheim sowie die chirurgische Poliklinik der Universität zu Köln. 1953 ließ er sich als Allgemeinarzt in Köln-Ehrenfeld nieder. Bis Ende 1986 war er als Kassenarzt tätig. In seiner langjährigen Tätigkeit hat er eine Vielzahl von Qualifikationen erlangt: Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Chirurgie und Arbeitsmedizin.

Britz gilt als „Mann der ersten Stunden“ in der ärztlichen Berufs- und Standespolitik der Nachkriegszeit. Angetrieben wurde er in seinem Engagement zunächst durch die völlig unzumutbaren Arbeitsbedingungen für Krankenhausärzte. Er zählt zu der Generation von Ärzten, die etwa in einem Alter um die 30 aus dem Krieg zurückkehrten und vor dem Nichts standen. An eine Niederlassung war für sie nicht zu denken, da vielfach die Kassenarztsitze für die älteren Kriegsheimkehrer freigehalten wurden. Die Jungärzte konnten nur auf Volontärstellen in den Krankenhäusern untergebracht werden. „Außer gelegentlicher Verpflegung durch die Oberschwester gab es kein Entgelt“, schrieb Britz 2002 in einem Artikel für die Marburger-Bund-Zeitung. Zwar waren die jungen Ärzte froh, den Krieg überlebt zu haben, doch es fehlte ihnen an Perspektive. 1946 initiierte Britz die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft der Jungärzte innerhalb der Ärztekammer“, die gegenüber dem Vorstand der Ärztekammer Nordrhein die Interessen der jüngeren Kollegen vertrat. Der Zulauf zu der Initiative war enorm. 1.400 arbeitslose beziehungsweise unterbezahlte junge Ärzte meldeten sich, nachdem ein entsprechender Aufruf einem Schreiben der Kammer beigelegen hatte.

Auch in anderen Regionen Deutschlands gründeten sich daraufhin Jungärztevereinigungen. Bei einem Treffen 1947 an der Marburger Universität entwarfen Britz und seine Mitstreiter das Gerüst einer Satzung für diese Arbeitsgemeinschaften. Diese „Marburger Satzung“ empfahlen sie den örtlichen Initiativen. Bei einer späteren Zusammenkunft erfolgte die Umbenennung in „Marburger Gemeinschaft – Vereinigung angestellter Ärzte“, und der Verband löste sich von den Kammern. Im Mai 1948 gaben sich die jungen Ärzte den Namen „Marburger Bund – Vereinigung angestellter Ärzte“. Damit war die Ärztegewerkschaft aus der Taufe gehoben. Der Marburger Bund (MB) fand bei den Kollegen großen Zuspruch, was sich schnell in einer fast achtzigprozentigen Organisationsdichte der Berufsgruppe zeigte. Britz wurde auf der ersten ordentlichen Hauptversammlung zum ersten MB-Bundesvorsitzenden gewählt. Dieses  Amt hatte er bis 1952 inne. Mit Improvisations- und Organisationstalent steuerte er den MB durch seine schwierigen Aufbaujahre. In zahlreichen Artikeln und Verlautbarungen in der Fach- und Laienpresse hat er immer wieder auf die dringlichen Probleme junger Ärzte hingewiesen. Sein Name ist außerdem mit dem Begriff „gleitender Bettenschlüssel“ verknüpft, einer praktikablen Grundlage zur Arbeitsmaßbeschränkung in Krankenhäusern, die allerdings durch das moderne Tarifrecht heute keine Bedeutung mehr hat. Ohne Britz wäre der MB aber sicherlich nicht das, was er heute ist: Eine tariffähige Interessenvertretung der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte mit mehr als 100.000 Mitgliedern. Bemerkenswert ist, dass er auch Mitbegründer des Hartmannbundes ist. Dort  war er unter anderem stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein.

Über viele Jahre engagierte er sich in den Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung und leistete hier nach dem Krieg Pionierarbeit. Er wurde in den Beratungsausschuss der westdeutschen Ärztekammern berufen, aus dem sich der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Ärztekammern – und später der Bundesärztekammer – entwickelte. Mit Unterbrechungen war er von 1946 bis 1977 sowie 1981 bis 1985 Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein. Auch war er am Aufbau der kassenärztlichen Selbstverwaltung maßgeblich beteiligt. Seit 1964 fungierte er dann als Vorsitzender des Finanzausschusses der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein. Viele Jahre leitete er als Vorsitzender die Kölner Kreisstellen der KV und der Ärztekammer Nordrhein.

In seiner Tätigkeit als niedergelassener Arzt erkannte Britz frühzeitig, dass die Zukunft der ambulanten Medizin in der Kooperation liegt. Aus seiner Sicht machten die Fortschritte in der Medizin sowie veränderte Einstellungen in der Nachkriegsärztegeneration kooperative Formen der Berufsausübung notwendig. 1959 gründete er in Köln die erste deutsche Gruppenpraxis. Zunächst waren es 22 Kollegen, Allgemeinärzte und Internisten, die sich zu einer „Apparategemeinschaft“ (Laborgemeinschaft) zusammenschlossen. Damit konnten sie ihre diagnostischen Möglichkeiten und somit die Versorgung der Bevölkerung deutlich verbessern. Nachdem Britz 1967 zur Bildung der „Arbeitgemeinschaft deutscher Gruppenpraxen“ aufgerufen hatte, initiierte er 1972 den „Verband deutscher Gruppenpraxen“, um die Idee der Kooperation mit mehr Nachdruck vertreten zu können. Zehn Jahre war er Vorsitzender des Verbandes.

Neben seinen berufspolitischen Aktivitäten engagierte sich Britz auch in vorbildlicher Art und Weise in der Kommunalpolitik. Von 1952 bis 1969 gehörte er als CDU-Abgeordneter dem Rat der Stadt Köln an. Als Mitglied des Gesundheitsausschusses brachte er seinen ärztlichen Sachverstand ein und trieb unter anderem den Wiederaufbau des städtischen Gesundheitswesens voran. Desweiteren war er Mitglied in den Ausschüssen für Sport, für Grünanlagen und für Stadtplanung. Von 1953 bis 1963 gehörte er der Landschaftsversammlung Rheinland an, von 1953 bis 1968 dem Gesundheitsausschuss des Landschaftsverbandes. Außerdem war er viele Jahre stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Knappschaftsärztevereine, die später zum Bundesverband der Knappschaftsärzte wurde.

Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Ehrenreflexhammer des Marburger Bundes, die Hartmann-Thieding-Plakette des Hartmannbundes, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse sowie das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Er ist Ehrenmitglied des Marburger Bundes.

Herbert Britz ist auch mit 93 Jahren den von ihm mitbegründeten Initiativen verbunden. So sprach er zuletzt im Juni 2010 auf einer Kundgebung des Marburger Bundes in Köln, auf der mehr als 1.000 Krankenhausärzte für bessere Arbeitsbedingungen demonstrierten. Darüber hinaus beschäftigt er sich aktuell vor allem mit religionsphilosophischen Fragestellungen. 57 Jahre war er mit der Kindergärtnerin Anneliese Britz verheiratet, die 2001 verstorben ist. Er hat sechs Kinder, acht Enkel und drei Urenkel.

114. Deutscher Ärztetag in Kiel, 31. Mai 2011
Vorstand der Bundesärztekammer   
Präsident