Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Heinz Angstwurm, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Heinz Angstwurm einen Arzt, der sich in seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit seinem ehrenamtlichen Engagement herausragende Verdienste erworben hat. Der Schwerpunkt seiner Arbeit war der Hirntod. Er ist Mitglied der „Ständigen Kommission Organtransplantation“ der Bundesärztekammer – und zwar bereits seit ihrer Gründung 1994. Er hat maßgeblich an den Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes mitgewirkt. Mit seinem Einsatz hat er zu einer Versachlichung der Diskussion über die Organspende beigetragen und somit zu einer höheren Akzeptanz der Transplantationsmedizin. Darüber hinaus baute er ab Mitte der siebziger Jahre an der Neurologischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Rufbereitschaft als Hilfe zur Hirntoddiagnostik auf. Heinz Angstwurm hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Heinz Angstwurm wurde am 29. Januar 1936 in München als ältester Sohn des praktischen Arztes Dr. med. Josef Angstwurm und seiner Ehefrau Martha, einer Lehrerin, geboren. Er wuchs gemeinsam mit drei Geschwistern in Kraiburg am Inn auf, dem Sitz der Landarztpraxis seines Vaters. Seine Abiturprüfung legte er 1954 am Humanistischen Gymnasium Ettal ab. Prägend für ihn war sicherlich der Beruf des Vaters. Und so schrieb er sich zum Wintersemester 1954/55 für das Fach Humanmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München ein. 1960 legte er hier das Staatsexamen ab. Ein Jahr später wurde er zum Dr. med. promoviert. In seiner Dissertationsarbeit befasste er sich mit dem plastischen Dura-Ersatz. Sie entstand an der Chirurgischen Klinik der LMU unter Leitung von Professor Eduard Weber.

Schon während des vorklinischen Studienabschnittes war Angstwurms Interesse für das Gehirn und das Nervensystem entstanden. Entsprechend trat er 1962 seine erste Assistentenstelle an der Universitätsnervenklinik der LMU an. Zum Vorbild wurde für ihn in dieser Zeit Professor Ewald Frick, der damals sein Oberarzt war und sich insbesondere mit der Multiplen Sklerose befasste. Die Anerkennung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie erfolgte 1966. Nach der Trennung der Fächer und des Lehrstuhls blieb er an der Neurologischen Klinik. Im Jahr 1972 wurde er dort Oberarzt. Er war nicht nur am klinisch-praktischen Arbeiten, sondern auch an Forschung und Lehre interessiert. 1984 erhielt er die Venia Legendi für das Fach Neurologie. Seine Habilitationsschrift mit dem Titel „Zur Prognose somnolenter und komatöser Zustände infolge akuter extrazerebraler Erkrankungen“ erstellte er unter Professor Adolf Schrader an der Neurologischen Klinik der LMU.

Im gleichen Jahr übernahm er die Leitung des Neurologischen Konsiliardienstes, den die nach Großhadern umgezogene Klinik für die Innenstadtkliniken eingerichtet hatte. Bereits ab 1974/75 hatte er auch am Aufbau einer Rufbereitschaft mitgewirkt. Diese diente den Kollegen in den Münchner Krankenhäusern sowie auswärtigen Kliniken als Hilfestellung bei der Hirntoddiagnostik. 1988 wurde er zum Universitätsprofessor berufen. Als Hochschullehrer und Kliniker lag ihm der ärztliche Nachwuchs am Herzen. Und so war ihm die medizinische Aus- und Weiterbildung ein besonderes Anliegen. Zwischen 1984 und 2001 unterrichtete er die Studenten im praktischen Jahr in der Neurologischen Klinik. Von 1963 bis 1985 war er als Dozent in der Ausbildung von Pflegekräften tätig – an der Krankenpflegeschule der LMU in Großhadern sowie an der Schule für Schwestern und Pfleger der Stadt München. Besondere Schwerpunkte seiner Arbeit waren Multiple Sklerose, Bewusstseinstrübungen und Koma. Bereits ab 1974 befasste er sich zudem mit allen grundsätzlichen und Detailfragen des Hirntods – angefangen von der Diagnostik, über die Epidemiologie bis hin zu ethischen Aspekten. Im Jahr 2001 trat er in den Ruhestand. Über Drittmittel finanziert, war er noch bis 2004 als Leiter des Neurologischen Konsiliardienstes tätig.

Angstwurm hat sich intensiv mit dem Hirntod und den damit verbundenen anthropologischen, medizinischen und ärztlichen Fragen beschäftigt. Seine Fachkenntnis war an vielen Stellen gefragt. Er war Mitglied der „Kommission des Wissenschaftlichen Beirates“ der Bundesärztekammer (BÄK), die 1981 erstmals und dann in drei Fortschreibungen Empfehlungen zur Feststellung des Hirntodes vorlegte, mit dem Inkrafttreten des Transplantationsgesetzes (TPG) dann 1997 die entsprechenden Richtlinien. Seit 1994 gehört er der „Ständigen Kommission Organtransplantation“ der BÄK an. Auch bei den Vorbereitungen des Transplantationsgesetzes wirkte er mit: 1996 fungierte er als Sachverständiger in zwei Anhörungen des Gesundheitsausschusses des Bundestages. Mit dem TPG erhielt die BÄK unter anderem die Aufgabe, Richtlinien zur Hirntoddiagnostik zu erlassen, an denen Angstwurm maßgeblich beteiligt war. Ab 2001 war er Vorsitzender der Prüfungskommission, ab 2004 auch Vorsitzender der Überwachungskommission. In beiden Fällen handelt es sich um Kommissionen, die gemäß TPG eingerichtet wurden. Die Gremien bestehen aus Vertretern der Spitzenverbände der Krankenkassen (heute Spitzenverband Bund), der Bundesärztekammer und der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Er hatte beide Ämter bis 2010 inne und erwarb sich mit seiner Arbeit bei allen Beteiligten hohes Ansehen.

Seine wissenschaftlichen und ethischen Verdienste um die Organtransplantation sind herausragend. Er verfolgte stets das Ziel, überzeugend zu begründen, dass der Hirntod ein sicheres Todeszeichen ist. Vielen hat er damit in schwierigen Entscheidungsprozessen eine Hilfestellung geleistet. Wichtig war ihm dabei immer auch der Umgang mit den Angehörigen, der seiner Meinung nach sachlich und empathisch zugleich sein sollte. Seine Publikationen und Vorträge hatten großen Einfluss auf die Entemotionalisierung der Diskussion über die schwierigen Grenzfragen an der Schwelle zwischen Leben und Tod. Dabei beschränkte er seine Überzeugungsarbeit keinesfalls auf ein Fachpublikum, sondern stellte die Thematik ebenso verständlich gegenüber Kirchen, Politik und der breiten Öffentlichkeit dar. Er war ein wichtiger Ansprechpartner sowohl für die Fach- als auch die Laienpresse.

Angstwurm war immer davon überzeugt, dass das Thema Hirntod nur interdisziplinär zu betrachten sei, also gemeinsam von Ärzten, Theologen und Philosophen bearbeitet werden müsse. Das schien ihm unabdingbar für einen breiten Konsens und die Akzeptanz. Aber auch seine christliche Grundüberzeugung dürfte einen Einfluss auf diese Herangehensweise gehabt haben. 1989 nahm er an einem Symposium der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften zum Hirntod teil und war einer der drei Herausgeber des Symposiumbandes.

Außerdem wirkte an der Schrift „Organtransplantation“ der Deutschen Bischofskonferenz und des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland mit. Überall genoss er eine hohe Reputation. Darüber hinaus fungierte er von 1990 bis 1995 als Mitglied im Päpstlichen Rat für die Seelsorge im Krankenhaus.

Für seine Verdienste erhielt Angstwurm zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen: das Bundesverdienstkreuz, die Franz-Kuhn-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, die Max-Lebsche-Medaille der Vereinigung der Bayerischen Chirurgen und die goldene Nadel des Landesverbandes Bayern der Multiple Sklerose Gesellschaft.

Seit 1961 ist er mit der Architektin Brigitta Angstwurm verheiratet. Sie haben vier Kinder, alle Ärzte, und sechs Enkel. Heinz Angstwurm, mittlerweile 75 Jahre alt, kann auf ein erfülltes Berufsleben zurückblicken. Die Neurologie und die Transplantationsmedizin in Deutschland haben ihm viel zu verdanken. Heute gilt sein Interesse vor allem der Kultur. Dabei stehen Musik, Malerei und Literatur im Mittelpunkt. Aber auch mit historischen Themen befasst er sich ausführlich und gern.

114. Deutscher Ärztetag in Kiel, 31. Mai 2011
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident