Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. Gisela Charlotte Fischer, Fachärztin für Allgemeinmedizin

Prof. Dr. med. Gisela Charlotte Fischer wird auf dem 114. Deutschen Ärztetag in Kiel 2011 die Paracelsusmedaille der deutschen Ärzteschaft verliehen

 

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Gisela Charlotte Fischer eine Ärztin, die sich in ihrer klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit ihrem ehrenamtlichen Engagement herausragende Verdienste erworben hat. Sie ist eine der ersten Medizinerinnen in Deutschland mit einer C4-Professur. Außerdem zählt sie zu den ersten Lehrstuhlinhabern für das Fach Allgemeinmedizin. Vierzehn Jahre leitete sie die Abteilung an der Medizinischen Hochschule Hannover. Mit ihrer Arbeit hat sie wie kaum eine andere dazu beigetragen, die Allgemeinmedizin im akademischen Kontext aufzuwerten und zu stärken. Zudem gilt sie als Pionierin auf dem Gebiet der hausärztlich-geriatrischen Versorgung. Maßgebliche Impulse hat sie ebenfalls als Mitglied des „Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ gesetzt. Gisela Charlotte Fischer hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Gisela Charlotte Fischer wurde am 1. März 1938 in Saarbrücken als einzige Tochter des Architekten Joachim Fink und seiner Ehefrau Renate, einer Pianistin und Musikpädagogin, geboren. Sie wuchs gemeinsam mit einem jüngeren Bruder und zwei älteren Vettern auf. Nach dem Krieg zog die Familie nach Wiesbaden, wo Fischer 1958 an der Helene-Lange-Schule ihre Abiturprüfung absolvierte. Das Medizinstudium begann sie in Köln, wechselt später an die Universität Freiburg, wo sie ihre Dissertationsarbeit mit dem Titel „Zur In-vitro-Aufnahme von J131-markiertem Trijodthyronin durch Erythrozyten“ an der Medizinischen Klinik unter Leitung von Professor Keiderling anfertigte. Ihr Staatsexamen legte sie 1964 in Köln ab.

Im Jahr 1970 trat sie eine wissenschaftliche Assistententätigkeit am Institut für Dokumentation und Informatik der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main an. Zwei Jahre später begann sie ihre Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin, die sie überwiegend am Universitätsklinikum Frankfurt am Main absolvierte. Bereits ab 1975 war sie dann in einer eigenen Landarztpraxis in Zeppelinheim in der Nähe von Frankfurt tätig. Ihre Facharztanerkennung erlangte sie 1978. Neben ihrer praktischen ärztlichen Tätigkeit widmete sie sich mit großem Einsatz Aufgaben in Forschung und Lehre – als Lehrbeauftragte für das Fach Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt am Main. 1988 erhielt sie die Venia Legendi  für das Fach Allgemeinmedizin. Ihre Habilitationsschrift hatte das Thema „Zur Betreuung älterer Patienten in der Allgemeinarztpraxis“. Da das Institut damals noch keinen Lehrstuhl hatte, wurde die Arbeit vom Leiter der Urologie, Professor Schöppe, in der Fakultät vertreten. 1989 erhielt sie den Ruf auf die C4-Professur für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Sie genügte optimal den Anforderungen, denn man suchte nicht nur jemanden mit Erfahrung in der allgemeinmedizinischen Forschung und Lehre, sondern Bedingung war, dass der Bewerber selbst in einer hausärztlichen Praxis arbeitete. Bis zu ihrer Emeritierung 2003 leitete sie das Institut für Allgemeinmedizin der MHH. Während dieser Zeit war sie zusätzlich als niedergelassene Allgemeinärztin in Sehnde bei Hannover tätig. Ab 1992 gestaltete sie darüber hinaus den Aufbaustudiengang „Bevölkerungsmedizin – Public Health“ an der MHH mit. Zudem vertrat sie ab 1995 das Fach Medizinische Soziologie, das mit einer eigenen Dozentur in die Abteilung für Allgemeinmedizin integriert war.

Fischer ist eine „Frau der der ersten Stunde“. Sie war eine der ersten Medizinerinnen, die sich im Fach Allgemeinmedizin habilitierten. Nach ihrem Ruf an die MHH baute sie dort eine der größten allgemeinmedizinischen Abteilungen in Deutschland auf und integrierte neue Ansätze wie die Qualitätsförderung, Leitlinien, Public Health und Versorgungsforschung in ihre Arbeit. Bereits 1996 entwickelte sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern ein regionales Versorgungsmodell, wie es später auch in ein Gutachten des „Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ einfloss und sich heute entsprechend weiter entwickelt in einigen Modellregionen verwirklicht findet. Die Projekte ihrer Abteilung wurden regelmäßig mit Drittmitteln des Bundes und der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Die Modernisierung der Lehre und die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte waren ihr stets ein wichtiges Anliegen. Sehr am Herzen lagen ihr ebenfalls ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter. Drei ihrer Schüler sind heute Lehrstuhlinhaber in Frankfurt am Main, Magdeburg und Leipzig.

Auch ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte sprechen für Fischers Weitblick. Die wachsende Bedeutung der hausärztlichen Versorgung alter Menschen hat sie schon früh erkannt. Sie engagierte sich für die Implementierung des geriatrischen Assessments in die allgemeinärztliche Sprechstunde zur rechtzeitigen Erkennung von Problemlagen.

Mit ihrer Arbeit hat sie dazu beigetragen, dass die Allgemeinmedizin als Fach in den vergangenen Jahren eine deutliche Aufwertung erlebt hat. Dieses Ziel verfolgte sie auch mit ihrem Engagement in der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, wo sie unter anderem als Vizepräsidentin fungierte. Sie war Mitherausgeberin der Zeitschrift für Allgemeinmedizin. Auf internationaler Ebene war sie Präsidentin des Research Commitees der Weltorganisation für Allgemein- und Familienmedizin (WONCA).

Im Vordergrund stand für sie die Frage, was von medizinischen Erkenntnissen in der Versorgungsrealität ankommt – und zwar lange bevor die Versorgungsforschung in aller Munde war. Dabei kam es ihr sicherlich zugute, dass sie durch ihre langjährige praktische Tätigkeit den Bezug zu den alltäglichen Problemen in der Arztpraxis nie verloren hat. Auch hatte sie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Blick und befasste sich beispielsweise mit dem Thema Armut im Alter. Insofern steht Fischer für ein modernes Verständnis von Medizin in einem ganzheitlich individualmedizinischen Modell. Ihre Sichtweise bezog sich auf den gesamten Behandlungsprozess. So stand für sie nicht nur die Akutversorgung im Fokus, sondern auch die Prävention und die sachgerechte Rehabilitation bei alten Menschen.

Der Patient im Mittelpunkt – das ist Fischers Motto. Und so war sie von 2002 bis 2010 Mitglied des Expertenkreises Patientensicherheit des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ). Sie war Mitautorin des Fortbildungskonzeptes Patientensicherheit, das 2009 in der Reihe „Texte und Materialien der Bundesärztekammer zur Fortbildung und Weiterbildung“ erschienen ist. Mit ihrer Pionierarbeit hat sie die Akzeptanz des Themas in der Ärzteschaft gefördert. Dazu passt auch ihre Tätigkeit als Mitglied der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern. In der Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen (GRPG) ist sie Beisitzerin für Patienten und Verbraucher.

Wegen ihres exzellenten Rufes und ihrer umfangreichen Sachkenntnis wurde Fischer 1999 in den „Sachverständigenrat für die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen“ berufen, aus dem später der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ wurde. Bis 2007 war sie Mitglied des Gremiums und Mitautorin zahlreicher, einflussreicher Gutachten. In diesen ging es unter anderem um Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit, Finanzierung, Nutzerorientierung und Qualität sowie Kooperation und Verantwortung. Für den Sachverständigenrat war sie Mitglied im Deutschen Gesundheitsforschungsrat, der beim Bundesforschungsministerium angesiedelt ist.

Fischer ist eine außergewöhnlich einsatzfreudige Frau, und daher ist die Liste ihrer weiteren ehrenamtlichen Aktivitäten lang. So engagierte sie sich als Vorstandsvorsitzende des Ethno-Medizinischen Zentrums Hannover. Als Vorstandsmitglied der GRPG war sie Mitherausgeberin der Zeitschrift „Recht und Politik im Gesundheitswesen“. Für ihre Verdienste erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Ernst-von-Bergmann-Plakette der Bundesärztekammer  und die Ehrenplakette der Ärztekammer Niedersachen.

Die Allgemeinmedizin hat Fischer viel zu verdanken. Doch auch die gesamte Medizin in Deutschland hat von den Impulsen profitiert, die sie gesetzt hat. Heute, mit 73 Jahren, kann sie auf ein umfangreiches Lebenswerk zurückblicken.

Aktuell leitet sie an der Leibniz Universität Hannover ein Projekt zur regionalen Strukturförderung, das mittelständische Unternehmen und die Region auf die Veränderungen in der Arbeitswelt durch den demografischen Wandel vorbereitet. Sie ist außerdem Mitglied des Dialogforums Pluralismus in der Medizin der Bundesärztekammer. Darüber hinaus beschäftigt sie sich gern und viel mit Literatur. Sie hat drei Söhne und sechs Enkel. Im Jahre 2007 ist sie verwitwet und seit Ende 2010 wieder verheiratet.

114. Deutscher Ärztetag in Kiel, 31. Mai 2011
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident