Paracelsus-Medaille für Prof. Dr. med. Ulrich Gottstein, Facharzt für Innere Medizin

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Ulrich Gottstein einen Arzt, der sich in seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit sowie mit seinem politischen und sozialen Engagement herausragende Verdienste erworben hat. Besonders hervorzuheben ist sein Einsatz für Frieden und Versöhnung. Er ist Initiator und Gründungsmitglied der deutschen Sektion der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW). Für seine Überzeugungen ist er stets mutig eingetreten – obwohl er dafür belächelt oder sogar beschimpft wurde. Ärztliche Humanität ist für ihn kein theoretischer Begriff, sondern immer konkret. Das zeigt sein Einsatz für Menschen in Krisengebieten, aber auch sein Engagement für die Palliativmedizin. Vorbildlich ist außerdem sein langjähriges Wirken in der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Ulrich Gottstein hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Ulrich Gottstein wurde am 28. November 1926 in Stettin, Pommern, als Sohn des Juristen Dr. Kurt Gottstein und seiner Ehefrau Christel geboren. Sein Vater war Direktor der Zellstoff- und Papierfabrik Feldmühle AG. Gemeinsam mit den Eltern und seinen beiden Geschwistern zog er 1938 nach Berlin-Dahlem. Diese Zeit sollte für ihn prägend werden: Sein älterer Bruder und er traten in den Jungenkreis der Evangelischen Kirchengemeinde St. Annen ein – und zwar nur wenige Wochen, nachdem der Gemeindepfarrer Martin Niemöller von den Nationalsozialisten verhaftet und ins Konzentrationslager gebracht worden war. Gottstein war damals erst zwölf Jahre alt und gehörte von da an der Jungen Gemeinde der Bekennenden Kirche an. Ein Engagement, das alles andere als ungefährlich war, wurden die Mitglieder doch von der Gestapo beobachtet. Während des Zweiten Weltkrieges erlebte er die massiven Bombardierungen Berlins und war dann im Kriegseinsatz in Frankreich. Er geriet im September 1944 in britische Gefangenschaft, aus der er zwei Jahre später zurückkehrte.

Das Medizinstudium begann er 1947 an der Humboldt-Universität zu Berlin und setzte es nach dem Vorphysikum in Göttingen und Heidelberg fort. Im Dezember 1952 legte er das Staatsexamen ab und wurde zum Dr. med. promoviert. In seiner Dissertationsarbeit befasste er sich mit dem Einfluss der Blutverdünnung sowie verschiedener Substanzen auf die Muskelkontraktion. Sie entstand am Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg unter Leitung von Professor Fritz Eichholz.

Seine erste Stelle trat er 1953 für zwei Jahre als wissenschaftlicher Assistent am Physiologischen Institut der Universität Heidelberg an. Nach einer kurzen Station in der Universitätsaugenklinik begann er 1955 seine Weiterbildung in Innerer Medizin und Neurologie an der II. Medizinischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München unter Professor Gustav Bodechtel. Seine Facharztanerkennung für Innere Medizin erhielt er 1960, im gleichen Jahr auch die Venia Legendi. Seine Habilitationsschrift hatte den Titel „Möglichkeiten und Grenzen einer pharmakologischen Beeinflussung der Hirndurchblutung“. Zwei Jahre später wechselte er nach Kiel und wurde dort Leitender Oberarzt der I. Medizinischen Klinik des Universitätsklinikums, erhielt 1966 eine außerplanmäßige Professur. 1971 erfolgte die Umhabilitation an die Goethe-Universität Frankfurt am Main. Gottstein wurde dort Honorarprofessor und hielt regelmäßig Lehrveranstaltungen zu den Themen „Differenzialdiagnose in der Inneren Medizin“ und „Klinische Visite“. Später war er unter anderem an den Ringvorlesungen „Medizinische, psychosoziale und ökologische Aspekte einer nuklearen Katastrophe“ und „Ethik in der Medizin“ beteiligt. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung 1991 war er Chefarzt der Medizinischen Klinik des Bürgerhospitals in Frankfurt am Main.

Geprägt durch seine Erlebnisse in der Nazizeit und im Zweiten Weltkrieg sowie durch eine tiefe christliche Grundüberzeugung entstand Gottsteins Engagement für Frieden und Völkerverständigung. Mitmenschlichkeit endete für ihn nicht auf einer persönlich-privaten Ebene. Für ihn stand fest, dass gerade die Ärzte eine besondere Verantwortung angesichts des Kalten Krieges und der atomaren Bedrohung trugen. So wurde Gottstein Initiator der deutschen Bewegung der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“. 1981 war er Gründungsmitglied der deutschen IPPNW-Sektion. In der Frankfurter Erklärung verweigerten die unterzeichnenden Ärzte jede Form der kriegsmedizinischen Fortbildung. Sie sahen es als ihre Pflicht an, die Bevölkerung darüber aufzuklären, dass die Folgen einer nuklearen Katastrophe medizinisch nicht zu beherrschen seien. Dieses Engagement wurde in der Ärzteschaft kontrovers diskutiert. In eine parteipolitische Ecke ließ sich Gottstein dabei aber nicht drängen, denn ihm ging es stets um die Sache. Ein „Mann mit Rückgrat“ – so kann man ihn treffend beschreiben. 1987 wurde er als Ordentliches Mitglied in den „Ausschuss Sanitätswesen im Katastrophen-, Zivilschutz und in der Bundeswehr“ berufen.

Als die IPPNW 1985 den Friedensnobelpreis erhielt, war auch Gottstein dabei. Er hielt unter anderem eine Dankesrede im Osloer Rathaus. Von 1987 bis 1993 war er Europäischer Vizepräsident der IPPNW, bis 1996 Mitglied des internationalen Direktoriums. In dieser Zeit führten ihn zahlreiche Reisen zu Gesprächen nach Moskau, Hiroshima und Nagasaki, später nach Ex-Jugoslawien und in den Irak. 1991 gründete er die „IPPNW-Kinderhilfe Irak“. Er selbst begleitete neunmal Transporte mit Nahrung und Medikamenten. Außerdem organisierte die Initiative die Unterbringung von dringend behandlungsbedürftigen irakischen Kindern in deutschen Kliniken.

Mit ärztlich-humanitärer Hilfe zum Frieden beitragen – dafür steht Gottstein wie kaum ein anderer in Deutschland. Dabei bezieht sich sein Anliegen nicht nur auf die Krisengebiete der Welt. Das belegt eindruckvoll sein Einsatz für die Palliativmedizin und die Hospizarbeit. Auch hier war er ein Mann der ersten Stunde. Dank seiner Initiative wurde bereits 1996 in Frankfurt am Main das Evangelische Hospital für Palliativmedizin mit 20 Betten eröffnet, damals die erste Einrichtung dieser Art in Hessen und die dritte in Deutschland. 2009 wurde die Palliativstation in das St. Markus Krankenhaus überführt und in den Räumlichkeiten des Hospitals entstand ein Jahr später das Evangelische Hospiz. Gottstein engagiert sich weiterhin als Ehrenvorstandsmitglied im Förderverein. Darüber hinaus ist er Gründungs- und bis heute aktives Mitglied der „Arbeitsgruppe Palliativmedizin“ der Landesärztekammer Hessen, aus der 2006 die Ständige Konferenz Palliativmedizin hervorging.

Auch als Kliniker und Wissenschaftler fand Gottstein große Beachtung. Er ist Gründungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Angiologie, war bis 1987 Vorstandsmitglied der Fachgesellschaft. Auf internationaler Ebene engagierte er sich ebenfalls für sein Fach, als Gründungsmitglied der International Society for Cerebral Circulation Research und der International Society for Cerebral Blood Flow and Metabolism. Sein Sachverstand wurde in der Ärzteschaft geschätzt. Von 1981 bis 1995 war er Ordentliches Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Zwanzig Jahre lang, von 1971 bis 1991, war er Fortbildungsbeauftragter der Bezirksärztekammer Frankfurt/Main und hielt alle vier Wochen sehr gut besuchte Veranstaltungen ab. Darüber hinaus sitzt er seit 1993 im Gesundheitsausschuss der Stadt Frankfurt am Main.

Für seine Verdienste erhielt Gottstein unzählige Auszeichnungen, darunter den Senckenberg-Wissenschaftspreis, die Ernst-von-Bergmann-Plakette, die Römerplakette in Silber der Stadt Frankfurt am Main, die Ehrenplakette der Landesärztekammer Hessen, die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main, die Fachbereichsplakette Medizin der Universität Frankfurt am Main und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. In vielen Organisationen und Fachgesellschaften ist er aktives Mitglied, außerdem Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Angiologie und der Medizinischen Akademie Serbiens.

Ulrich Gottstein ist ein „Überzeugungstäter“, und so ist er auch mit 84 Jahren den von ihm mitbegründeten Einrichtungen und Initiativen mit großem Engagement verbunden. Der Einsatz für Humanität ist für ihn eine Herzensangelegenheit – sei es nun als IPPNW-Ehrenvorstandsmitglied oder als engagierter Verfechter der Palliativmedizin. Darüber hinaus besucht er mit großem Interesse die Veranstaltungen der Frankfurter Medizinischen Gesellschaft und den Internistenkongress. Für seine Hobbys – klassische Konzerte und Bergwandern – bleibt ihm bei seiner Vielzahl an ehrenamtlichen Aufgaben nur wenig Zeit. Seit nunmehr 57 Jahren steht ihm seine Ehefrau Dr. med. Monika Gottstein zur Seite. Er hat sechs Kinder, darunter ein Arzt und eine Ärztin, und zwölf Enkel.

114. Deutscher Ärztetag in Kiel, 31. Mai 2011
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident