VI – 96 Stress am Arbeitsplatz macht krank

Entschließung

Auf Antrag von Herrn Dr. Pickerodt, Herrn Dr. Albrecht, Frau Kulike und Herrn Dr. Wyrwich MBA (Drucksache VI - 96) fasst der 115. Deutsche Ärztetag folgende Entschließung:

Chronischer psychischer Stress am Arbeitsplatz macht krank. Die Arbeitsbedingungen müssen sich ändern.

Der 115. Deutsche Ärztetag 2012 bittet den Vorstand der Bundesärztekammer, die Erkenntnisse über die gesundheitlichen Folgen krank machender Arbeitsbedingungen im Sinne ärztlicher Prävention verstärkt in die öffentliche Diskussion einzubringen, um Strukturänderungen zu erreichen.

Begründung:

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den beruflichen Stress zu "einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts" erklärt. Die Vereinten Nationen haben das Recht auf "Arbeit und angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen" als ein Menschenrecht deklariert (Artikel 23 der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" von 1948).

In der EU gibt es seit 2004 die "Sozialpartnervereinbarung psychosozialer Stress am Arbeitsplatz". Die meisten EU-Staaten - nicht jedoch Deutschland - haben gesetzliche Regelungen zum Schutz vor gesundheitsgefährdendem psychischem Stress am Arbeitsplatz eingeführt und mit den Risiken von Lärm, Licht, Vibration, Toxinen etc. gleichgestellt.

Nach Mitteilung des Arbeitsministeriums sind die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen seit 2001 von 33,6 Millionen auf 53,5 Millionen jährlich gestiegen. Der Anteil an allen krankheitsbedingten Fehltagen hat sich von 6,6 auf 13,1 Prozent verdoppelt.

Der Zusammenhang zwischen krank machender Arbeitssituation und psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen wird oft nicht erkannt oder geleugnet.

Zu krank machenden Arbeitsbedingungen und Arbeitsplatzstrukturen gehören u. .a: Arbeitsverdichtung, Zeit-, Konkurrenz- und Leistungsdruck, hohe Anforderungen bei geringem Einfluss auf den Arbeitsprozess, mangelnde Anerkennung durch Vorgesetzte, fehlende Gratifikation, Überforderung durch permanente Veränderungen ("Flexibilität"), kontinuierliche Überwachung und Kontrolle, unzureichende Entlohnung, prekäre Arbeitssituation bei Leiharbeit, Minijobs und "Aufstockern", befristete Arbeitsverträge, Angst vor Arbeitsplatzverlust, ungewisse Lebensplanung bei fehlender Existenzsicherung, Doppelbelastung durch Beruf, Familie und Pflege, Entgrenzung der Arbeit wegen ständiger Erreichbarkeit über Handy und E-Mail, Nacht- und Schichtarbeit, ungenügende Erholungsmöglichkeiten mit zu wenig Zeit für Familie und soziale Kontakte, Mobbing, Zwang zur Selbständigkeit ohne existenzsicherndes Einkommen und Selbstausbeutung.

Nicht nur Arbeitslosigkeit macht krank. Chronische Überforderung und chronischer Stress am Arbeitsplatz können zu psychischen oder psychosomatischen Krankheiten führen wie Depressionen, Angststörungen, Suchtkrankheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B Hypertonie und Herzinfarkt), Rückenschmerzen, Tinnitus sowie bisher nur als krankheitsauslösender Faktor und nicht als eigene Krankheit definierter Burnout.

Die Arbeitsmedizin muss sich neben ihren angestammten Aufgaben zunehmend den psychischen Problemen am Arbeitsplatz zuwenden. Arbeitsmediziner und Betriebsärzte haben als Dienstleister gegenüber der Arbeitgeberseite meist nur geringen Einfluss auf entscheidende Veränderung von krank machenden Arbeitsstrukturen. Erst ein notwendiges gesellschaftliches Umdenken mit sozialpolitischen Folgen, politischen Korrekturen und entsprechenden Gesetzen wird wieder humane und gesundheitsverträgliche Arbeitsbedingungen schaffen.

Die ärztliche und psychotherapeutische Hilfe für die betroffenen Patienten und entsprechende Präventionsmaßnahmen bleiben selbstverständlich die Aufgabe in der täglichen Praxis. Die Ärzteschaft hat aber auch eine präventive gesellschaftliche Verpflichtung. Die im Umgang mit den Patienten gewonnenen Erkenntnisse über krank machende Arbeitsbedingungen und die entsprechenden Forschungsergebnisse müssen in der Öffentlichkeit verständlich dargestellt werden. Die Ärzteschaft sollte den Dialog mit den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft, Gewerkschaften, Sozialverbänden und Medien suchen. Die Arbeitswelt muss sich wieder den Menschen anpassen, statt vorrangig Renditeerwartungen zu erfüllen.