Rede des Vizepräsident der Bundesärztekammer und Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, Dr. Max Kaplan, zur Eröffnung des 115. deutschen Ärztetages im Staatstheater Nürnberg/Opernhaus

Dr. Max Kaplan während der Eröffnung des 115. Deutschen Ärztetages 2012

 

(Es gilt das gesprochene Wort!)

Soeben hörten wir ein Klangspiel nach Motiven des „Fliegenden Holländers" von Richard Wagner. Ich möchte gleich die Gelegenheit wahrnehmen, den Musikern der Staatsphilharmonie Nürnberg, die uns hervorragend musikalisch eingestimmt haben und uns durch die Veranstaltung begleiten werden, herzlich zu danken.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Gäste!

Im Namen der Bayerischen Landesärztekammer und der Bundesärztekammer sowie auch ganz persönlich heiße ich Sie zum 115. Deutschen Ärztetag hier in der Frankenmetropole herzlich willkommen. Nach einer 33-jährigen Pause ist der Deutsche Ärztetag zum zweiten Mal zu Gast in Nürnberg.

In erster Linie gilt mein Gruß natürlich Ihnen, den 250 Delegierten aus den Landesärztekammern und Ihren Begleitungen aus dem privaten und dem beruflichen Kontext.

Wie in jedem Jahr haben wir heute zur Eröffnung und zum Teil auch für den gesamten Verlauf unserer viertägigen Beratungen die Ehre, zahlreiche Gäste bei uns zu haben, von denen ich einige ganz besonders und namentlich begrüßen möchte, was natürlich nicht bedeutet, dass, diejenigen die ich nicht ausdrücklich erwähnen kann, weniger herzlich willkommen wären.

Leider ist unser Bayerischer Ministerpräsident, Horst Seehofer, heute terminlich verhindert. Umso herzlicher heiße ich unseren Bayerischen Staatsminister für Umwelt und Gesundheit, Herrn Dr. Marcel Huber willkommen.

Als Gast aus der Berliner Politik begrüße ich unseren Bundesgesundheitsminister Herrn Daniel Bahr. Dies ist Ihr zweiter Deutscher Ärztetag und seit Kiel hat sich gesundheitspolitisch viel getan – ich bin gespannt auf Ihre anschließende Rede. Ich begrüße alle anwesenden Abgeordneten und Mitglieder des Europäischen Parlaments, des Deutschen Bundestages, des Bayerischen Landtags und der Landtage anderer Bundesländer, des Bezirks, des Landkreises und der Stadt Nürnberg und hier Herrn Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly, Vorsitzender des Bayerischen Städtetags. Ich freue mich auf Ihr Grußwort.

Ganz herzlich begrüße ich Prof. Dr. Dr. h. c. Karsten Vilmar, Ehrenpräsident der Bundesärztekammer und des Ärztetags sowie den diesjährigen Ehrenpräsidenten des 115. Deutschen Ärztetags, Dr. Hans Hege. Beide sind Träger der Paracelsusmedaille und an dieser Stelle begrüße ich alle weiteren anwesenden Träger der Paracelsusmedaille und schließe dabei die heute zu Ehrenden ausdrücklich mit ein.

Ein herzliches Willkommen gilt natürlich dem Präsidenten der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetags, Dr. Frank-Ulrich Montgomery und unserer Vizepräsidentin Dr. Martina Wenker. Lieber Monti, für Dich wie für uns im Präsidium ist dies der erste Deutscher Ärztetag im „Amt“. Ich wünsche Dir und uns allen für den Verlauf gutes Gelingen.

Herzlich grüße ich auch den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Köhler sowie den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), Dr. Wolfgang Krombholz.

Ich heiße willkommen den Präsidenten des Berufsverbandes der Freien Berufe, Dr. Rolf Koschorrek sowie die Präsidenten der befreundeten Heilberufekammern und ärztlicher und heilberuflicher Verbände.

Für die anwesenden Vertreter des Sanitätsdienstes der Bundeswehr begrüße ich stellvertretend Generalarzt Dr. Dirk Raphael[1]. Ihr ärztliches Engagement bei den zahlreichen Auslandseinsätzen gebietet hohen Respekt und Anerkennung.

Die deutsche Ärzteschaft engagiert sich seit jeher in internationalen Gremien. Sie nimmt so Einfluss auf die globalen Entwicklungen und Diskussionen, die unseren Beruf in Europa und weltweit prägen. Daher freut es mich ganz besonders, dass viele internationale Kolleginnen und Kollegen unserer Einladung gefolgt sind und den deutschen Ärztetag hier in Nürnberg nutzen, um über unsere und Ihre Probleme zu diskutieren.

Besonders herzlich begrüße ich unsere Kolleginnen und Kollegen, die aus allen Teilen Europas angereist sind. Erlauben Sie mir, dass ich aufgrund seines Amtes aus diesem Kreis stellvertretend für alle europäischen Ehrengäste den Präsidenten des Ständigen Ausschusses der Europäischen Ärzte, CPME[2], Dr. Konstanty Radziwill aus Polen besonders erwähne.
Wir freuen uns außerdem sehr, über die Teilnahme der Generalsekretärin des Israelischen Ärzteverbandes, Frau Leah Wapner. Einen weiten Weg hat der Präsident der American Medical Association hinter sich: Herzlich willkommen Dr. Peter Carmel. Ich heiße alle internationalen Ehrengäste in Nürnberg willkommen.

Und last but not least begrüße ich ganz besonders meine Kolleginnen und Kollegen im Vorstand der Bundesärztekammer sowie im Vorstand der Bayerischen Landesärztekammer. Allen ein herzliches Grüß Gott in Bayern!

Die Probleme im Gesundheitswesen zeichnen sich eigentlich seit Bundesarbeitsminister Herbert Ehrenberg[3], in dessen Ressort die Gesundheitspolitik damals verortet war, seit 30 Jahren mehr oder weniger unverändert ab, haben aber aufgrund der demographischen Entwicklung und der knapper werdenden humanen und finanziellen Ressourcen an Bedeutung enorm zugenommen. Unsere Gesundheitspolitiker versuchten dieser Entwicklung fast ausschließlich mit Kostendämpfungsmaßnahmen zu begegnen, mussten aber feststellen, dass die einzel­nen gesetzlichen Maßnahmen nur eine kurze Halbwertszeit aufwiesen, sodass ein Reformgesetz das andere jagte. Allein die unglaubliche Zahl von 20 Gesetzen in den vergangenen 30 Jahren ist der Beweis, dass versucht wurde, durch „Reförmchen“ an einzelnen Stellschrauben des Sys­tems zu drehen. Der Mut das System zu hinterfragen oder gar in Frage zu stellen war jedoch nicht vorhanden. All diese Reformen haben jedoch zu einem schleichenden Kulturwandel im System beigetragen, der alle Bereiche unseres Gesundheitswesens erfasst hat. Diese Gesundheitsreformen haben meine, unsere Generation geprägt, unser gesamtes Berufsleben begleitet und uns in der Professionalität und ich nehme es vorweg – in unserer Deprofessionalisierung – determiniert. Dies betrifft sowohl die Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis, das vertrauensvolle Patien­ten-Arzt-Verhältnis, den Berufsalltag und dadurch insbesondere auch die Bereitschaft in der Patientenversorgung zu arbeiten und sich niederzulassen.

Die Kette dieser mehr als zwanzig Reformgesetze, die sich fast ausschließlich nur der Finanzierungsproblematik widmeten, deren Aufzählung ich Ihnen erspare, wurde nun durch das GKV-Versorgungsstrukturgesetz (VStG)[4] durchbrochen. Dieses Gesetz versucht jetzt in die Versorgungsstrukturen einzu­greifen, mit dem Ziel, dem Nachwuchsmangel im Gesundheitswesen, welcher ja nicht nur die Ärzteschaft betrifft, zu begegnen und neue Versorgungsformen zu ermögli­chen. Ich möchte aber nicht verschweigen, dass mit diesem VStG nicht alle Ärztinnen und Ärzte zufrieden sind. Die Fachärzte haben vor allem ein Problem mit dem § 116b SGB V, die Hausärzte mit dem § 73b SGB V neu und die Krankenhäuser und mit ihnen die Krankenhausärztinnen und -ärzte sehen sich schlichtweg vergessen! Berufsverbände, die Deutsche Krankenhausgesellschaft aber auch KBV und Bundesärztekammer ha­ben in aller Deutlichkeit auf die Kritikpunkte hingewiesen. Dennoch müssen wir die Chancen, die dieses Gesetz uns bietet, wahrnehmen und die Umsetzung konstruktiv angehen. Chancen sehe ich in der neuen Bedarfsplanung, in der sektorenübergreifenden Versorgung, in der Vernetzung und in der Schaffung neuer kooperativer Versorgungsstrukturen – sowohl interdisziplinär als auch interprofessionell. Zugegebenermaßen eine große Herausforderung, dennoch aber eine Perspektive sowohl für uns Ärztinnen und Ärzte im System, als auch insbesondere für unsere jungen Kolleginnen und Kolle­gen, die sich zurzeit noch in Aus- und Weiterbildung befinden. Auch haben wir den Mut, die Finanzierungsfrage auf diesem Ärztetag offen zu diskutieren – und zwar unter der Prämisse, die Finanzierung des medizinischen Fortschritts im solidarisch finanzierten Gesundheitssystem, durchaus unter wettbewerblichen Bedingungen, auch künftig sicherzustellen.

Keine leichte Aufgabe, werden doch täglich in den Medien der Mangel der Ressourcen bzw. die Grenzen der medizinischen Möglichkeiten, gerade unter dem Gesichtspunkt des demographischen Wandels in unserer Gesellschaft, erörtert.

Die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme wird – uns das zu recht -  prob­lematisiert und die Zukunft von GKV und PKV thematisiert. Diskutiert wird über Priorisierung, Rationierung, Leistungsbeschränkung und weiterer Rationalisierung, Effizienzsteigerung bzw. Abbau von Über-, Unter- und Fehlversorgung sowie der Notwendigkeit einer genaueren Allokation von Leistungen.

Unser Ziel muss es sein, eine am Versorgungsbedarf der Patien­tinnen und Patienten orientierte Gesundheitsversorgung zu leisten. Hierbei werden gerade wir als Ärztinnen und Ärzte auch ethische Belange nicht aus den Augen verlieren. Die Prinzi­pien der Menschenwürde, der Gerechtigkeit, der Solidarität und der Subsidiarität, die auch die Grundpfeiler des jetzigen Gesundheitssystems ausmachen, müssen bei künftigen Lö­sungen weiterhin eine zentrale Bedeutung einnehmen.

Schauen wir positiv nach vorne und sehen wir in dem Licht am Ende des Tunnels nicht den entgegenkommenden Zug! Gehen wir mit Elan die gesamte Spannbreite unserer Themen, von der Finanzierungsproblematik bis zur Modernisierung der Versorgungsstruktur, an. Ich freue mich jetzt auf die Grußworte sowie auf die Ansprachen unseres Gesundheitsministers Daniel Bahr und unseres Präsidenten Dr. Frank-Ulrich Montgomery und insbesondere auf die Diskussion mit Ihnen in den nächsten vier Tagen hier in Nürnberg.

Ich heiße Sie nochmals herzlich willkommen in Bayern. Ich hoffe, dass Sie den 115. Deutschen Ärzte­tag in Nürnberg positiv in Erinnerung behalten. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!



 

[1] Der Führungsstab des Sanitätsdienstes (Fü San) ist die dem Inspekteur des Sanitätsdienstes unterstellte Abteilung im Bundesverteidigungsministerium (BMVg), die für die Führung des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr zuständig ist. Stabsabteilungsleiter II – Sanitätswesen: Generalarzt Dr. Dirk Raphael.

 

 

 

[2] Comite Permanent Des Medecins Europeens - CPME - Standing Committee Of European Doctors

 

 

 

[3] DER SPIEGEL 11/1981 - Ideologisch verdächtig

 

 

 

[4] auch das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz (VÄndG) war ein Strukturänderungsgesetz