Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Hansjörg Melchior

Urkunde zur Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft für Prof. Dr. med. Hansjörg Melchior [PDF]

Prof. Dr. med. Hansjörg Melchior erhält die Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft auf dem 118. Deutschen Ärztetag 2015 in Frankfurt am Main

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Hansjörg Melchior einen Arzt, der sich Zeit seines Lebens in außergewöhnlicher Weise für eine bessere Versorgung urologisch erkrankter Patienten eingesetzt hat. So hat er unter anderem maßgeblich dazu beigetragen, das Thema Inkontinenz aus der Tabuzone zu holen. Als Chefarzt der Klinik für Urologie der Städtischen Kliniken Kassel, dem heutigen Klinikum Kassel GmbH, war er fast drei Jahrzehnte lang mit vollem Einsatz für seine Patienten und Mitarbeiter da. Seinem großen wissenschaftlichen und berufsständischen Engagement in zahlreichen Fachgesellschaften, die er größtenteils mitgegründet hat, ist es zu verdanken, dass die Urologie den Platz innerhalb der Fachgruppen einnimmt, der ihr gebührt. Mit Eintritt in den Ruhestand hat er die „Kasseler Gesundheitstage“ ins Leben gerufen, deren wissenschaftlicher Leiter er bis heute ist. Hansjörg Melchior hat sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung, die Ärzteschaft und, durch seine hohes soziales und kulturelles Engagement, um das Gemeinwohl in hervorragender Weise verdient gemacht.

Hansjörg Melchior wurde am 8. Juli 1937 als erstes von vier Kindern des Kinderarztes Dr. med. Paul Melchior und seiner Ehefrau Ruth in Kassel geboren. Er besuchte das altsprachliche Friedrichsgymnasium in Kassel, das er 1957 mit dem Abitur abschloss. Danach studierte er zunächst fünf Semester Physik an der Philipps-Universität in Marburg an der Lahn, entschied sich aber dann doch für die Medizin. Hier konnte er sein naturwissenschaftliches Interesse mit dem am Menschen verbinden. Einfluss hatten dabei auch die vielen Ärzte in seiner Familie. 1963 heiratet er seine Frau Karin, mit der er vor zwei Jahren Goldene Hochzeit feiern konnte. Die beiden haben drei Söhne, von denen der mittlere, Dr. med. Andres Melchior, in die Fußstapfen seines Vaters trat und als Urologe in Halle an der Saale niedergelassen ist. Das Studium der Medizin schloss Hansjoerg Melchior 1966 mit der Promotion zum Dr. med. in Marburg ab.

Für seine Weiterbildung zum Facharzt der Urologie zog es ihn 1968 an die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) nach Aachen. Diese damals erste medizinische Fakultät an einer technischen Hochschule begeisterte ihn sehr, insbesondere der Kontakt zu den Ingenieuren. Hier fand sein großes naturwissenschaftliches Interesse Nachhall. Die Idee für den Arbeitskreis „Urologische Funktionsdiagnostik“, den er dann 1977 initiierte und 25 Jahre geleitet hat, ist in dieser Zeit entstanden. 1972 erwarb er den Facharzt für Urologie; es folgten unmittelbar die Habilitation und die Ernennung zum leitenden Oberarzt der Abteilung Urologie der Klinischen Anstalten der RWTH. Drei Jahre später wurde Melchior dort zum außerplanmäßigen Professor für Urologie ernannt.

Die Zeit in Aachen bezeichnet Melchior im Rückblick als die prägendste Zeit in seinem Leben. Hier lernte er auch den Industriellen und Kunstmäzen Prof. Peter Ludwig kennen, nach dem viele Kunstmuseen weltweit benannt sind. Die beiden verbindet eine innige Freundschaft, und hier begann auch Melchiors Leidenschaft für die zeitgenössische Kunst, die ihn seit dieser Zeit begleitet.

Auch aufgrund seiner starken Verbundenheit zu seiner Heimatstadt Kassel entschied er sich 1977 dorthin zurückzukehren, und zwar als Chefarzt der Klinik für Urologie der Städtischen Kliniken Kassel, dem heutigen Klinikum Kassel GmbH. 27 Jahre lang stand er der Klinik für Urologie vor; von 1984 bis 1991 war er zudem Mitglied des Ärztlichen Direktoriums des Klinikums Kassel und von 1986 bis 1988 auch Ärztlicher Direktor. Dabei war ihm neben einer exzellenten Patientenversorgung immer das harmonische Miteinander seiner Mitarbeiter in der Klinik wichtig. Die Apparatemedizin hat er nie in den Mittelpunkt gestellt. Stets ging es ihm vor allem darum, die neuesten Erkenntnisse aus Lehre, Forschung und klinischer Praxis konkret und zukunftsgerichtet für die Behandlungs- und Heilungsmöglichkeiten urologisch erkrankter Menschen zu erschließen und zu verbreiten. 1982 wurde er zudem Honorarprofessor an der Philipps-Universität in Marburg an der Lahn.

Als engagierter Mediziner, für den der Beruf stets auch Berufung war, war es selbstverständlich, die hauptamtliche Tätigkeit durch ehrenamtliches Wirken zu vervollkommnen, zu komplettieren und zu erweitern. Das eindrucksvolle Spektrum sowie die Fülle der medizinischen Ehrenämter, die er für viele Jahre innehatte, legen beredtes Zeugnis ab von dem außergewöhnlich starken berufsständigen Engagement.

1977 gründete Hansjörg Melchior den Arbeitskreis „Urologische Funktionsdiagnostik und Urologie der Frau“ der Deutschen Urologen, dessen Ehrenvorsitzender er bis heute ist. Von 1980 bis 2012 war er Leiter der Sektion Urologie der Akademie für ärztliche Fort- und Weiterbildung der Landesärztekammer Hessen. 1981 wurde er Gründungsvorsitzender der Gesellschaft für Inkontinenzhilfe e. V., einem Verein, der durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit die Inkontinenz aus der Tabuzone befreien wollte. 1982 gründete er den Arbeitskreis der leitenden Krankenhausurologen, dessen Vorsitzender er bis 1997 blieb. In das Jahr 1987 fällt die Gründung der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft. 1990 gründete er die Vereinigung der Mitteldeutschen Urologen. 1991 wurde er Mitglied des Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Urologie und in den beiden darauffolgenden Jahren auch deren Präsident. 1993 gründete er die Föderation operativer medizinisch-wissenschaftlicher Fachgesellschaften mit, deren Vorsitz er von 1996 bis 2005 übernahm. 2000 wurde er Ehrenmitglied der Polnischen Gesellschaft für Urologie, zum Dank für seinen Einsatz um den wissenschaftlichen Austausch vor Öffnung des sogenannten Eisernen Vorhangs und die Förderung des urologischen Nachwuchses in den osteuropäischen Nachbarländern nach 1990. Melchior ist bis heute außerdem Mitglied in zahlreichen internationalen medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften.

Hansjörg Melchior beendete 2003 seine beachtliche aktive berufliche Laufbahn am Klinikum Kassel. Nach einer arbeitsreichen und erfüllten Zeit ist für die meisten Menschen der Zeitpunkt gekommen, den wohlverdienten Ruhestand zu genießen und mit mehr Zeit und Muße den persönlichen Interessen und Hobbys nachzugehen. Nicht so bei ihm. Noch im selben Jahr rief er die „Kasseler Gesundheitstage“ ins Leben, als deren wissenschaftlicher Leiter er bis heute verantwortlich zeichnet. Diese Informationsveranstaltung mit jährlich mehr als 10.000 Besuchern – Bürger und Fachbesucher – präsentiert die Leistungsfähigkeit der Gesundheitswirtschaft in Nordhessen und ist zum Modell für ähnliche Ansätze in ganz Deutschland geworden. 2003 gründete er zudem den Maximilian-Nitze-Kreis der Deutschen Urologen und übernimmt den Vorsitz. Außerdem wurde er Mitglied des erweiterten Präsidiums der Arbeitsgemeinschaft der Medizinisch-Wissenschaftlichen Fachgesellschaften (AWMF). In der Landesärztekammer Hessen ist er seit 2008 Mitglied der Delegiertenkonferenz, seit 2012 Mitglied der Satzungskommission und des Zertifizierungsausschusses.

Die zeitgenössische Kunst spielte immer eine wesentliche Rolle im Leben des Kunstsammlers Hansjörg Melchior. Die Stadt Kassel profitierte von seinem großen Engagement: Von 1977 bis 1998 leitete er das documenta forum und von 1987 bis 1997 war er auch Vorsitzender der documenta Foundation, die sich zunächst um das Einwerben von Geldern für die Weltkunstausstellung einsetzte und dann Ankaufsmittel für ausgewählte documenta-Werke bereitstellte. Er hat ganz wesentlich dazu beigetragen, die documenta-Idee in Kassel zu verankern und das Bürgerengagement für sie zu stärken.

Darüber hinaus hat Hansjörg Melchior den Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ initiiert, der seit 1990 jährlich an Persönlichkeiten oder Institutionen verliehen wird, die sich um die Ideale der Aufklärung, die Überwindung ideologischer Schranken und die Beförderung von Vernunft und Toleranz verdient gemacht haben. Unter den Preisträgern waren seither unter vielen anderen der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude, Bundespräsident Joachim Gauck und in diesem Jahr der israelische Diplomat Avi Primor. Seither ist Melchior Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer dieses Bürgerpreises.

Für seine hervorragenden Verdienste verlieh ihm die Stadt Kassel 2003 die Ehrennadel der Stadt sowie 2009 den Wappenring der Stadt Kassel, mit dem Personen ausgezeichnet werden, die sich besonders auf dem Gebiet der Kunst und Kultur engagiert haben. Nicht zuletzt wurde ihm im selben Jahr das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen, als Dank von Politik und Gesellschaft für „außergewöhnlich vielfältige und dauerhafte Beiträge, die er seit drei Jahrzehnten für Initiativen und Entwicklungen auf vielen Feldern des kulturellen Lebens geleistet hat“.

Er setzt sich auch mit großer Leidenschaft für gemeinnützige Projekte beim Rotary Club Kassel ein, dessen Präsident er in den Jahren 1996 und 1997 war. 2008 wurde er in das Amt des Govenors des Distriktes 1820 gewählt, das mit einer Vielzahl sozialer, kultureller und internationaler Aufgaben einhergeht. Rotary bildet ein weltweit aktives, sozial engagiertes Netzwerk. Der Wahlspruch der Rotarier lautet: Service above self, was man mit „selbstloses Dienen“ übersetzen kann.

Hansjörg Melchior kann mit 77 Jahren auf ein wahrlich ausgefülltes Leben zurückblicken. Er hat sich von der Medizin verabschiedet, ist aber als wissenschaftlicher Leiter der Kasseler Gesundheitstage immer noch dem Gesundheitswesen verbunden. In seiner Freizeit spielt er gerne Golf, geht ins Theater oder in die Oper. Als Kunstsammler widmet er sich mit großer Freude der zeitgenössischen Kunst, zusammen mit seiner Ehefrau Karin, die eine Galerie für zeitgenössische Kunst in Kassel betreibt.

118. Deutscher Ärztetag in Frankfurt am Main, 12. Mai 2015
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident