Laudatio zur Verleihung der Paracelsus-Medaille an Prof. Dr. med. Waltraut Kruse

Urkunde zur Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft für Prof. Dr. med. Waltraut Kruse [PDF]

Prof. Dr. med. Waltraut Kruse erhält die Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft auf dem 118. Deutschen Ärztetag am 12.05.2015 in Frankfurt am Main

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Waltraut Kruse eine Ärztin, die sich Zeit ihres Lebens für das Fach Allgemeinmedizin, für die Psychotherapie sowie für die Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten in unermüdlicher Weise eingesetzt hat. Dabei war ihr auch die Förderung junger Frauen im ärztlichen Beruf immer ein besonderes Anliegen, das auch durch die höchste Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft gewürdigt wird. Seit 1952 ist Frau Professor Kruse die sechzehnte Frau, der die Paracelsus-Medaille verliehen wird.

In den 1970er Jahren setzte sie sich als Leiterin des Lehrgebiets Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen vorbildlich dafür ein, die Familienmedizin, Suchtprophylaxe und Prävention im Kindes- und Jugendalter in die Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte zu integrieren. Ihr ist es maßgeblich zu verdanken, dass das Curriculum „Psychosomatische Grundversorgung“ Eingang in die haus- und fachärztliche Versorgung fand, um Patienten mit psychischen und psychosomatischen Störungen zu diagnostizieren und versorgen zu können.
Waltraud Kruse hat sich mit ihrer ärztlichen Arbeit und später auch als Bürgermeisterin der Stadt Aachen um die ärztliche Versorgung der Bevölkerung, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.

Maria Christina Waltraut Susanne Kruse wurde am 12. März 1925 als Ältestes von insgesamt sieben Kindern in Walheim, Landkreis Aachen in Nordrhein-Westfalen, als Tochter von Elisabeth und Theodor Ebbertz geboren. Ihr Vater war Kaufmann, und ihre Mutter versorgte die große Familie. Bis 1972 war sie für den ersten Nachkriegsstadtrat Stadträtin in Aachen. Waltraut Kruse und drei ihrer Geschwister ergriffen später den Arztberuf. Der frühe Tod ihres damals sechsjährigen kleinen Bruders, der innerhalb weniger Wochen an Nierenkrebs verstarb, war der Auslöser für ihren späteren Berufswunsch der Ärztin.

Waltraut Kruse besuchte das Mädchengymnasium der Ursulinen in Aachen und legte dort 1943 ihr Abitur ab. Nach dem Abitur wurde sie wegen Krankheit vom Arbeitsdienst freigestellt, musste aber dann, um ein Hochschulstudium absolvieren zu können, studentischen Ausgleichsdienst auf einem Landgut der Ostseeinsel Rügen leisten. Die Arbeiten in der Landwirtschaft dort verfestigten den Wunsch, Landärztin zu werden, und sie begann das Medizinstudium in Danzig. Die Studienzeit war nur von kurzer Dauer, da Danzig inzwischen in das Kriegsgeschehen eingebunden war und sie als Rot-Kreuz-Helferin einberufen wurde, zunächst in den Raum Posen im heutigen Polen, zum Ende des Krieges dann in das rheinische Siegburg. Diese Arbeit hat ihren Wunsch Ärztin zu werden, noch einmal bestärkt.

Nach Kriegsende erhielt Waltraut Kruse einen Studienplatz an der Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt am Main. Mit dem Staatsexamen und der Dissertation „Die Pest in Aachen und im angrenzenden Rheinland“ bei Prof. Schloßberger schloss sie ihr Studium ab.

1949 heiratete sie den Landarzt Dr. med. Herbert Kruse. Sie bekamen vier Söhne in den Jahren 1951 bis 1955. Fast zeitgleich begann sie ihre Ausbildung als Medizinalassistentin, zunächst in der Geburtshilflichen Klinik Mariannen-Institut Aachen. Zur damaligen Zeit gab es keinen Mutterschutz, keine finanzielle Unterstützung und auch keine Erziehungszeiten. Alle vier Söhne sind heute im Medizinbereich tätig.

Nach Assistentenzeit und berufsbegleitender Weiterbildung ließ sie sich als Fachärztin für Allgemeinmedizin 1971 in der Landarztpraxis ihres Ehemannes in Aachen-Walheim nieder, die die beiden dann als Gemeinschaftspraxis weiterführten. Im Alter von 62 Jahren starb Dr. Herbert Kruse, und Sohn Dr. Thomas Kruse führte die hausärztliche Praxis seines Vaters weiter. Waltraut Kruse erwarb die Zusatzqualifikation „Psychotherapie“ nach entsprechender Weiterbildung, sodass die Praxis als Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin und Psychotherapie weitergeführt wurde. In jener Zeit war eine Weiterbildung in Psychotherapie selten. „Man braucht grundlegendes psychosomatisches und psychotherapeutisches Wissen für den hausärztlichen Bereich“, begründete Kruse ihre Wahl. Einer ihrer Tätigkeitsschwerpunkte war die Fortentwicklung des autogenen Trainings bei der Behandlung psychosomatischer Störungen im Kindes- und Jugendalter.

Im Jahr 1976 wurde Kruse mit der Leitung des Lehrgebietes Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen betraut. Aachen zählte damals zu den wenigen Fakultäten, die die Allgemeinmedizin als Lehrfach anboten. Sieben Jahre später wurde Kruse dort wegen ihres Engagements und ihrer hohen Fachkompetenz zur Honorarprofessorin ernannt. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Hochschullehrertätigkeit war die Betreuung von Doktoranden und die intensive Unterstützung für das hausärztliche Fachgebiet. Die Suchtprophylaxe, die Familienmedizin und die Prävention im Kindes- und Jugendalter trieb sie ebenfalls voran. Sie hatte einen entscheidenden Anteil an der Einführung und Entwicklung dieser Bereiche in der Ausbildung der angehenden Ärzte an der Fakultät. Für ihre Verdienste in Lehre und Forschung wurde sie im Jahr 2002 zur Ehrenbürgerin der RWTH Aachen ernannt.

Unter ihrem Vorsitz wurde auch das Curriculum „Psychosomatische Grundversorgung“ des gleichnamigen Arbeitskreises des Ausschusses „Qualitätssicherung ärztlicher Berufsausübung“ der Bundesärztekammer erarbeitet, das heute maßgeblichen Einfluss auf die haus- und fachärztliche Versorgung hat.

Ebenfalls 1976 gründete Waltraut Kruse gemeinsam mit Prof. Dr. Reinhard Lohmann (Köln) und Dr. Ingeborg von Plotho (Bonn) und mit Unterstützung der Ärztekammer Nordrhein und des Universitätsklinikums Aachen das Westdeutsche Psychotherapieseminar Aachen, das seitdem jährlich mit einem definierten Themenkomplex stattfindet. Auch nach dem Tod der Gründungsmitglieder blieb Kruse trotz ihres fortgeschrittenen Alters zusammen mit nachfolgenden Hochschullehrern und Dozenten federführend bei der Durchführung des Kongresses tätig. Ihrem großen Engagement ist es zu verdanken, dass Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland an dem mehrtätigen Kongress teilnahmen. Heute ist sie dessen Ehrenvorsitzende.

Beeinflusst durch ihre Mutter, die selbst 17 Jahre lang dem Rat der Stadt Aachen angehört hatte, und auf Wunsch ihrer Patienten, entschied sich Waltraut Kruse Anfang der 1970er Jahre für ein politisches Amt. 1975 gelang ihr bei der Kommunalwahl der Sprung in den Stadtrat und 1979 wurde sie als erste Frau in Aachen zur Bürgermeisterin gewählt und blieb dann nach einer Wiederwahl für weitere zehn Jahre im Amt. Nach ihrem Rückzug aus dem Rat der Stadt Aachen wurde Waltraut Kruse am 24. März 1995 für ihre langjährigen politischen Verdienste mit dem Goldenen Ehrenring der Stadt Aachen ausgezeichnet.

„Hausarzt zu sein bedeutet auch, politisch tätig zu sein. So konnte ich nicht nein sagen, als die Politik an mich heran trat“, erinnert sich Kruse. Über fast drei Jahrzehnte war sie Hausärztin, Hochschullehrerin und Politikerin – Aufgaben, die sie sehr forderten. „In die Zeit meiner Bürgermeistertätigkeit fielen zudem Krankheit und Tod meines ersten Mannes, der Tod meiner Eltern, die berufliche Orientierung meiner Kinder, alle Hochzeiten, Taufen und das Heranwachsen von sieben Enkeln“, erzählt sie. Sie hat alles mit Bravour gemeistert, auch weil es ihr immer Spaß gemacht hat, sich für andere einzusetzen.

Neben diesen vielfältigen Verpflichtungen übernahm Waltraut Kruse zusätzlich zahlreiche ehrenamtliche Aufgaben als Mitglied oder Vorsitzende verschiedener Fachorganisationen. So war sie von 1977 bis 2001 gewähltes Mitglied der Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein, Fachprüferin für das Fach Allgemeinmedizin der Ärztekammer, seit 1989 erste Vorsitzende der Vereinigung der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin. Sie gründete die Gesellschaft zur Förderung der Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen e. V. und war dort über viele Jahre Vorsitzende. Darüber hinaus war Kruse Fachredakteurin in der wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblatts in Köln.

Sie war außerdem über acht Jahre Mitglied der Sachverständigenkommission des Instituts für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen im Rahmen der schriftlichen Prüfungen (IMPP), Vorstandsmitglied des Deutschen Kongresses für ärztliche Fortbildung in Berlin, Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für ärztliche Hypnose und autogenes Training, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats (Frauenpolitik) im Bundesgesundheitsministerium sowie Mitglied des Ausschusses „Psychosomatik, Psychotherapie und Psychiatrie“ der Bundesärztekammer.

Für ihren unermüdlichen Einsatz im ärztlichen und politischen Bereich erhielt Waltraud Kruse eine Reihe von Auszeichnungen und Ehrungen. 1985 wurde ihr vom Deutschen Hartmannbund die Gerhard-Jungman-Medaille verliehen, 1986 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, für ihre Verdienste um die Allgemeinmedizin erhielt sie 1990 die Hippokrates-Medaille, im Jahr 2000 wurde ihr der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen und schließlich erhielt sie die Johannes-Weyer-Medaille der nordrheinischen Ärzteschaft, die für besondere Verdienste um die medizinische Wissenschaft oder vorbildliche ärztliche Haltung verliehen wird.

Waltraut Kruse kann mit 90 Jahren auf ein langes Leben und ein in jeder Hinsicht bemerkenswertes Lebenswerk zurückblicken. Sie ist nach wie vor in der Gemeinschaftspraxis mit ihrem Sohn in Aachen-Walheim für ihre Patienten da und möchte dies weitermachen, so lange sie bei guter Gesundheit ist. Waltraut Kruse hält es mit Theodor Fontanes Lebenszitat: „Und sollt ich noch einmal die Tage beginnen, ich würde denselben Faden spinnen.“

118. Deutscher Ärztetag in Frankfurt am Main, 12. Mai 2015
Vorstand der Bundesärztekammer
Präsident