15. Wohnungslosigkeit

Auf Antrag von Prof.Dr. Mausbach (Drucksache I-20) faßt der 101. Deutsche Ärztetag folgende Entschließung:

Wohnungslosigkeit und Gefährdung durch Krankheit

In Fortführung und praktischer Umsetzung der auf dem 99. Deutschen Ärztetag 1996 in Köln verabschiedeten Entschließung ("Als Ärztinnen und Ärzte kann es uns nicht unbeteiligt lassen, daß in den letzten Jahren in Deutschland neue soziale Not und neue Armut entstanden sind. Mehr als 5 Millionen Sozialhilfeempfänger. Hohe Dauerarbeitslosigkeit und steigende Obdachlosigkeit. Über den Zusammenhang von Krankheit und sozialer Lage gibt es gesicherte Erkenntnisse. Kranke, Behinderte und sozial Schwache brauchen besonders den Schutz der Sozialversicherung. Weitere Einschnitte in das bewährte System der Krankenversicherung, ausufernde Selbstbeteiligung und weiteren Sozialabbau in anderen Bereichen lehnen wir deshalb ab.") tritt der diesjährige Ärztetag für konkrete medizinische Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungssituation wohnungsloser Menschen ein. Wohnungslose Menschen benötigen ihre besondere Situation berücksichtigende Hilfsangebote. Diese speziellen Hilfsangebote stellen allerdings keinen Ersatz für die medizinische Normalversorgung dar. Der Anspruch der Reintegration ins medizinische "Normalversorgungssystem" ist wesentlicher Bestandteil dieses zusätzlichen Hilfsangebots.

Folgende Maßnahmen sind hierbei von Bedeutung:

Akute medizinische Versorgungsmöglichkeiten "vor Ort", d.h. an den Treffpunkten und institutionellen Einrichtungen, an denen sich Wohnungslose in der Regel aufhalten, eingebettet in ein interdisziplinär angelegtes Versorgungskonzept (Zusammenarbeit von Medizin und sozialer Arbeit) unter Einbeziehung sozialpsychiatrischer Dienste.

Konkret bedeutet dies:

  • Aufbau und landesweites Angebot niederschwellig angelegter medizinischer Sprechstunden für Wohnungslose, in enger Zusammenarbeit mit Vertretern der örtlichen Wohnungslosenhilfe.
  • Ausbau und finanzielle sowie sozialadministrative Unterstützung bestehender medizinischer und pflegerischer Hilfsangebote durch die öffentliche Hand.
  • Aufbau und Förderung mobiler Sanitätsstationen (fahrende Ambulanzen), in denen eine aufsuchende medizinische Tätigkeit praktiziert wird ("medical street work").
  • Die ärztliche Versorgung alleinstehender Wohnungsloser muß im Rahmen des Sicherstellungsauftrags gewährleistet und durch Mittel der Öffentlichen Hand unterstützt werden.
  • Förderung spezieller Pflegeeinrichtungen in Wohnheimen für Wohnungslose, besonders für schwerst-pflegebedürftige Wohnungslose, wenn nötig auch spezielle Krankenwohnungen.
  • Zusammenarbeit mit und Aufklärung von regional ansässigen institutionellen Gesundheitversorgungseinrichtungen, z. B. Krankenhäusern, Gesundheitsämtern, Beratungsstellen und Arztpraxen. Hierbei sollte die intensive Kooperation insbesondere durch die Gesundheitsämter koordiniert werden.
  • Aufbau dieser Versorgungstruktur mit dem ausdrücklichen Ziel der Integration bzw. Reintegration der medizinischen Betreuung und Versorgung alleinstehender Wohnungsloser in das allgemein zugängige Gesundheitssystem.

Begründung:

Wohnungslosigkeit und Armut nehmen weiter zu, wie die jüngsten Statistiken der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) ergeben. Gleichzeitig hat der Deutsche Mieterbund festgestellt, daß etwa 2,5 Millionen Wohnungen fehlen, 15% der Haushalte auf dem freien Wohnungsmarkt keine freie Wohnung finden oder bezahlen können und mindestens 5 Millionen Sozialwohnungen benötigt werden.

Nach neuen wissenschaftlichen Untersuchungen leben ca. 13% der Bevölkerung in Armut. Als Extremform von Armut muß die Lebenssituation alleinstehender Wohnungsloser Menschen angesehen werden. In einer gemeinsamen Erklärung der katholischen und evangelischen Kirche wird der Verlust der eigenen Wohnung als eine der schlimmsten Auswirkungen von Armut bezeichnet. Im Jahre 1997 lebten ca. 860.000 Menschen ohne Wohnung in Deutschland. 200.000 dieser Betroffenen werden zu den alleinstehenden Wohnungslosen (Landstreicher, Nichtseßhafte, Berber) gezählt. Der Frauenanteil liegt bei ca. 20% und steigt an. Ebenso steigt der Anteil Jugendlicher und Kinder sowie wohnungsloser Menschen in den neuen Bundesländern. Ca. 40.000 bis 50.000 Menschen leben ständig auf der Straße ohne jegliche Unterkunft.

Die neuesten wissenschaftlichen Studien zur Gesundheitssituation wohnungsloser Menschen bestätigen einen hohen Krankenstand (90% sind dringend behandlungsbedürftig) und eine unzureichende medizinische Versorgung.

Diese veränderte soziale Situation mit Zunahme von Armut und Wohnungslosigkeit in Deutschland verlangt eine sachbezogene Modifikation der medizinischen Versorgung. Nach Untersuchung von Fachleuten, die in diesem Bereich arbeiten und nach wissenschaftlichen Untersuchungen muß derzeit von einer Inkompatibilität zwischen Patientenbedürfnisse und bisher vorhandenen medizinischen Hilfsangeboten gesprochen werden. Eine Neuorientierung und Ergänzung der vorhandenen Versorgungsstruktur in Richtung auf eine adäquate medizinische Versorgung der betroffenden Menschen ist dringend notwendig.