Drogen

Neue Wege bei der Drogen- und Suchtbekämpfung

Auf Antrag des Vorstandes der Bundesärztekammer (Drucksache IV-2) faßt der 102. Deutsche Ärztetag folgende Entschließung:

Der 102. Deutsche Ärztetag begrüßt die verstärkten Bemühungen der Regierungskoalition in der Drogen- und Suchtbekämpfung. Diese sollten folgende Kriterien erfüllen:

  • ursachenorientierte Prävention,
  • ausreichende Finanzierung der komplexen Versorgung und
  • flächendeckende, an den Versorgungsnotwendigkeiten des Patienten ausgerichtete Behandlung und psychosoziale Betreuung.

In Deutschland gibt es 4,9 Millionen Menschen mit riskantem Alkoholkonsum, 2,7 Millionen mit einem Alkoholmißbrauch und 1,7 Millionen Alkoholabhängige. 1,4 Millionen Menschen leiden an einer Medikamentenabhängigkeit und 150.000 sind abhängig von harten Drogen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung sind Raucher. Besonders besorgniserregend ist es, daß nach jahrelangem Rückgang jetzt wieder mehr Jugendliche rauchen. Sucht- bzw. Drogenabhängigkeit ist eine chronische Krankheit, für die es bis heute kein abschließendes Erklärungs- und Entstehungsmuster gibt. Am ehesten ist von einer multifaktoriellen Verursachung auszugehen.

Für die Versorgung suchtkranker Menschen besteht in Deutschland ein hochwertiges Beratungs- und Behandlungssystem mit 1.250 ambulanten Beratungsstellen und 14.500 vollstationären Entwöhnungsbetten. Es werden jedoch bei weitem nicht alle Suchtkranke erreicht - z. B. suchen nur 6 % der Personen, die einen riskanten oder mißbräuchlichen Alkoholkonsum betreiben oder abhängig sind, entsprechende Fachdienste und nur 7 % Fachkrankenhäuser auf. Ebenso werden schwerkranke Abhängige von harten Drogen nur unzureichend erreicht. Ca. 50 % der alkohol- und medikamentenabhängigen Menschen bleiben nach einer stationären Behandlung abstinent, bei Drogenabhängigen sind dies etwa ein Drittel. Diese Erfolge der Suchtbehandlung sind zwar beachtenswert, aber noch nicht ausreichend.

Der 102. Deutsche Ärztetag fordert daher im einzelnen:

  1. Bund, Länder und Gemeinden, sich verstärkt für gesamtgesellschaftliche Bedingungen zur Suchtprävention und zur psychosozialen Betreuung Suchtkranker einzusetzen. Akuter Handlungsbedarf besteht aufgrund des massiven Mißverhältnisses von bundesweit ca. 60.000 mit Methadon oder Codein substituierten Drogenabhängigen und nur 280 Fachkräften für die psychosoziale Betreuung (entspricht 214 Substituierten pro Fachkraft!).
  2. Bund, Länder und Gemeinden, innerhalb des geplanten Modellprojekts zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger die bereits gewonnen Erkenntnisse aus Versuchen in anderen Ländern, insbesondere der Schweiz und den Niederlanden, zu berücksichtigen und mit hohem wissenschaftlichen Anspruch zu prüfen, ob bisher nicht erreichte Drogenabhängige zusätzlich erreicht werden und im Vergleich mit bisherigen Angeboten bessere Ergebnisse erzielt werden können. Die von der Bundesärztekammer genannten Voraussetzungen müssen berücksichtigt werden. Ein umfassender multiprofessioneller Behandlungsansatz, in dem auch eine dem Patienten entsprechende psychosoziale Betreuung und Begleitung garantiert wird, ist unabdingbar.
  3. Die Krankenversicherung und die Rentenversicherung, eine an den Versorgungsproblemen des Patienten orientierte Behandlung ohne bürokratische Hürden zu ermöglichen.

Die ärztliche Selbstverwaltung, sich für Rahmenbedingungen einzusetzen, die die Ansprache suchtkranker Menschen in der Grundversorgung und die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Suchtkrankenhilfe erleichtern und die Qualität der Suchtbehandlung sichern.