Beschlussprotokoll 105. Dt. Ärztetag 2002: Zu Punkt I der Tagesordnung: Gesundheits-, Sozial- und ärztliche Berufspolitik

I, 8 : Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus

Auf Antrag des Vorstandes der Bundesärztekammer (Drucksache I-3) fasst der 105. Deutsche Ärztetag folgende Entschließung:

Die von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung vorgelegte Analyse zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung zeigt auf, dass sich der Arbeitsmarkt für die deutschen Ärztinnen und Ärzte im Umbruch befindet: Die deutsche Ärzteschaft hat gravierende Nachwuchsprobleme. Hieraus entstehen schon jetzt bundesweit Versorgungsengpässe vor allem in der Allgemeinmedizin, aber auch in anderen Fachbereichen. Die anwachsende Zahl von Stellenausschreibungen und die festgestellte Zunahme des Durchschnittsalters betrifft insbesondere die ostdeutschen Länder.

Durch überbordende Reglementierungen und Bürokratisierung der ärztlichen Berufsausübung und einer budgetbedingten Arbeitsüberlastung ist der Arztberuf in Klinik und Praxis offensichtlich zunehmend unattraktiv geworden. Die Situation stellt sich folgendermaßen dar:

  • Der "Verlust" an Medizinstudenten und -studentinnen im Studienverlauf liegt zwischen 30 bis 40 Prozent. In dieser unvertretbar hohen Quote befinden sich Studienabbrecher und Studienwechsler sowie eine etwa gleich große Zahl von Studienabsolventen, die jedoch nicht in die AiP-Phase eintreten und offensichtlich in alternative Berufsfelder gehen.
  • Die Zahl der Allgemeinmediziner und Praktischen Ärzte hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen; in den neuen Bundesländern werden zudem in den nächsten fünf bis zehn Jahren ca. 40 Prozent Hausärzte die Altersgrenze erreichen und somit aus dem Berufsleben ausscheiden.
  • Insbesondere in den neuen Bundesländern stellt sich die Altersproblematik auch in anderen Fachgebieten besonders dramatisch dar: es fehlt der Nachwuchs einerseits - andererseits ist die Versorgung durch ein überproportionales Ausscheiden von Rentnern und Ruheständlern gefährdet.
  • Vor allem in den ländlichen Regionen wirkt sich der Ärztemangel schon heute aus und greift bereits auf Ballungsgebiete über.
  • Auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen wählen immer mehr Ärzte den frühestmöglichen Zeitpunkt für ihre Pensionierung oder scheiden ganz aus dem Arztberuf aus.
  • Obwohl für 2001 die Gesamtstatistik noch eine gering positive Steigerungsrate von 1,6 Prozent aufweist, ist die Rate an berufstätigen Ärztinnen und Ärzten in einigen Landesärztekammern bereits jetzt negativ; ein warnendes Anzeichen für einen sich auf absehbare Zeit generell abzeichnenden Ärztemangel ist der deutliche Rückgang an stationär tätigen Ärzten und Ärztinnen in fünf Landesärztekammern.
  • Die gegenwärtig bestehenden regionale Versorgungsengpässe werden sich vor dem Hintergrund erhöhter Behandlungserfordernisse infolge Langlebigkeit, Multimorbidität und medizinischen Fortschritts erheblich verschärfen.

Der Deutsche Ärztetag fordert daher eine konzertierte Aktion von ärztlicher Selbstverwaltung, Politik und Krankenkassen, um die fatale Entwicklung zu stoppen und möglichst umzukehren. Durch Abbau staatlicher Reglementierungen sowie durch angemessene Arbeits- und Vergütungsbedingungen am Krankenhaus und in freier Praxis muss dem Arztberuf wieder der Stellenwert eingeräumt werden, den er im Ansehen der Bevölkerung nach wie vor hat.

Es ist an der Zeit, die Diffamierung des Arztberufes einzustellen.Der Arztberuf muss wieder attraktiv werden.

Junge Ärztinnen und Ärzte können verstärkt motiviert werden, wieder in die praktische Medizin zu gehen.
Dazu sind folgende Maßnahmen geeignet:

  • Umsetzung der novellierten Approbationsordnung mit praxisnahem Medizinstudium an den Medizinischen Fakultäten aller Bundesländer
  • Änderung der Bundesärzteordnung zwecks Abschaffung des AiP"s als überfällige Maßnahme
  • Verbesserung der ärztlichen Weiterbildung in Klinik und Praxis und Bereitstellung der hierfür notwendigen Mittel
  • Schaffung einer einheitlichen Hausarzt-Qualifikation und weiterer Anreize für die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin
  • Anerkennung des Bereitschaftsdienstes als volle Arbeitszeit entsprechend des Urteils des Europäischen Gerichtshofes
  • Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  • Reduzierung und Bezahlung von Überstunden
  • Aufhebung der Ost-West-Finanzierungslücke und gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Gelingt es nicht, mit diesen und weiteren Maßnahmen die fatale Entwicklung umzukehren, wird es zu unübersehbaren Folgewirkungen mit einem Versorgungsnotstand in ganz Deutschland kommen und die Patienten werden unter dem Mangel an medizinischer Betreuung und ärztlicher Zuwendung zu leiden haben.