2. Moderne Medizin gehört zur Kultur und nicht zur Industrie

Der Entschließungsantrag von Frau Dr. med. Groß MA, Herrn Prof. Dr. med. Kahlke, Frau Dr. med. Machnik und Herrn Dr. med. Bartmann (Drucksache III - 07) wird zur weiteren Beratung an den Vorstand der Bundesärztekammer überwiesen:

  1. Der Diskussionsprozess über das Arztbild der Zukunft, der mit dem 111. Deutschen Ärztetag angestoßen ist, bedarf der Nachhaltigkeit und ist institutionell auf Dauer zu stellen.
  2. Die deutsche Ärzteschaft wird sich in Zukunft verstärkt um ein angemessenes Verständnis von Gesundheit, Krankheit, Heilung und Therapie bemühen und ein solches Verständnis im Interesse der Qualität der Behandlung und der Bedürfnisse der anvertrauten Patienten fördern.
  3. Ein nachhaltiger Diskurs um die Stellung der Medizin in modernen Gesellschaften setzt zwingend einen interdisziplinären Ansatz voraus. Nur im Austausch mit den anderen Sozialwissenschaften, der Philosophie und der Psychologie sowie insbesondere auch der Theologie wird es gelingen, der Identitätsbildung der deutschen Ärzteschaft Substanz zu verleihen und für die Interessen einer humanen Patientenbehandlung auch in Zukunft zu streiten.

Begründung:

Die kritischen Entwicklungen des deutschen Gesundheitswesens in den letzten Jahrzehnten finden einen wesentlichen Grund in einem folgenreichen und gravierenden Missverständnis der Gesundheitspolitik der gesellschaftlichen Funktion der Medizin gegenüber.

Nahezu allen Eingriffen und Gesetzen liegt die Vorstellung zu Grunde, das Gesundheitswesen, die Medizin und die ärztliche Kunst seien ähnlich anzulegen und zu organisieren wie Industriebetriebe, aus denen auch die Vorstellungen von Effizienz und Effektivität entlehnt zu sein scheinen.

Eine solche Vorstellung der Medizin und der ärztlichen Kunst als einseitiges Herstellen und industrieller Organisation geht in die Irre und gefährdet den Wesenskern aller therapeutischer Anstrengungen.

Der Charakter und das Wesen der Begegnung von Patient und Arzt im Prozess der Stärkung des Erkrankten und des Einsatzes der ärztlichen Kunstmittel ist eine zutiefst humane, kulturelle Leistung und kann nur unter bestimmten Bedingungen optimal gedeihen.

Sie ist daher - von Ausnahmen abgesehen - nicht als eine industrielle Produktionskette darstellbar.

Eine Medizin, die nur noch die Krankheiten behandeln muss und nicht den Kranken, ist in ihrem Kern tödlich getroffen.