125 Jahre Deutsche Ärztetage

Am 17. September 1873 trat in Wiesbaden der erste Deutsche Ärztetag zusammen. Er beschloss eine Satzung für den Ärztevereinsbund, der die Aufgabe hatte, die zerstreuten Ärztlichen Vereine Deutschlands zu gegenseitiger Anregung und gemeinsamer Bestätigung der wissenschaftlichen und praktischen, auch sozialen Beziehungen des ärztlichen Standes zu vereinigen.

Im Jahre 1874 umfaßte der Ärztevereinsbund schon 111 Vereine mit 6.165 Mitgliedern. Im Jahre 1890 hatte sich die Zahl der Vereine sogar verdoppelt: Insgesamt gehörten dem Ärztevereinsbund nun 225 Vereine mit 11.066 Mitgliedern an. Heute ist der Deutsche Ärztetag die parlamentarische Versammlung von insgesamt 351.000.

Eine Zäsur in der Geschichte der Ärztetage markiert die neue sozialpolitische Gesetzgebung des Deutschen Reiches Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Fortan gehörte das Verhältnis der Ärzte zu den Krankenkassen auf die Tagesordnungen nahezu aller Ärztetage. Die Ärzteschaft begrüßte die Absicherung der Arbeiter gegen Krankheit, Unfall und Invalidität, bedauerte aber, daß bei der Vorbereitung und Beratung des Krankenkassengesetzes die Vertretung der deutschen Ärzte nicht vorher angehört worden war. Die hier schon angedeuteten Meinungsverschiedenheiten zwischen der Ärzteschaft einerseits, dem Gesetzgeber und den Krankenkassen andererseits, traten Ende der neunziger Jahre bis zur Jahrhundertwende offen zutage. In einer Petition, die der Geschäftsausschuß des Ärztevereinsbundes 1899 an den Reichstag richtete, wurden vor allem die Machtbefugnisse der Krankenkassen beklagt, Verträge mit "bestimmten Ärzten" abzuschließen - ein Zustand, der schon damals zur Aufhebung der freien Arztwahl führte und heute, 100 Jahre später, wieder von einigen Kassenvorständen unter der Bezeichnung "Einkaufsmodell" als Patentrezept zur Lösung der Finanzierungsprobleme in der gesetzlichen Krankenversicherung gepriesen wird.

Die Ärztetage nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik unterscheiden sich in ihrer Thematik kaum von denen der Vorkriegszeit. Immer wieder sind es gesundheitspolitische Themen, die im Mittelpunkt der Beratungen stehen. Aber auch die Auseinandersetzungen mit den Krankenkassen lebten nach dem Ersten Weltkrieg wieder auf, so daß ein staatlicher Eingriff unmittelbar bevorstand. In dieser Situation fanden beide Seiten - Krankenkassen und Ärzte - zueinander und erarbeiteten gemeinsame Vorschläge, die dann von der Reichsregierung weitgehend übernommen und als Verordnung über Ärzte und Krankenkassen im Oktober 1923 erlassen wurden.

Der Deutsche Ärztetag 1930 in Kolberg protestierte energisch gegen die Verschlechterung der Rechtsstellung der Kassenärzte durch die Notverordnungen. Trotz dieser Erschwernisse war weiterhin das Bemühen erkennbar, eine Verbesserung der medizinischen Versorgung und der ärztlichen Weiterbildung zu erreichen. So beschloß beispielsweise der gleiche Ärztetag 1930, daß Richtlinien für die diagnostische und therapeutische Röntgentätigkeit erarbeitet werden sollen.

Verstrickung in Gewaltverbrechen während der Nazidiktatur

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die Standesorganisationen gleichgeschaltet, eine frei Ärzteorganisation existierte nicht mehr. Die politische und soziale Krise hatte schon 1932 dazu geführt, daß kein Ärztetag veranstaltet werden konnte. Auch während des Dritten Reiches und danach bis 1947 fanden keine Ärztetage statt. Die Jahre nach dem Krieg waren geprägt von den Folgen der Nazidiktatur und den in dieser Zeit begangenen Greueltaten, in die auch Ärzte verstrickt waren. Die Ergebnisse der Nürnberger Ärzteprozesse vor über 50 Jahren fanden u.a. ihren Niederschlag im Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes von 1948 sowie in der Deklaration des Weltärztebundes von Helsinki 1964 und anderen wichtigen Beschlüssen. Zuletzt befaßte sich der 99. Deutsche Ärztetag 1996 in Köln mit dem Thema "Wertebild der Ärzteschaft 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozeß".

Die Delegierten erörterten die Konsequenzen und Lehren aus der Verstrickung der Medizin in die Gewaltmechanismen des Naziregimes. In einer Resolution erinnerten die Vertreter der deutschen Ärzteschaft an Unrecht, Leid und Tod, die Menschen auch aus der Hand von Ärzten im Nationalsozialismus erfahren haben. Ärzte hätten damals an unmenschlichen Versuchen teilgenommen, ihnen Anvertraute verraten, Beistand und Hilfe versagt. "Ärzte haben Tod und Leiden von Menschen in verachtenswerter Weise herbeigeführt, angeordnet und gnadenlos verwaltet", heißt es in der Entschließung des 99. Deutschen Ärztetages. Die Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus seien eine eindringliche Mahnung, die ärztlichen Grundwerte gegen den Zeitgeist und staatliche Eingriffe zu verteidigen. Zu den ethischen Normen der Ärzteschaft gehörten die Achtung vor dem Selbstbestimmungsrecht der Menschen sowie die Pflicht, dem Patienten nicht zu schaden und nach bestem Wissen und Gewissen seinem Wohle zu dienen.

Neuaufbau der ärztlichen Selbstverwaltung heutiger Prägung

Nach Ende des Krieges und der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entstand die ärztliche Selbstverwaltung heutiger Prägung. Den Beginn einer länderübergreifenden Zusammenarbeit der Ärztekammern markiert die 1947 gegründete "Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Ärztekammern", der heutigen Bundesärztekammer. Nach siebzehnjähriger Unterbrechung versammelten sich am 16. und 17. Oktober 1948 in Stuttgart erstmals wieder Vertreter der deutschen Ärzteschaft zum 51. Deutschen Ärztetag. Ein neuer Abschnitt in der Geschichte der deutschen Ärzteschaft und der Deutschen Ärztetage wurde damit eingeleitet. Es dauerte noch über 40 Jahre bis auch in den ostdeutschen Bundesländern Ärztekammern gegründet werden konnten. Im Frühjahr 1991 kamen in Hamburg erstmals 250 Delegierte als gewählte Repräsentanten von insgesamt über 300.000 Ärztinnen und Ärzten aus allen Ärztekammern als Körperschaften öffentlichen Rechts zusammen. Nach 1993 in Dresden war der 100. Deutsche Ärztetag vom 27. bis 31. Mai 1997 in Eisenach die zweite Zusammenkunft der Ärzteschaft in den ostdeutschen Bundesländern seit der Wiedervereinigung.