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Texte und Berichte: Verletzungen und deren Folgen - Prävention als ärztliche Aufgabe

Berlin, 2001

Verletzungen und deren Folgen - Prävention als ärztliche Aufgabe [PDF]
1. Auflage, 2001, Texte und Materialien der Bundesärztekammer zur Fortbildung und Weiterbildung, Band 23, Herausgeber: Bundesärztekammer 

Injuries an their consequences - Prevention as a task for doctors [PDF]

Mehr als 10 Millionen Personen erleiden in Deutschland pro Jahr eine Verletzung - 34.000 Personen sterben an Verletzungen und Vergiftungen. Ein Großteil der Unfälle - nach Schätzungen zwischen 30 bis 60 % - und die damit verbundenen immensen Folgekosten könnten durch Präventionsmaßnahmen verhindert werden.

Redaktion:

  • Prof. Dr. phil. J. Siegrist, Düsseldorf

für die Bundesärztekammer:

  • Dr. med. F. Lehmann, MPH, Köln
  • Dr. med. J. Engelbrecht, Köln
  • Dr. phil. B. Dietz, Köln

Inhaltsverzeichnis

I. Vorwort.

1 Grundlagen

2 Kindes- und Jugendalter

2.1 Epidemiologische Bestandsaufnahme

2.1.1 Überblick und Datenlage

2.1.2 Unfall- und Verletzungsarten

2.2 Präventive Maßnahmen

2.2.1 Allgemeine Maßnahmen

2.2.2 Maßnahmen bei spezifischen Risikogruppen

3 Frühes und mittleres Erwachsenenalter

3.1 Epidemiologische Bestandaufnahme

3.1.1 Verkehrsunfälle

3.1.2 Sportunfälle

3.1.3 Arbeitsunfälle

3.1.4 Verletzungen durch Gewalt

3.2 Präventive Maßnahmen

3.2.1 Verkehrsunfälle

3.2.2 Sportverletzungen

3.2.3 Arbeitsunfälle

3.2.4 Verletzungen durch Gewalt

4 Höheres Lebensalter

4.1 Epidemiologische Bestandsaufnahme

4.1.1 Verkehrsunfälle

4.1.2 Heim- und Freizeitunfälle (vor allem Sturzunfälle)

4.2 Präventive Maßnahmen

4.2.1 Verkehrsunfälle

4.2.2 Stürze

4.2.3 Weitere präventive Maßnahmen

5 Empfehlungen

5.1. Empfehlungen an die Ärzteschaft

5.2. Empfehlung zum Aufbau eines nationalen Unfallpräventionsprogramms

II. Literatur

III. Verzeichnis der Mitarbeiter

I. Vorwort

Mehr als 10 Millionen Personen erleiden in Deutschland pro Jahr eine Verletzung 34.000 Personen sterben an Verletzungen und Vergiftungen. Ein Großteil der Unfälle nach Schätzungen zwischen 30 bis 60 % und die damit verbundenen immensen Folgekosten könnten durch Präventionsmaßnahmen verhindert werden. Besonderer Handlungsbedarf besteht bei Unfällen in Heim und Freizeit, weil diese im Vergleich zu Arbeits- und Verkehrsunfällen sehr häufig auftreten aber keine vergleichbaren konzentrierten Präventionsprogramme bestehen. Besonders betroffen von Verletzungen sind Kinder, Jugendliche und ältere Menschen sowie sozial Benachteiligte. Präventionsmaßnahmen sollten aufbauend auf der Kenntnis der Ursachen zielgenau, auf die besonders betroffenen Zielgruppen konzentriert und gemeinschaftlich durch alle gesellschaftlichen Kräfte initiiert und durchgeführt werden. Ärzte sind durch die Behandlung der Unfallfolgen besonders motiviert und durch ihren breiten Zugang zur Bevölkerung besonders geeignet, Verletzungen wirksam zu verhindern.

Der 104. Deutsche Ärztetag 2001 hat hierzu auf der Basis des vorliegenden Berichts 10 konkrete Vorschläge beschlossen:

  1. Aufbau eines nationalen Unfallpräventionsprogramms;
  2. Verbesserung der interdisziplinären Forschung zu Ursachen von Unfällen und Verletzungen;
  3. Dokumentation und Adaptation erfolgreicher internationaler Programme zur Unfallprävention;
  4. Initiierung und Unterstützung von Präventionsprogrammen in Zusammenarbeit mit kommunalen Gesundheitskonferenzen, Berufsgruppen, Betrieben, Schulen;
  5. In der ambulanten und stationären Versorgung vertiefte altersgruppenspezifische ärztliche Diagnostik, Beratung und interdisziplinäre Kooperation bezüglich von Gefährdungen durch Verletzungen einschließlich der hierzu erforderlichen Rahmenbedingungen;
  6. Im öffentlichen Gesundheitsdienst verstärkte aufsuchende Präventionsmaßnahmen durch den kinder- und jugendärztlichen Dienst;
  7. Bevorzugter Einsatz wissenschaftlich geprüfter Präventionsmaßnahmen;
  8. Sicherstellung der Einbeziehung ärztlicher Erfahrung und medizinischer Sachkompetenz bei Herstellung und Testung potentiell unfallträchtiger Produkte;
  9. Verstärkte Berücksichtigung der Präventionsthematik in den Curricula der Aus-, Weiter- und Fortbildung der Gesundheitsberufe, in erster Linie im Rahmen des Medizinstudiums sowie der postgradualen Public-Health-Studiengänge;
  10. Verbesserung der kommunalen Unfallberichterstattung in Zusammenarbeit mit Ländern und Kommunen sowie eine Stärkung kommunaler Unfallpräventionsmaßnahmen.

Der Bericht "Verletzungen und deren Folgen Prävention als ärztliche Aufgabe" stellt differenziert nach Altersgruppen (Kindes- und Jugendalter, frühes und mittleres Erwachsenenalter sowie höheres Lebensalter) jeweils zunächst eine Analyse der Situation auf der Basis der vorliegenden Daten und folgend davon abgeleitet die spezifischen Präventionsmaßnahmen dar. Der Bericht bietet somit eine gute Grundlage sowohl für die ärztliche Beratung in der Praxis, im Krankenhaus und im öffentlichen Gesundheitsdienst, als auch für die politische Entscheidungsbildung innerhalb der Ärzteschaft, der Krankenkassen sowie der Gesundheits- und allgemeinen Politik.

Die Bundesärztekammer dankt allen ehrenamtlich oder hauptamtlich Beteiligten an der Erstellung dieses Berichts, namentlich Herrn Prof. Dr. J. Siegrist.

Köln, im Juni 2001
Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe

Grundlagen

Verletzungen bilden eine häufige Ursache ärztlicher Behandlung, sie führen häufig zu lebenslanger Behinderung und im Erwerbsalter oft zu vorübergehender oder dauernder Arbeitsunfähigkeit, und durch verletzungsbedingte Todesfälle geht ein beachtlicher Teil von Lebensjahren verloren. Diese Zahl ist höher als die verlorenen Lebensjahre durch Krebs- und Herz-Kreislauferkrankungen. Den größten Anteil an Verletzungen nimmt das Unfallgeschehen ein. Der Unfall ist definiert als eine plötzlich von außen auf den Körper einwirkende Gewalt. Als wichtigste Unfallorte gelten 1. Haus und häusliche Umgebung, 2. Verkehrswege, 3. Arbeitsort und -weg, 4. Erholungs- und Sportstätten sowie 5. öffentliche Räume.

Informationen über den Umfang von Verletzungen in Deutschland liegen aus einer Vielzahl admi­nistrativer Daten sowie neuerdings aus repräsentativen Bevölkerungsumfragen vor. Zu den rele­vanten administrativen Datenquellen zählen die Todesursachenstatistik, die Krankenhausstatistik, die Meldestatistik der Polizei sowie die Statistiken des Hauptverbandes der gewerblichen Berufs­genossenschaften und der Unfallversicherer. Repräsentative Survey-Daten liegen aus der Mikro­zensusbefragung (zuletzt verfügbar 1999), dem Bundesgesundheitssurvey 1998 (Bellach 1999) sowie zwei Haushaltsbefragungen zu Heim- und Freizeitunfällen in Deutschland vor. Letztere wur­den von der Europäischen Gemeinschaft zur Verhütung von Verletzungen länderübergreifend in­itiiert. In Deutschland wurden sie erstmals 1996 und 1997 von der Bundesanstalt für Arbeits­schutz und Arbeitsmedizin realisiert. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten die Geräteunfälle, soweit diese dem Gerätesicherheitsgesetz unterliegen (Europäisches Heim- und Freizeitüber­wachungs­system EHLASS).

Zur Zeit besteht in Deutschland keine einheitliche Datenerhebung für unterschiedliche Unfallarten und Altersgruppen. Im Bereich der administrativen Daten sind die nachfolgend aufgeführten Datenquellen von besonderer Bedeutung.

Todesursachenstatistik

Auf der Basis sämtlicher Totenscheine gibt das Statistische Bundesamt jährlich eine Todesur­sachenstatistik heraus. Bezüglich der Unfälle werden Unfallart (Sturz, Verbrennung, Vergiftung etc.), Unfallort, Unfallursache, Alter und Geschlecht dokumentiert.

Verkehrsunfallstatistik

Die polizeilich gemeldeten Unfälle im Straßenverkehr werden jährlich mit Informationen zu Un­fallort, Unfallart, Unfallursachen, Schwere der Verletzungen (Schwer-, Leichtverletzte; Anzahl der Getöteten und Verletzten) sowie Alter und Geschlecht der Opfer veröffentlicht.

Krankenhausdiagnosestatistik

Alle unfallbedingten Krankenhausaufnahmen werden mit der Hauptdiagnose für den Krankenhaus­aufenthalt (nach ICD-9) mit Behandlungsdauer, erfolgten Operationen, Alter und Geschlecht er­fasst. Seit 1992 sind epidemiologische Eckwerte jährlich (bundes- und landesweit) zum Schwere­grad von Verletzungen über die Krankenhausdiagnosestatistik erhältlich. Unfallursachen und der Unfallort werden jedoch nicht erfasst. Insofern lassen sich hieraus keine differenzierten Unfall­analysen ableiten.

Unfallstatistiken der Unfallversicherungsträger

Die Statistiken der gesetzlichen Unfallversicherungsträger enthalten Angaben über Unfallort, Un­fallhergang und -folgen sowie Alter und Geschlecht der Verunfallten. Allerdings sind die Daten nur bedingt geeignet, da die Bezugsgröße jeweils die Versichertenpopulation ist (Unfallrate pro 1.000 Versicherte).

Haus- und Freizeitunfallstatistik

Hierbei handelt es sich um allerdings nicht kontinuierlich durchgeführte repräsentative Haus­haltsbefragungen zu Heim- und Freizeitunfällen, welche die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre durchgeführt hat. Es wurden Unfalldaten nach Geschlecht, Alter, Unfallort, Unfallart und -hergang erhoben. Vergiftungen wurden hierbei nicht erfasst, und über neueste Entwicklungen gibt es keine Informationen (vgl. z.B. neue Freizeit­sportarten und Produktinnovationen wie Inlineskate, Roller, Snowboard) (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Henter 1995, 1999, Schlude u. Zeifang 1998).

Versucht man, aus der Vielzahl vorliegender Informationen und unter Berücksichtigung ihrer begrenzten Aussagekraft ein zusammenfassendes Bild des gegenwärtigen Verletzungsgeschehens in Deutschland zu erhalten, so lassen sich zumindest die nachfolgend aufgeführten Erkenntnisse festhalten. Auf eine differenziertere Darstellung, welche die für die Prävention besonders wichtigen Risikogruppen, Verletzungsorte und Verletzungsursachen analysiert, werden die nachfolgenden Kapitel des Berichtes eingehen.

Als vergleichsweise umfassendste und aktuellste Information können die kürzlich veröffentlichten Befunde des Bundesgesundheitssurveys 1998 bewertet werden (Casper 2000, zur Methodik und Stichprobe s. Bellach et al. 2000). Hierbei wurde eine repräsentative Bevölkerungsgruppe im Alter von 18 bis 79 Jahren u.a. danach gefragt, ob sie innerhalb der letzten 12 Monate eine Verletzung oder Vergiftung erlitten hatte, die ärztlich versorgt werden musste, ferner wurden Informationen über Verletzungsart, Schweregrad (Arbeitsunfähigkeit) und Unfallort gesammelt.

11,9 % der Befragten haben innerhalb eines Jahres eine Verletzung oder Vergiftung durch einen Unfall erlitten, weitere 0,3 % durch Gewalt (hochgerechnet auf die bundesdeutsche Bevölkerung 8,5 Millionen Personen zwischen 18 und 79 Jahren). Besonders häufig sind die Unfälle bis zum Alter von 30 Jahren. Sie verringern sich mit zunehmendem Alter und steigen in den Altersgruppen ab 70 Jahren wieder an. Bis zum Alter von 70 Jahren haben Männer häufiger Unfälle als Frauen. Bis zum Alter von 50 Jahren ist die Unfallhäufigkeit der Männer fast doppelt so hoch wie diejenige der Frauen. Die Unfälle ereignen sich im Haus und in häuslicher Umgebung (28 %), bei der Arbeit oder auf dem Arbeitsweg (24 %), beim Sport und Spiel (23 %) sowie auf der Straße bzw. auf dem Gehweg (18 %, sonstige 7 %). Unfälle im Haus und in der Freizeit sind somit mit 60 % ein besonders häufiges Gesundheitsproblem. Die häufigste Unfallursache (zwei Drittel aller Unfallverletzungen in allen Bereichen) ist der Sturz besonders häufig im Alter über 70 Jahre. Die für den Survey gesammelten Daten zeigen, dass die Unfallhäufigkeit bisher unterschätzt wurde. Dies gilt nicht nur für Haus- und Freizeitunfälle, sondern auch für Verkehrsunfälle.

Männer erleiden Verletzungen häufiger als Frauen bei der Arbeit sowie beim Sport, Frauen häufi­ger im Haus (s. Abb. 1). In einer Lebenslaufperspektive zeigt sich, dass Männer im frühen Er­wachsenenalter (bis 30 Jahre) den stärksten Anteil an Unfällen, mit über einem Drittel, bei sportli­cher Betätigung verzeichnen, gefolgt von Arbeitsunfällen. Letztere nehmen im mittleren Erwachse­nenalter den größten Raum ein, während ab dem 60. Lebensjahr die Hausunfälle, mit etwa 2 Drit­teln, überwiegen. Bei Frauen ereignen sich im jüngeren Erwachsenenalter die meisten Unfälle im Verkehr und beim Sport. Diese werden in ihrer Bedeutung im mittleren Erwachsenenalter von Haus­unfällen abgelöst, während ab 60 Jahren wieder die Verkehrsunfälle, gefolgt von häuslichen Unfällen das größte Gewicht besitzen.

Häufigste Verletzungsfolgen sind Verstauchungen, Zerrungen, offene Wunden und Quetschungen (66 % bei der männlichen und 60 % bei der weiblichen Bevölkerung), gefolgt von Frakturen (20 % bei der männlichen, 24 % bei der weiblichen Bevölkerung). Während Gehirnerschütterungen lediglich 6 % der Verletzungsarten ausmachen, bilden diese unter den Unfallfolgen den häufigsten Grund für eine stationäre Behandlung.


Abb. 1: Männer und Frauen jeweils 100 % (Quelle: Casper 2000)

Von den amtlichen Daten zum Verletzungsgeschehen sind diejenigen besonders interessant, welche auf schwerere, folgenreiche Unfälle hinweisen. Dies sind in erster Linie die Todesursachenstatistik, die polizeiliche Unfallstatistik, sowie die Statistik gemeldeter Arbeitsunfälle der Unfallversicherungen, insbesondere des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften. 1998 starben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes etwa 34.600 Menschen (4,1 % aller Todesfälle) an Verletzungen und Vergiftungen. Etwa 8.000 Todesfälle ereigneten sich bei Straßenverkehrsunfällen, etwa 6.000 durch häusliche Unfälle und, bei aller Vorsicht gegenüber der diagnostischen Klassifikation, etwa 11.600 wurden als Suizide eingestuft. Der Anteil der Sturzunfälle mit tödlichem Ausgang auch außerhalb von Haus und häuslicher Umgebung nimmt, als Folge demografischen Alterns, deutlich zu (s. unten Kapitel 4.1.2).

Nachfolgend sollen die bisher gut dokumentierten Verletzungsanlässe der Verkehrsunfälle und Arbeitsunfälle in ihrem Umfang etwas genauer dargestellt werden.

1999 wurden über 2,4 Mio. Straßenverkehrsunfälle polizeilich erfasst, bei denen über 528.000 Personen verletzt oder getötet wurden, darunter 77,8 % Leichtverletzte, 20,7 % Schwerverletzte und 1,5 % Getötete (BAST Unfallbilanz 1999). Insgesamt verunglückten über 49.000 Kinder unter 15 Jahren (s. unten Kapitel 2.1). Eine weitere besondere Risikogruppe stellt die der 18-24-jährigen dar. Diese Gruppe besitzt mit Abstand das höchste Unfallrisiko im Straßenverkehr. 1999 verunglückten 116.620 junge Männer und Frauen in dieser Altersgruppe, darunter 1.694 mit tödlichen Folgen. Obwohl nur 7,7 % der Gesamtbevölkerung zu dieser Altersgruppe zählen, beträgt ihr Anteil an den im Verkehr Verletzten und Getöteten 22 %. Das Verkehrsunfall-Letalitätsrisiko in dieser Altersgruppe ist damit beinahe dreimal so hoch wie dasjenige der übrigen Altersgruppen.

Die Unfallschwere weist einen Geschlechtsgradienten auf (76 % der PKW-Toten in dieser Altersgruppe waren Männer, 24 % Frauen). Wichtig ist ferner die Beobachtung, dass ein Viertel der Unfälle mit Personenschaden von 18-24-jährigen Verkehrsteilnehmern verursacht wurde und dass dabei beinahe jeder dritte Unfall mit Personenschaden durch einen sogenannten Fahrunfall erfolgte, d.h. dadurch, dass der Fahrer ohne Fremdeinfluss die Kontrolle über das Fahrzeug verlor (BAST 1999; s. auch Kapitel 3).

Neben Kindern und jungen Erwachsenen sind ältere Personen (> 65 Jahre) besonders gefährdet. Von den 1999 im Straßenverkehr getöteten Fußgängern und Radfahrern waren 43 % bzw. 39 % über 65 Jahre alt. Der Anteil der über 65-jährigen an Verkehrstoten insgesamt betrug 16,8 %. Tödliche Folgen von Verkehrsunfällen ergeben sich in dieser Altersgruppe am häufigsten als Fußgänger (37,6 %), als Fahrradfahrer (35,8 %) und, allerdings mit steigender Tendenz, als PKW-Fahrer in 11,5 % (zu Einzelheiten s. Kapitel 4.1).

Auf die steigende Bedeutung von Haus- und Freizeitunfällen wurde bereits hingewiesen. Aufgrund von Schätzungen ergibt sich eine Zunahme dieser Unfallgruppe von ca. 4.6 auf ca. 5 Mio. Fälle pro Jahr im Zeitraum zwischen 1988 und 1992. Berücksichtigt man lediglich die Erwerbstätige Bevölkerung, so ergibt sich mit geschätzten 53 meldepflichtigen Unfallverletzungen in Heim und Freizeit pro 1.000 Vollarbeitenden eine Unfallhäufigkeit, die etwa gleich groß ist wie die Häufigkeit meldepflichtiger Arbeitsunfälle (54 pro 1.000 Vollarbeitende).

Aus repräsentativen Haushaltsbefragungen hochgerechnet ergibt dies pro Jahr etwa 26. Mio. Arbeitsunfähigkeitstage durch Haus- und Freizeitunfälle. Hierbei bilden Stürze die häufigste Verletzungsursache (ca. 50 %). Unter den Sportarten mit Unfallfolgen ist der Fußball (26 %) am häufigsten, gefolgt von Skiabfahrt (12 %) und Inlineskate (9 %) (s. auch Kapitel 2 und 3).Von besonderem Interesse ist, dass lediglich in 25 % der Fälle Umgebungseinflüsse, in 12 % technische Mängel an Geräten als Unfallursache angeführt werden. Im überwiegenden Teil der Fälle werden eigene Verhaltensfehler sowie physische und psychische Einflüsse geltend gemacht.

Die neben den Verkehrsunfällen am besten amtlich dokumentierte Verletzungsart betrifft Arbeitsunfälle. Arbeitsunfallhäufigkeit wird definiert als die Anzahl der Arbeitsunfälle pro 1.000 Vollarbeitende und Jahr. Dabei ist ein Arbeitsunfall dann meldepflichtig, wenn als Folge eine mehr als dreitägige Arbeitsunterbrechung resultiert. Ebenfalls gezählt werden durch Arbeitsunfälle verursachte Renten sowie tödliche Arbeitsunfälle. Das umfassendste Zahlenmaterial stammt von dem Hauptverband der Gewerblichen Berufsgenossenschaften, das auf 41,7 Mio. Versicherten, entsprechend 30,4 Mio. Vollarbeitenden, beruht.

Danach lässt sich festhalten, dass in 1998 1,2 Mio. meldepflichtige Arbeitsunfälle verzeichnet wurden. Bei dieser Angabe ist zu beachten, dass in die Statistik "Fälle", nicht "Personen" eingehen. In der Angabe sind somit auch mehrfache Unfälle einer Person enthalten. Diese Arbeitsunfälle führten in 25.000 Fälle zu neuen Renten, etwa 950 Arbeitsunfälle verliefen tödlich. Der überwiegende Teil neuer Renten entfiel auf Arbeitsunfälle, lediglich etwa ein Fünftel auf Wegeunfälle. Wie bereits erwähnt, sind Männer in stärkerem Maße als Frauen von Arbeitsunfällen betroffen. Das gilt auch, wenn lediglich die erwerbsaktive Bevölkerung untersucht wird. Etwa ein Drittel der meldepflichtigen Arbeitsunfälle ereignen sich bei Versicherten, die weniger als 30 Jahre alt sind. Im Gegensatz zu Straßenverkehrsunfällen sind jedoch in dieser Altersgruppe vorwiegend leichtere Arbeitsunfälle zu verzeichnen. In der Altersgruppe 40-59 ändert sich dies jedoch: Hier liegt der Anteil der tödlich verlaufenden Ereignisse bei 50 % und auch überlebte Unfälle mit schweren Folgen sind hier deutlich häufiger zu verzeichnen als in jüngeren Altersgruppen (BGZ-Report 2/99).

Arbeitsunfälle variierten nach Branche und Betriebsgröße. So erstaunt es kaum, dass in den Branchen Bau, Holz, Steine, Eisen und Metall die vergleichsweise höchsten, in den Branchen Handel, Verwaltung, Gesundheitsberufe die vergleichsweise niedrigsten Prävalenzraten auftreten. In allen drei Bereichen (meldepflichtige Arbeitsunfälle, neue Renten, tödliche Arbeitsunfälle) lässt sich eine inverse Beziehung zur Betriebsgröße feststellen: je geringer die Betriebsgröße, desto höher das Risiko (Coenen 1999). Dieser Tatbestand lässt sich zum einen dadurch erklären, dass besonders risikoreiche Branchen wie beispielsweise das Baugewerbe häufig kleine Betriebsgrößen aufweisen, zum anderen dadurch, dass in kleineren Betrieben die Investitionen in Maßnahmen der Arbeitssicherheit und des Arbeitsschutzes im Durchschnitt geringer als in Großbetrieben sind.

Die Entwicklung der Arbeitsunfälle in Deutschland in den vergangenen 40 Jahren verweist auf eine positive Bilanz umfangreicher Präventionsbemühungen, die durch das seit 100 Jahren bestehende duale Arbeitsschutzsystem erzielt wurden. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass etwa 20 % des Rückgangs an Arbeitsunfällen auf den Wandel von Beschäftigungsverhältnissen zurückgeführt werden muss, d.h. auf den Wechsel aus unfallträchtigeren Berufen im Industriesektor in unfallärmere Berufe im Dienstleistungssektor, bleibt die konstante Abnahme aller drei Indikatoren des Arbeitsunfallgeschehens beeindruckend: Im Zeitraum von 1960-1998 beträgt sie für meldepflichtige Arbeitsunfälle, jeweils pro 1.000 Vollarbeitende, 70 %, für neue Unfallrenten 75 % und für tödliche Arbeitsunfälle 83 % (Coenen 2000). Auf die Wirksamkeit von Arbeitsschutzmaßnahmen, unter Einschluss der arbeitsmedizinischen Versorgung, auf nach wie vor bestehende Risikogruppen und teilweise neuartige Präventionsaufgaben wird an späterer Stelle eingegangen (s. Kapitel 3).

Bereits diese wenigen Hinweise zeigen, dass das Verletzungsgeschehen in Deutschland eine Größenordnung einnimmt, die eine verstärkte Prävention auf verschiedenen Ebenen dringend erforderlich macht. Hieraus ergeben sich, wie die nachfolgenden Ausführungen zeigen, wichtige, weitgehend im bestehenden Versorgungssystem zu realisierende ärztliche Aufgaben bei der Prävention von Verletzungen. Nachfolgend werden diese Aufgaben vor dem Hintergrund einer ausführlichen epidemiologischen Bestandsaufnahme des Verletzungsgeschehens für die drei Altersgruppen getrennt dargestellt: Kinder und Jugendliche, Personen im frühen und mittleren Erwachsenenalter, Personen im höheren Lebensalter.

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