Bundesärztekammer

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Statement von Dr. Annegret Schoeller, Mitherausgeberin und Bereichsleiterin im Dezernat V Krankenhaus der Bundesärztekammer

Pressekonferenz zur Vorstellung des Handbuchs „Familienfreundlicher Arbeitsplatz für Ärztinnen und Ärzte – Lebensqualität in der Berufsausübung“ am 29.11.2010 in Berlin

(Es gilt das gesprochene Wort.)

Handbuch soll einen Beitrag für mehr familienfreundliche Arbeitsbedingungen in Klinik und Praxis leisten

Junge Ärztinnen und Ärzte legen großen Wert auf eine ausgewogene sogenannte Work-Life-Balance. Der Beruf ist für sie nicht mehr alles. Die Kolleginnen und Kollegen wollen auch nach Dienstschluss ausreichend Zeit für Freizeitaktivitäten haben und sich stärker in ihren Familien engagieren. In Zeiten des Ärztemangels bedeutet dies für die Arbeitgeber, dass sie sich auf die Bedürfnisse ihrer Beschäftigten einstellen müssen. Einige Verantwortliche haben mittlerweile erkannt, dass die veränderten Rollenbilder von Männern und Frauen sowie der ständig zunehmende Anteil von Ärztinnen den Bedarf an „maßgeschneiderten“ Rahmenbedingungen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf, Familie, Haushaltsführung und Freizeit erhöhen. Doch mangelt es in den meisten Kliniken nach wie vor an familienfreundlichen Arbeitsstrukturen für die Beschäftigten. Stattdessen prägen hohe Arbeitsverdichtung, patientenferne Bürokratie und mangelnde Wertschätzung der ärztlichen Arbeit den Berufsalltag vieler unserer Kolleginnen und Kollegen. Das liegt auch daran, dass Krankenhäuser in besonderem Maße hierarchisch strukturierte Organisationen mit einer physisch und psychisch stark belastenden Arbeitskultur sind. Diese ist gekennzeichnet von einem Anspruch auf eine fast permanente berufliche Verfügbarkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt bei solchen Arbeitsstrukturen viel zu oft auf der Strecke.

Dass es auch anders geht, zeigt das hier vorgestellte Handbuch „Familienfreundlicher Arbeitsplatz für Ärztinnen und Ärzte – Lebensqualität in der Berufsausübung“, in dem unter anderem Kinderbetreuungsmodelle von Krankenhäusern und medizinischen Fakultäten vorgestellt werden, die wegweisend sind. Diese Einrichtungen haben erkannt, dass sich ein Engagement in diesem Bereich auszahlt. So wird in dem Handbuch verdeutlicht, dass Klinikbetreiber, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bewusst und aktiv fördern, in Zeiten des Ärztemangels bessere Chancen haben, ärztlichen Nachwuchs an ihre Einrichtungen zu binden. Hierfür müssen zunächst krankenhausspezifische Anforderungen und Realitäten analysiert und passgenaue Handlungsfelder identifiziert werden. Dabei sind zwei Faktoren von grundsätzlicher Bedeutung: Familienfreundlichkeit muss als Teil der Unternehmenskultur verstanden werden. Ferner erfordern familienfreundliche Strukturen die Erarbeitung eines systematischen Gesamtkonzepts.

Wie ein familienfreundlicher Arbeitsplatz auch im ambulanten Sektor aussehen kann, zeigen  bereits einzelne Gemeinden, die zumindest für die Wochenenden und die Feiertage Notdienstzentralen eingerichtet haben, in denen Ärztinnen und Ärzte Bereitschaftsdienst in Schichten verrichten können und damit die Präsenzpflicht der niedergelassenen Kollegen übernehmen. Darüber hinaus gibt es Lokale Bündnisse für Familien, die sich an den unmittelbaren Bedürfnissen der Menschen vor Ort orientieren.

Zudem stellen wir das Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ vor, dass durch gezielte Informationen bei der Umsetzung familienfreundlicher Strukturen im Unternehmen behilflich ist und den Erfahrungsaustausch zwischen den Unternehmen fördert. Das Handbuch stellt außerdem das Zertifizierungsinstrument für familienfreundliche Einrichtungen „audit berufundfamilie“ vor, das seit über einem Jahrzehnt existiert. Die Liste der zertifizierten Unternehmen ist im Internet einsehbar. Es haben sich immerhin 80 Unternehmen in der Gesundheitsbranche und 108 Hochschulen zertifizieren lassen.

Und schließlich haben wir Checklisten und Anforderungsprofile für familienfreundliche Einrichtungen aufgelistet. Ärztinnen und Ärzte können diese Checklisten nutzen, um den für sie geeigneten Arbeitsplatz zu identifizieren, an dem Familie und Beruf gut vereinbar sind. Arbeitgeber können anhand der Checklisten überprüfen, ob sie für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bewusst und aktiv fördern.

Das Handbuch hebt hervor, dass Klinikträger sowie die Chefärztinnen und Chefärzte aufgrund des zunehmenden Ärztemangels gefordert sind, mehr als bisher in die Personalentwicklung zu investieren. Dazu gehören Wiedereinstiegs- und Kontakthalteprogramme während der Elternzeit zur Steigerung der Rückkehrerquote. Wichtig sind aber auch Beratungsangebote, haushaltsnahe Dienstleistungen, die Gewährung von Sonderurlaub aus familiären Gründen oder ein Tagesmutterservice.

Wir hoffen, dass das vorgelegte Handbuch im Interesse der Ärztinnen und Ärzte als auch ihrer Patientinnen und Patienten einen Beitrag für mehr familienfreundliche Arbeits- und Rahmenbedingungen in Klinik und Praxis leisten kann.

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