Jonitz: "Wir brauchen Qualitätswettbewerb statt Preiswettbewerb"
Berlin, 18.06.2012
"Die Aussage, in Deutschland würde zu viel operiert, ist nicht zulässig." Das sagte Dr. Julia Seifert, leitende Oberärztin der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie des Unfallkrankenhauses Berlin, auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit in Berlin. Zwar stiegen die Operationszahlen an, hierfür gebe es aber nachvollziehbare Gründe. Dazu zählten die demografische Entwicklung, eine sensitivere Diagnotik, ein in Deutschland einfacher Zugang zu Versorgungsangeboten, medizinische Innovationen sowie der OP-Tourismus. Seifert bezog sich damit auf die von den Krankenkassen polemisierte Debatte über die OP-Häufigkeit in Deutschland.
Auch Dr. Günther Jonitz, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer und Präsident der Ärztekammer Berlin, wies die von den Kassen erhobenen Pauschalvorwürfe, Ärzte würden Patienten ohne Grund operieren, scharf zurück. "Der ärztliche Berufsauftrag verbietet es, diagnostische oder therapeutische Methoden unter missbräuchlicher Ausnutzung des Vertrauens, der Unwissenheit, der Leichtgläubigkeit oder der Hilflosigkeit von Patientinnen und Patienten anzuwenden. Ich kenne kein berufsgerichtliches Verfahren wegen eines Verstoßes gegen diese Vorgaben der ärztlichen Berufsordnung." Zudem gäbe die externe stationäre Qualitätssicherung für verschiedene Maßnahmen klare Qualitätsziele vor, die eine angemessene Indikation anhand der klinischen Symptomatik vorsehen würden. Ärzte dem Generalverdacht auszusetzen, sie würden ihre Patienten ohne Grund operieren, sei schlicht unredlich. Solche Aussagen könne man schon deshalb nicht treffen, weil man Qualität in der Medizin nicht exakt messen, sondern allenfalls ermessen könne.
Jonitz kritisierte aber auch falsche Weichenstellungen der Politik. Als Beispiel nannte er die verfehlte Mindestmengenregelung. Sie legt für einige planbare Leistungen Mindestmengen fest. Krankenhäuser, die die Mindestmengen nicht erfülten, dürfen diese Eingriffe nur dann ausführen, wenn andernfalls eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung gefährdet wäre und dies von der zuständigen Landesbehörde genehmigt wird. Die meisten Kliniken versuchten, diese Mindestmengenziele zu erreichen. Dadurch ergebe sich zwangsläufig eine Mengenausweitung. Auch der politisch gewollte Wettbewerb zwischen den Krankenhäusern zwinge Ärzte mitunter dazu, an den Rand der Indikationsstellung zu gehen. Jonitz: "Wir brauchen deshalb Wettbewerb um Qualität, statt Wettbewerb um Preise. Das System muss diejenigen belohnen, die sich um eine optimale Patientenversorgung bemühen."