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Fortbildungsseminar „Medizin und Ökonomie“

„Man kann Wettbewerb auch überdosieren“

Berlin, 01.10.2012

Rationalprinzip, Kostenrechnung und Investitionsplanung, Managementprobleme sowie  Zukunftsperspektiven des deutschen Gesundheitswesens: Diese und weitere Themen standen auf dem Programm des Fortbildungsseminars „Medizin und Ökonomie“ der Bundesärztekammer, an dem Ärztinnen und Ärzte aus ganz Deutschland teilnahmen. „Der ökonomische Druck auf uns Ärzte nimmt stetig zu. Ich habe wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen gelernt und kann nun besser mit der kaufmännischen Leitung im Krankenhaus mitreden“, sagte ein Teilnehmer am Ende des einwöchigen Seminars in Berlin. Neben betriebswirtschaftlichen Grundlagen, die u. a.  Prof. Dr. Jörg Schlüchtermann von der Universität Bayreuth vermittelte, diskutierten die Teilnehmer unter der Moderation von Dr. Franz-Joseph Bartmann, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer (BÄK) und Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, gemeinsam mit Klinikbetreibern, Kassenvertretern und Gesundheitsökonomen über die ökonomischen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen. 

Prof. Dr. Günter Neubauer vom Institut für Gesundheitsökonomik in München verwies auf die Herausforderungen im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung. Durch die alternde Gesellschaft  öffne sich die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben im Gesundheitswesen immer weiter. Eine zukunftsfähige  Lösung dieses Problems sehe Neubauer vor allem in einer Ausweitung der Lebensarbeitszeiten. „Aufgrund des demographischen Wandelns werden wir nicht darum herum kommen, das System durch längere Arbeitszeiten zu finanzieren. Die Arbeitszeit muss der steigenden Lebenserwartung angepasst werden“,  so Neubauer. Allein durch etwa zwei bis drei Jahre längeres Arbeiten würde mehr Geld in das System fließen.

Auch die Krankenhäuser müssen sich der Herausforderung des steigenden Leistungsdrucks bei limitierten Ressourcen stellen. Prof. Dr. Matthias Brandis, ehemaliger leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Freiburg, forderte neue Leistungsanreize, um eine qualitätsorientierte Patientenversorgung zu garantieren. Mit Blick auf die Privatisierungsdebatte von Universitätsklinika sprach sich Brandis für mehr wirtschaftliche und medizinische Kompetenzen in den Aufsichtsräten aus.

Jörg Gottschalk, Geschäftsführer der Martin-Luther-Krankenhausbetriebs GmbH, verwies auf die Bedeutung einer transparenten und prozessorientierten Organisation eines Krankenhauses, in dem der Patient im Fokus steht. „Führung und Organisation bestimmen maßgeblich die Qualität und Rentabilität eines Krankenhauses.“ Er stellte erste Ergebnisse eines entwickelten Führungs- und Organisationsmodells vor, durch das die Arbeitsabläufe optimiert und die Patientenzufriedenheit gesteigert werden konnten.

Rolf. D. Müller, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der AOK Berlin, sprach vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels der Vernetzung der einzelnen Gesundheitsberufe eine besondere Bedeutung zu. Sie ermögliche es, den Patienten eine effiziente und effektive Gesundheitsversorgung bieten zu können. „Die starren Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung müssen sukzessive aufgelöst werden. Die Trennung zwischen präventiver, kurativer und rehabilitativer Medizin sind nicht zukunftsträchtig“, so Müller.

Prof. Dr. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK, referierte über den Nutzen klinischer Studien und die begleitende Versorgungsforschung. „Klinische Forschung und Versorgungsforschung stehen nicht im Wettbewerb zueinander, sie ergänzen sich“, so Rebscher. Die Erfolgsgeschichten vieler Medikamente beruhten auf Beobachtungen in der Routineanwendung und der Durchführung von klinischen Studien. Erst so könnten Nebenwirkungen und Nutzen neuer Medikamente beurteilt werden.

Weitere Schwerpunktthemen des Seminars waren Ärztenetze, die Organisation von Medizinischen Versorgungszentren, Managementprobleme im Krankenhaus sowie neue Versorgungsformen und Strukturveränderungen im Gesundheitssystem. Auf die häufig diskutierte Frage, ob das Gesundheitssystem mehr Wettbewerb brauche, antwortete Schlüchtermann „Wettbewerb ist wie eine Medizin. Man kann ihn auch überdosieren.“

Die Veranstaltung war Bestandteil der jährlichen Fortbildungsreihe „Medizin und Ökonomie“ der Bundesärztekammer, die sich mit wirtschaftlichen Aspekten der ärztlichen Tätigkeit befasst. Sie richtet sich sowohl an Mediziner in eigener Praxis als auch an Ärzte in der Klinik.

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