Dr. Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen und Präsident der Ärztekammer Mecklenburg Vorpommern

Statement zur Pressekonferenz der Bundesärztekammer „Fehlerhäufigkeiten und Fehlerursachen in der Medizin“ am 19. Juni 2012 in Berlin

(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Damen und Herren,

der größte Fehler eines Menschen ist, zu glauben, keinen Fehler zu haben. Denn überall wo Menschen arbeiten, passieren Fehler – auch in der Medizin. Hier können Komplikationen oder unerwünschte Behandlungsergebnisse verschiedene Ursachen haben. Neben unzureichender Diagnostik, Aufklärung und Therapie, die einen Behandlungsfehler darstellen, führen häufig die Begleiterscheinungen der Krankheit an sich, die auch bei bestem Verlauf nicht zu vermeiden sind, zu Problemen. Mitunter lässt sich auch nicht umgehen, dass die Behandlung des Patienten mit belastenden Nebenwirkungen verbunden ist. Oft vermengen sich diese Ursachen, was die Beantwortung der Frage schwierig macht, ob ein Behandlungsfehler für eine Komplikation ursächlich ist oder nicht.

Umso wichtiger ist es, dass die Patientinnen und Patienten bei einem vermuteten Schadensfall nicht allein gelassen werden. Sie sind bei der Aufklärung eines möglichen Behandlungsfehlers auf die ärztliche Expertise angewiesen. Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen sind eine seit fast 40 Jahren bewährte Einrichtung bei den Landesärztekammern, an die sich jeder Patient, der einen Behandlungsfehler vermutet, wenden kann. Es gibt wenige vergleichbare Einrichtungen, die den Patienten ein derartiges Angebot der Begutachtung und Schlichtung unterbreiten. Damit ist „Patient Safety“ für uns schon lange kein Fremdwort mehr. Anderswo in Europa schaut man mit Bewunderung auf diese von den Ärzten initiierten Einrichtungen. Fallbeispiele der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen werden auf internationalen Konferenzen zum Thema Patientensicherheit vorgestellt und dort auch mit wissenschaftlichem Gewinn diskutiert.

Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen dienen aber auch dazu, Patientenrechte zu stärken. Durch die außergerichtlichen Einrichtungen kann der Patient im Vorfeld eines gerichtlichen Verfahrens den Rat unabhängiger Experten einholen. Bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen sind hochqualifizierte Fachgutachter tätig, die gemeinsam mit Juristen – darunter auch frühere Richter von höchsten Bundesgerichten – prüfen, ob dem Arzt für die Behandlung, an deren Ende ein Misserfolg steht, eine Mitschuld nachgewiesen werden kann. Dieser Nachweis durch ein medizinisches Sachverständigengutachten erfolgt für die Patienten ohne größere Bürokratie – es genügt ein formloser Antrag – und ist zudem kostenfrei. Unabhängig davon kann der Patient, wenn er mit der Entscheidung der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen nicht einverstanden ist, nach wie vor ein gerichtliches Verfahren einleiten.

Meine Damen und Herren,

eine völlig fehlerfreie Behandlung wird es nie geben. Schon daraus resultiert die Verpflichtung, alles dafür zu tun, das Risiko so klein zu halten wie irgend möglich. Auch dabei gilt der alte Grundsatz: „Durch Fehler wird man klug - aber man muss nicht jeden Fehler selber machen!“  Seit nunmehr zwölf Jahren werden die Ergebnisse der Gutachterkommission und Schlichtungsstellen mit Hilfe des Medical Error Reporting  Systems, kurz MERS, in einer bundesweiten Statistikdatenbank erfasst und ausgewertet. Die Ergebnisse werden von der Ärzteschaft für Fortbildungs- und Qualitätssicherungsveranstaltungen aufbereitet um gezielte Strategien zur Fehlervermeidung zu entwickeln.

Wir dürfen Sie heute wieder über die bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen eingegangenen Anträge auf Überprüfung von Behandlungsfehlervorwürfen und deren Ergebnisse informieren. Vorweg möchten wir auch in diesem Jahr betonen, dass die vorgestellten Zahlen absolute Zahlen sind, d. h. in Relation zu den Behandlungen gesehen werden müssen, die insgesamt in der Bundesrepublik Deutschland im ambulanten und stationären Bereich vorgenommen werden. Im ambulanten Bereich waren es im ersten Quartal 2011 allein im hausärztlichen Bereich rund 45 Millionen Behandlungsfälle mit rund 105 Millionen Patientenkontakten und im stationären Bereich mehr als 16 Millionen Behandlungen, die von vielen engagierten Ärztinnen und Ärzten jeden Tag unter hohem Arbeitseinsatz erbracht worden sind. Würde man Zufriedenheit von Patienten messen, was leider viel zu selten geschieht, wären diese Zahlen sicherlich deutlich höher als die Zahlen, die wir Ihnen heute präsentieren.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamt.