Prof. Dr. Karl Wessel, Chefarzt der Neurologischen Klinik des Klinikums Braunschweig und ärztliches Mitglied der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern

Statement zur Pressekonferenz der Bundesärztekammer „Fehlerhäufigkeiten und Fehlerursachen in der Medizin“ am 19. Juni 2012 in Berlin

(Es gilt das gesprochene Wort)

Beanstandung ärztlicher Maßnahmen bei der Schlaganfall-Behandlung

Bis zur Einführung von Spezial-Stationen zur Schlaganfallbehandlung (Stroke-Units) Ende der 90er Jahre erfolgte die Schlaganfall-Behandlung in der Regel auf internistischen oder neurologischen Allgemeinstationen ohne intensivierte Überwachung der Patienten und ohne Einbeziehung eines auf diese Therapie spezialisierten Teams. Die seitdem inzwischen weitgehend flächendeckende Einrichtung von Stroke-Units erfolgte mit dem Ziel, die Behandlungsqualität beim Schlaganfall zu verbessern. Das Konzept der Stroke-Unit beinhaltet die Überwachung von Patienten mit akutem Schlaganfall in der initialen instabilen Phase, die Behandlung durch ein spezialisiertes kooperierendes multidisziplinäres Team, die unmittelbare Diagnostik sowie sofortige Basismaßnahmen mit kontinuierlichem Monitoring von Vitalparametern, eine ggf. unmittelbare spezifische Therapie (z.B. Lyse) und Sekundärprävention sowie die Vermeidung von Sekundärkomplikationen. In einer Reihe von Studien konnte gezeigt werden, dass die Stroke-Unit als therapeutische Institution anderen Schlaganfallbehandlungen, insbesondere auf Allgemeinstation eindeutig überlegen ist (Cochrane Review 2009). Die Schlaganfallbehandlung auf der Stroke-Unit senkt die Mortalität und Morbidität signifikant, unabhängig von der Schlaganfallart oder vom Alter der Patienten.

Vor dem Hintergrund dieser Qualitätsverbesserung in der Schlaganfallbehandlung sind Beanstandungen von ärztlichen Maßnahmen nicht ungewöhnlich. Vorwürfe sind dabei u.a. eine verzögerte bzw. nicht sach- und fachgerechte Diagnostik und Therapie und insbesondere die fehlende Überwachung auf einer Stroke-Unit. Dem entsprechen in etwa auch die von den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen festgestellten Fehler, wie: Zeichen eines Schlaganfalls nicht erkannt, keine zeitgerechte Einweisung/Verlegung auf die Stroke-Unit, unzureichende bzw. verzögerte Diagnostik und Therapie.

Auch wenn die Häufigkeit von Schlichtungsverfahren im Rahmen der Schlaganfallbehandlung und auch die Häufigkeit von hierbei festgestellten Fehlern nicht sehr hoch ist, so sind die auftretenden fehlerbedingten Schäden sehr oft gravierend. Von den ca. 200.000 Schlaganfällen pro Jahr in der Bundesrepublik Deutschland bleiben etwa 60.000 schwer behindert und pflegebedürftig, das aber nur ausgesprochen selten in Folge eines von den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen festgestellten Behandlungsfehlers.